Es

03.10.2017 Walter Gasperi

Das Böse geht um in der Kleinstadt Derry. Immer wieder verschwinden Kinder, doch eine Gruppe jugendlicher Außenseiter will den Vorgängen auf den Grund gehen. Andrés Muschietti hat seine Verfilmung von Stephen Kings 1500-seitigem Bestseller als Zweiteiler angelegt und erzählt im ersten Teil schlüssig und spannend einerseits sorgfältig eine Coming-of-Age Geschichte, lässt andererseits aber auch drastische Horrormomente nicht zu kurz kommen.


Vom Himmel herab gleitet die Kamera auf die im Bundesstaat Maine gelegene fiktive Kleinstadt Derry. Von den späten 1950er Jahren hat Muschietti die Handlung in die ausgehenden 1980er Jahre verlegt, um zumindest dem erwachsenen Publikum ein Anknüpfungspunkt zu bieten und den 27 Jahre später spielenden zweiten Teil dann in jüngster Vergangenheit spielen zu lassen.

Ein Insert datiert die Auftaktszene auf Oktober 1988. Spannung baut der argentinische Regisseur, dem vor vier Jahren mit dem Horrorfilm «Mama» ein viel beachtetes Debüt gelang, schon auf, wenn der 13-jährige Billy seinen kleinen Bruder Georgie in den Keller schickt, um Wachs zu holen. Angst verbreitet das Dunkel, doch das Schicksal ereilt den Jungen erst wenig später auf der Straße, als ihn bei strömendem Regen aus einem Gully heraus, in den sein Papierschiffchen verschwunden ist, der bunt bemalte Clown Pennywise anspricht. Irreal wirkt die Szene, denn wie soll der Clown auch in den Gully gekommen sein, symbolisch muss er gemeint sein und ist doch andererseits so real.

Irritation verbreiten King und Muschietti dabei zusätzlich dadurch, dass der Schrecken gerade durch einen Clown, der sonst doch Freude und Lachen verbreiten soll, verursacht wird. Georgie jedenfalls wird von seinem Ausflug nicht zurückkehren. Nach dieser Exposition überspringt der Film etwa ein halbes Jahr, setzt mit dem beginnenden Sommer, der auch der letzte Sommer der Kindheit für Billy und seine Freunde sein wird, neu ein.

Realistisch schildert Muschietti, wie dieser stotternde Jugendliche, aber auch die rothaarige Beverly von älteren Schülern gemobbt werden. Ausgegrenzt werden aber auch der übergewichtige Ben, der Jude Stan, der schwarze Mike, der Brillenträger Richie und der kränkliche Eddie, sodass sich diese sieben Kinder zum «Club der Verlierer» zusammenschließen.

Erbarmungslos ihnen gegenüber ist aber nicht nur eine Gruppe älterer Jugendlicher, sondern auch die Eltern verbreiten hier keine Liebe. Während Beverly von ihrem Vater sexuell bedrängt wird, kommen Billys Eltern nicht über den Verlust Georgies hinweg, Mike wiederum lebt bei seinem Großvater seit er beide Elternteile bei einem Brand verloren, während Ben, der neu in der Stadt ist, überhaupt keine erwachsene Bezugsperson zu haben scheint. Ganz auf sich gestellt scheinen damit weitgehend die Kinder, ganz auf sie konzentriert sich der Film auch, die Erwachsenen bleiben weitgehend außen vor.

So wird hier trotz beschaulicher Straßenzüge und idyllischer Flusslandschaft weder eine glückliche Jugend noch eine heile Kleinstadt-Welt geschildert, sondern schon eher ein Vorhof zur Hölle, in dem das Böse bezeichnenderweise in der Kanalisation unter der makellosen Oberfläche lauert.

Als Ben entdeckt, dass sich alle 27 Jahre schreckliche Ereignisse in Derry wiederholen und das Böse Einzug hält, wollen die sieben Kinder der Sache auf den Grund gehen. Übermächtig scheint Es – wie sie dieses Böse bald nennen – zwar zu sein, doch sie erkennen, wie stark sie sind, wenn sie zusammenhalten, und lernen auch sich ihren Ängsten zu stellen.

So real der Clown nämlich auch ist, er nimmt doch auch immer wieder die Gestalt ihrer Ängste an, erscheint bald als Billys verschwundener Bruder Georgie oder scheint Beverly in ihrem Badezimmer anzugreifen und es mit Blutfontänen zu überschwemmen. Chiffren für die schwere Verlusterfahrung und damit verbundene Schuldgefühle ebenso wie für die erste Periode scheinen sich in diesen Szenen zu verstecken. – Wahrnehmen können diese Bedrohungen und Schrecken nur die Kinder, sind sie doch die Konkretisierung ihrer Urängste.

Bestechend verbindet Muschietti, unterstützt von seinen prägnant voneinander abgehobenen und hervorragend harmonierenden Kinderdarstellern, eine präzise und mit vielen Details von BMX-Rädern über Musik bis zu Videospielen und dem Kino, in dem «Batman», «Leathal Weapon 2» und «Nightmare on Elm Street» läuft, atmosphärisch dicht in seiner Zeit und dem sozialen Umfeld verankerte Coming-of-Age-Geschichte über kindliche Ängste und die Macht der Freundschaft mit deftigen Horrorszenen.

Bei letzteren werden freilich kaum neue Wege beschritten, sondern nach gewohntem Rezept mit aufdonnernder Musik, Kameraarbeit und düsteren Locations vom Keller über ein verfallenes Haus bis zur Kanalisation Spannung und Grusel verbreitet.

Spannend macht diese geglückte Kombination diesen ersten Teil der Bestsellerverfilmung, an dessen Ende nicht nur das Ende der Kindheit steht, sondern mit dem Insert «Es – Kapitel Eins» auch die Gewissheit, dass das Böse sich nie wirklich besiegen lässt und in 27 Jahren zurückkehren wird. – Im Herbst 2019 soll diese Fortsetzung, bei der wieder Andrés Muschietti Regie führen will, in die Kinos kommen.

Läuft derzeit in den Kinos

Trailer zu «Es»

weiterführende Links:

Es

weiterführende Links:

Es

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.