Wenn es Nacht wird in Paris - Touchez pas au Grisbi

19.10.2017 Walter Gasperi

Ein alternder Gangster will sich nach seinem letzten Coup zur Ruhe setzen, doch ein Drogendealer will diesem mit seinen Helfern die Beute abjagen. Jacques Beckers 1953 gedrehter, melancholischer Gangsterfilm, der vor allem ein Film über Loyalität und eine große Freundschaft ist, ist bei Studiocanal auf DVD und Blu-ray erschienen.


Mit einem langen Schwenk über Paris wird der Schauplatz vorgestellt. Wenn in einem Restaurant eine Zeitung aufgeschlagen wird, in der von einem großen Goldraub am Flughafen Orly berichtet wird, ist gleich klar, dass der elegante Max (Jean Gabin), der das Lokal betritt, dahinter stecken muss.

Vom Restaurant zieht er mit seinem Freund Riton (René Dary) weiter zu einem Nachtclub. Immer noch kommt Max bei jungen Frauen an, doch müde scheint er dieses Lebens und möchte sich zurückziehen. Den letzten Coup muss er aber noch abschließen, muss das erbeutete Gold durch einen Hehler versetzen, doch eine Bande um einen jüngeren Drogendealer will ihm und Riton, der mit dem großen Coup prahlt, die Beute abjagen.

Seit 20 Jahren sind Max und Riton Freunde, doch in einem inneren Monolog wird klar, dass Max von seinem Freund, der sie mit seinem Angebertum und seiner Unbesonnenheit immer wieder in Gefahr bringt, im Grunde nicht viel hält. Dennoch hält Max unverbrüchlich zu ihm, lässt ihn nie im Stich und holt ihn immer wieder aus brenzligen Situationen heraus.

Ganz auf die Welt dieser alternden Gangster und ihre Freundschaft konzentriert sich Jacques Becker in seinem atmosphärisch dichten Klassiker. Ermittlungen der Polizei spart er völlig aus, setzt aber auch nicht auf große Action, sondern entwickelt mehr die Studie zweier Charaktere und einer großen Freundschaft als einen Gangsterfilm. Der langsame, nie abrupte, sondern fließende Erzählrhythmus, die Dominanz von Grautönen des von Pierre Montazel stimmungsvoll fotografierten Films, vor allem aber das Spiel von Jean Gabin erzeugen durchgängig eine Atmosphäre der Melancholie.

Nach seinen großen Erfolgen in den 1930er Jahren war Gabins Stern schon im Sinken, als ihm mit Becker 1953 wieder ein großer Erfolg an der Kinokasse gelang. Ungemein gefühlvoll spielt er diesen Max, vermittelt in Details wie dem Griff zur Brille, wenn er lesen will, oder im Blick in den Spiegel beim Zähne Putzen das Altern.

Gleichzeitig verknüpft Becker mit dem Abtreten dieser Gangster aber auch eine Zeitenwende. Denn an diese geradezu wie Gentlemen auftretenden eleganten Männer tritt nun eine Generation, denen Begriffe wie Respekt, Loyalität und Freundschaft fremd sind, die rücksichtslos vorgehen und, ohne mit der Wimper zu zucken, auch einen Mord begehen.

An Sprachversionen bietet die bei Studiocanal erschienene DVD und Blu-ray die französische Originalfassung, zu der deutsche Untertitel zugeschaltet werden können, sowie die deutsche Synchronfassung. Die Extras umfassen neben Trailer zu anderen Filmen dieses Labels Interviews mit Jean Becker, dem Sohn des Regisseurs, Jeanne Moreau und der britisch-französischen Filmwissenschaftlerin Ginette Vincendeau.

Trailer zu «Wenn es Nacht wird in Paris»

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