Belle de Jour

09.11.2017 Walter Gasperi

Eine bürgerliche Frau liebt ihren Mann zwar innig, will aber keinen körperlichen Kontakt mit ihm. Gleichzeitig wächst aber ihr Verlangen nach Sex, sodass sie ihre Dienste in einem Bordell anbietet. Luis Buñuels faszinierend vielschichtiges Meisterwerk über Liebe und Sex, Demütigung und Befreiung ist bei Studiocanal zum 50-jährigen Jubiläum des Films digital restauriert auf Blu-ray und DVD erschienen.


In einer langen Einstellung nähert sich eine Kutsche durch einen herbstlichen Park. Im offenen Wagen sitzt ein Paar. Die Frau erklärt dem Mann ihre Liebe, doch wenig später befiehlt dieser den beiden Kutschern sie zu ergreifen, durch die Wiese zu schleifen, an einen Baum zu binden und auszupeitschen, ehe er sie ihnen zu ihrer Verfügung überlässt.

Was bislang real wirkte, entpuppt sich mit einem Schnitt als Traum der schönen Séverine (Catherine Deneuve), die mit dem Arzt Pierre (Jean Sorel) verheiratet ist, ihm ständig ihre Liebe erklärt, aber nicht mit ihm das Bett teilen will. Als ihr Bekannter Husson (Michel Piccoli) über Bordelle spricht, ist Séverines Interesse geweckt. Kehrt sie beim ersten Mal noch an der Türe, die ihr Husson genannt hat, um, so wagt sie bald den Schritt ins Haus, schreckt dann aber doch vor dem Kunden zurück.

Dennoch kehrt sie in dieses Bordell zurück, bietet von 14 bis 17 Uhr als «Belle de jour» ihre Dienste an. Bald beobachtet sie dabei durch einen Spion voyeuristisch eine Kollegin mit ihrem Kunden, bald wird sie Zeuge von Masochismus und Rollenspielen, erlebt aber auch den Sadismus von Husson sowie Nekrophilie mit einer Zufallsbekanntschaft und eine wilde Beziehung mit dem Gangster Marcel.

Wie sie hier immer offener und lockerer wird, den Sex zunehmend zu genießen beginnt, so legt sie auch langsam gegenüber ihrem Mann die Verklemmung ab, wird immer gelöster, lächelt vermehrt und steigt schließlich auch zu ihm ins Bett…

So klar die Geschichte im Grunde erzählt ist, so sehr irritieren doch mehrfach Erinnerungsfetzen oder Träume Séverines, die stilistisch nicht von der Realität abgehoben werden und damit gleichwertig wirken. Nicht nur am Anfang träumt sie von brutaler Demütigung, die ihr wohl Lust zu bereiten scheint, sondern auch später folgt ein ähnlicher Traum, in dem sie von ihrem Mann und Husson an einen Baum gefesselt und mit Schlamm beworfen wird.

Da scheint sie sich zunächst an einen sexuellen Übergriff durch den Vater in der Kindheit und später beim ersten Gang ins Bordell an eine Messe und die Kommunion zu erinnern. Hinweise kann man in diesen Bildern dafür sehen, dass Buñuel ihre Verklemmtheit mit ihrer Kindheit, der familiären Struktur und einer katholischen Erziehung erklären will.

Schillernd erkundet Luis Buñuel das Spannungsfeld von Liebe und Sex, lässt Séverine erklären, dass dies für sie nichts miteinander zu tun habe, zeigt sie einerseits quasi als Inbegriff der Reinheit und unantastbare Mutterfigur, die in ihrem Ehemann eine Vaterfigur sieht, mit der sie keinen Sex haben will. Andererseits lässt der spanische Bürgerschreck sie als Hure ihre unterbewussten Triebe leidenschaftlich ausleben.

Gleichzeitig scheint ihre Verklemmtheit aber auch durch den Mann gefördert zu werden, der sie in seiner Zurückhaltung förmlich auf den Sockel stellt, ihr ja nicht zu nahe treten will, während der Gangster Marcel keine Hemmungen kennt, roh mit ihr umgeht und gerade dadurch ihr Lust bereitet.

Vom Ende her scheint dieser Weg ins Bordell für Séverine aber durchaus der richtige gewesen zu sein, scheint sie doch dadurch befähigt zu werden auch mit ihrem Mann in Zukunft Sex zu haben und ihre Lust auszuleben. - Aber auch das kann freilich wieder eine Wunschvorstellung der Protagonistin sein, andererseits könnten auch Séverines Bordellbesuche nur ihrer Fantasie entsprungen sein.

An Sprachversionen bietet die bei Studiocanal erschienene Blu-ray und DVD die französische Originalfassung, zu der deutsche und englische Untertitel zugeschaltet werden können, sowie die englische und die deutsche Synchronfassung. Die Extras umfassen ein etwa 30-minütiges deutsch untertiteltes Interview mit einem Sextherapeuten zu den Themen des Films, einen – ebenfalls deutsch untertitelten – Audiokommentar des britischen Filmwissenschaftlers Peter W. Evans, ein Interview mit dem Drehbuchautor Jean-Claude Carrière, eine Masterclass über Buñuel mit Diego Buñuel und Jean-Claude Carrière sowie den Trailer zum Film.

Trailer zu «Belle de Jour»

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