Lebenslang Überflüssiges lernen

18.09.2017 Kurt Bracharz

Die Anwälte des Technologiekonzerns Apple haben jetzt vor einem kalifornischen Gericht erklärt, dass ein Smartphone genau ein Jahr lang (nämlich die gesetzliche Garantiezeit) funktionieren müsse, wenn es danach kaputt gehe, habe der Konsument eben Pech gehabt. Der Anlass war eine Sammelklage von Besitzern des iPhone 6, dessen Touchdisplays häufig schon nach wenigen Monaten den Geist aufgegeben hatten. Die Kläger erwarten eine Spanne von zwei Jahren, weil sie normalerweise Zweijahresverträge mit den Netzbetreibern abschließen. Es geht bei diesem Prozess nicht um künstliche Obsoleszenz, weil die meiste Hardware von Apple in der Praxis tatsächlich mehr als die vom Konzern als Durchschnitt angegebenen drei Jahre übersteht.


Bei der Software ist das bei allen Systemen anders. Der vor einiger Zeit aufgekommene Begriff «Lebenslanges Lernen» bezieht sich darauf, dass die Oberflächen ständig und die darunter verborgenen Funktionen häufig verändert werden, so dass man eigentlich nie sang- und klanglos weiterarbeiten kann, sondern erst einmal herumrätseln muss, was der Vorteil gewisser Neuerungen sein könnte und wie man ihn nutzt. Das Problem ist alt, wie das folgende Beispiel zeigt.

Auf der Chicagoer Computermesse ComDex 1998 ließ sich bei Bill Gates' Präsentation der Microsoft-Neuheit «Windows 98» das Programm nicht starten, weil Gates' Computer abgestürzt war. Die 400 zu dem Event geladenen Experten amüsierten sich köstlich. Trotzdem glaubte Gates damals, über die Auto-Industrie spotten zu müssen: «Wenn General Motors mit der Entwicklung der Technologie so mitgehalten hätte wie die Computer-Industrie, dann würden wir heute alle 25-Dollar-Autos fahren, die auf 1000 Meilen nur eine Gallone Sprit verbrauchen.»
Darauf antwortete General Motors mit folgender Presseaussendung:

«Wenn General Motors eine Technologie wie Microsoft und Windows 95 entwickelt hätte, dann würden wir heute alle Autos mit folgenden Eigenschaften fahren:
1. Ihr Auto würde ohne erkennbaren Grund zweimal am Tag einen Unfall haben.
2. Jedes Mal, wenn die Mittellinien auf der Straße neu gemalt werden, müsste man ein neues Auto kaufen.
3. Gelegentlich würde ein Auto ohne erkennbaren Grund auf der Autobahn einfach stehen bleiben.
4. Auch bei Linkskurven würde das Auto einfach den Geist aufgeben. Man müsste dann den Motor neu installieren.
5. Die Öl-Kontrolleuchte, die Warnlampen für Temperatur und Batterie würden durch eine Anzeige »Schwerwiegender, genereller Autofehler« ersetzt werden.
6. Das Airbag-System würde fragen »Sind Sie sicher?«, bevor es auslöst.
7. Immer dann, wenn von General Motors ein neues Auto vorgestellt würde, müssten alle Autofahrer das Autofahren neu erlernen, weil nichts so funktionieren würde wie in den alten Autos.
8. Man müßte den »Start«-Knopf drücken, um den Motor auszuschalten.»

Daran hat sich nicht allzu viel geändert in den seither vergangenen zwei Jahrzehnten. Während ich hier auf einem noch nicht sehr alten iMac mit einem gleich alten Word schreibe, zuckt gelegentlich das Dokument mehr als zur Hälfte über den linken Bildschirmrand hinaus und kehrt dann meistens (aber nicht immer) von selbst wieder zurück – übrigens hat es das gerade eben getan! Liest jemand mit?. Bisher habe ich dazu nur erfahren können, das Phänomen sei bekannt, seine Ursache aber nicht.

Das ist natürlich nur ein harmloses Ärgernis, aber Programmierfehler verstecken sich vermutlich überall, auch in den militärischen Systemen. Nathaniel Borenstein, der «Vater des E-Mail-Anhangs», schrieb in seinem Buch «Programming As If People Mattered: Friendly Programs, Software Engineering, and Other Noble Delusions», Princeton 1994: «Die meisten Experten sind sich darin einig, dass die Welt höchstwahrscheinlich nur aus Versehen vernichtet werden könnte. Hier kommen wir als Computerprofis ins Spiel. Wir sorgen nämlich für solche Versehen.»


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