Mother!

19.09.2017 Walter Gasperi

Mit einem gewöhnlichen Psychothriller gibt sich Darren Aronofsky nicht zufrieden, sondern thematisiert in seinem Kammerspiel um einen Schriftsteller mit Schreibblockade und seine Frau nicht nur das Verhältnis von Mann und Frau, sondern auch noch das der Menschheit zu Mutter Erde. So wild wuchernd allegorisch «Mother!» dabei auf der einen Seite ist, so faszinierend und zumal in der ersten Hälfte auch spannend ist das angesichts der Inbrunst und des Ernstes, mit dem Aronofsky erzählt.


Bei den Filmfestspielen von Venedig wurde «Mother!» - das Ausrufezeichen ist mit Bedacht gesetzt, drückt einen Aufschrei aus - ausgebuht. Vernichtend fiel das Urteil von Dietmar Dath in der FAZ aus, Tereza Fischer reduziert ihre Rezension im Schweizer Filmbulletin, in dem die Texte sonst durchaus ausführlich ausfallen, auf das Adjektiv «Schlecht!».

Dagegen stehen aber wiederum Rezensionen in der NZZ, in der Björn Hager von «ebenso genial wie erschütternd» spricht, oder Tobias Kniebe, der in der Süddeutschen Zeitung titelt «Eine Zumutung, die sich lohnt».

Neutral kann man diesem Film nicht gegenüberstehen, zumindest teilweise muss man ihn entschieden lieben oder hassen. Dass «Mother!» so polarisieren und Emotionen schüren kann, dass einem dieser Horrortrip so schnell nicht aus dem Kopf gehen wird, ist freilich in Zeiten der biederen stromlinienförmigen Filme schon eine Qualität, für die man Aronofsky dankbar sein muss.

Mit einer Detailaufnahme eines schwer verletzten weiblichen Gesichts inmitten eines Flammenmeers beginnt der Film, um gleich darauf eine praktisch idente Einstellung eines männlichen Gesichts folgen zu lassen. Im Gegensatz zur sterbenden und dabei noch eine Träne vergießenden Frau setzt der Mann einen Kristall behutsam in eine Halterung.

Mit dieser Handlung scheint er auch die Zeit zurückzudrehen. Denn die von Asche überzogenen Räume des Hauses regenerieren sich und im unversehrten Schlafzimmer erwacht die Frau, die in der ersten Einstellung noch verbrannte. Am Ende wird sich diese Szene - allerdings mit einer anderen Frau - wiederholen und «Mother!» damit eine Kreisstruktur erhalten, die auf ein ständiges Werden und Vergehen verweist.

Frisch eingezogen in das mitten auf einer weiten Lichtung gelegene viktorianische Landhaus sind der Schriftsteller (Javier Bardem) und seine deutlich jüngere Frau (Jennifer Lawrence). Wie alle Figuren werden auch die Protagonisten namenlos bleiben und nie wird der Film das Landhaus, das die Frau nach einem Brand wieder aufgebaut hat, verlassen. Nur wenige Male wird die Kamera von Matthew Libatique mit der Frau vor die Türe treten und auf die Wiese blicken und in einer, nicht in einer Person verorteten Einstellung dem Zuschauer den Blick vom Waldrand über die Wiese auf das Landhaus ermöglichen.

Mit der erwachenden Frau ist auch schon die Perspektive vorgegeben. Mit ihren Augen wird man auf den Mann blicken, wird mit subjektiver Kamera ihr durch das knarrende Haus folgen, wird mit ihr hinter einer Mauer Visionen eines schlagenden Herzes sehen. Ganz nah ist die Kamera immer am Gesicht der Frau, Großaufnahmen dominieren.

Weil der Mann an Schreibblockade leidet, kümmert sie sich um das Haus, malt die Zimmer aus, wird ihn später bekochen. Ganz dienende Funktion scheint sie zu haben, einzig da, um seine Inspiration wieder in Gang zu setzen. Empören kann man sich über das Frauenbild, das Aronofsky hier entwickelt, gleichzeitig darf man aber nicht übersehen, dass der Amerikaner für seine Protagonistin Partei ergreift, er sie und damit auch den Zuschauer auf einen Höllentrip schickt, sie als eine ständig gebende und letztlich doch nur vom Mann ausgebeutete zeichnet.

Nicht übersehen sollte man dabei auch, dass diese Frau von Jennifer Lawrence verkörpert wird, die einerseits auch im Leben Partnerin von Aronofsky ist, andererseits im Kino von «Winter´s Bone» über «X-Men» bis zu «Die Tribute von Panem» ausgesprochen starke Frauen spielte.

Bald wird die traute Zweisamkeit durch einen Fremden (Ed Harris) gestört, dem der Schriftsteller gerne Unterkunft gewährt, während die Frau wenig erfreut über den Besuch ist. Ihr Missmut steigert sich noch, als sich auch noch die Gattin (Michelle Pfeiffer) des Gastes einstellt, die sich bald heimisch fühlt und sich von der Hausbesitzerin nichts mehr sagen lässt.

Spannend entwickelt sich «Mother!» auch dank seiner grobkörnig schummrigen Bilder - gedreht wurde großteils auf 16mm - und eines starken Sounddesigns – auf klassische Filmmusik wird weitgehend verzichtet - in dieser ersten Hälfte, bis ziemlich genau in der Mitte des Films ein Neubeginn mit einer Schwangerschaft der Frau und damit auch neue schriftstellerische Aktivität des Mannes einsetzt. Doch auch hier wird die Ruhe bald gestört und mit dem Erfolg des Mannes bricht förmlich die ganze Welt ins Landhaus herein.

Zunehmend drastischer, aber auch redundant stellt Aronofsky dabei dem männlichen Narzissmus, der es liebt von Fans besucht und verehrt zu werden, die weibliche Hingabe, deren pulsierendes Herz daran immer mehr verbrennt, gegenüber. Gleichzeitig lässt sich die sich ins Monströse steigernde Heimsuchung durch Fremde auch als aktueller Kommentar zur Flüchtlingskrise und dem Spannungsfeld zwischen Abschottung und empathischer Aufnahme lesen.

Mit dem Einbruch der Massen bricht in «Mother!», bei dessen Grundstruktur sich Aronofsky offensichtlich an Polanskis Meisterwerk «Rosemary´s Baby» orientierte, aber auch vollends ein Irrsinn herein, dem der Zuschauer wohl kaum mehr folgen wird. So abgehoben wird dieser Trip spätestens in diesem Finale, dass man nur noch den Kopf schütteln oder darüber lachen kann.

Gleichzeitig spürt man aber auch die Inbrunst und den Ernst, mit denen nicht nur Aronofsky, der das Drehbuch in fünf Tagen geschrieben haben soll, erzählt, sondern auch Jennifer Lawrence diese geschundene, ausgebeutete und leidende Frau spielt.

Über die Auseinandersetzung mit der Beziehung von Mann und Frau hinaus lässt sich und soll wohl auch dieser jedem Realismus enthobene und hoch allegorische Film auch als Reflexion über das Verhältnis von männlich bestimmter Menschheit und weiblicher Schöpfung oder auch «Mutter Erde» gelesen werden.

Eine vernichtende Kritik an der Ausbeutung der Natur kann hier durchaus herausgelesen werden, allerdings wirkt diese ebenso platt, wie die Zeichnung der Frau, die als Dienende und Gebende den schöpferischen Akt des Mannes, dem sie sich aus Liebe freiwillig ganz unterordnet, ermöglichen soll, konservativ.

Bis in den Nachspann hinein zieht sich diese letzte Ebene, wenn nach dem Opfer der Frau der Schreibfluss des Mannes zu den Nachspanntiteln langsam wieder einsetzt.

Läuft derzeit in den Kinos

Trailer zu «Mother!»

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