Der große Zampano: Federico Fellini

02.10.2017 Walter Gasperi

Von nüchternen neorealistischen Anfängen entwickelte sich Federico Fellini zum Regisseur, dessen Filme an Fantasie und eigenwilligen Figuren schier überborden. Das Filmpodium Zürich widmet dem 1993 verstorbenen Italiener eine Retrospektive.


Weit über die Filmwelt hinaus strahlt der Ruhm Federico Fellinis. Das Adjektiv «fellinesk» wird ebenso verwendet, um Werke zu beschreiben, die in der Tradition des überbordenden, zwischen Realismus und Fantastik balancierenden Erzählstils des viermaligen Oscar-Preisträgers stehen, wie der Begriff «Paparazzo» von einem aufdringlichen Pressefotografen in «La dolce vita» (1960) übernommen wurde.

Mit Anita Ekbergs Bad im Trevi-Brunnen in «La dolce vita» schuf er eine der berühmtesten Szenen der Filmgeschichte, sein Name wurde zum Markenartikel, sodass er in den 1970er Jahren in die (deutschen) Titel seiner Filme von «Fellinis Roma» (1972) über «Fellinis Casanova» (1976) bis zu «Fellinis Schiff der Träume» (1984) aufgenommen wurde.

Geboren am 20. Januar 1920 in Rimini war schon für den jungen Fellini immer die Hauptstadt Rom, aus der seine Mutter stammte, der Ort der Sehnsucht und die Stadt schlechthin. Schon mit sieben Jahren soll er von Zuhause abgehauen sein, um sich einem Zirkus – eine weitere das Werk Fellinis prägende Welt – anzuschließen, mit 19 übersiedelte er dann wirklich nach Rom und verdiente sich seinen Unterhalt mit dem Zeichnen von Karikaturen für die Zeitschrift «Marc Aurelio».

Gleichzeitig blieb er doch immer seiner Heimat verbunden, erinnerte sich in seinem neorealistischen zweiten Spielfilm «I vitelloni» («Die Müßiggänger», 1953) am Beispiel einer Gruppe von jungen Männern, die ohne Zukunftsperspektive in einer Kleinstadt am Meer herumhängen, an seine eigene Jugend. Und noch einmal beschwor er zwanzig Jahre später in «Amarcord» (1973) die Stimmung in seiner Heimatstadt der 1930er Jahre, arbeitete dabei aber mit der für ihn typischen barocken Erzählweise und zahlreichen magisch-poetischen Momenten.

Über Beiträge für den Rundfunk kam Fellini Anfang der 1940er Jahre als Drehbuchautor zum Film. Galt er zunächst als Spezialist für komische Effekte, so gelangte er über Roberto Rossellini und seiner Mitarbeit an den Drehbüchern von «Roma città aperta» (1947) und «Paisà» (1946) in den Kreis des italienischen Neorealismus. In dieser Tradition stehen auch noch seine ersten Filme «Luci del varietà» (1950), «Lo sceicco bianco» (1952) und «I vitelloni» (1953).

Auch diese Filme weisen mit einer Tournee einer Gruppe von Schauspielern durch italienische Provinzstädte («Luci del varietà») und einer jungen Frau, die aus dem tristen Alltag in die Traumwelt des Films flüchtet («Lo sceicco bianco - Der weiße Scheich») schon auf sein späteres Werk voraus. Denn wie die Schauspieler begleitet Fellini in seinem Welterfolg «La strada» den von Anthony Quinn gespielten Schausteller Zampano durch die italienische Provinz, geht aber in der Fokussierung auf der Beziehung dieses rohen Menschen zur naiven Gelsomina (Giuletta Masina) schon über den klassischen Neorealismus hinaus.

Zum Star wurde mit diesem Film auch Giuletta Masina, die Fellini schon 1943 geheiratet hatte und die schon in «Lo sceicco bianco» die Hauptrolle gespielt hatte. Bis hin zu «Ginger e Fred» (1985) spielte sie in weiteren Filmen ihres Mannes, darunter auch in «Le notti di cabiria» (1957) eine Prostituierte, die auf der Suche nach dem Glück immer wieder von Männern betrogen wird.

Zahlreiche Preise, darunter seinen zweiten Oscar, gewann Fellini mit diesem Film, zum Welterfolg entwickelte sich aber vor allem der folgende «La dolce vita» (1960), in dem er erstmals mit Marcello Mastroianni zusammenarbeitete. Mit bitterem Blick zeichnet der Meisterregisseur darin das Panorama der dekadenten römischen Schickeria, die ein ausgelassenes Luxusleben führt, hinter dem sich aber eine innere Leere verbirgt.

Auf dieses Gesellschaftspanorama folgte mit «Otto e mezzo» («Achteinhalb», 1963) ein Werk, das schon im Titel, der auf die achteinhalb Filme anspielt, die Fellini bis zu diesem Zeitpunkt gedreht hatte, auf den autobiographischen Charakter verweist. Marcello Mastroianni spielt darin als Fellinis Alter Ego einen Filmregisseur, der sich in einer künstlerischen Krise befindet und für den die Grenzen zwischen Realität und Traum zunehmend verschwimmen.

Immer fantastischer und überbordender wurden Fellinis Filme in der Folge. Ein düsteres Bild der römischen Antike zeichnete er in seiner Verfilmung von Petronius Arbiters Roman «Satyricon» (1969), gleichzeitig kann dieses ausufernde Gesellschaftspanorama als historisches Gegenstück zu «La dolce vita» gesehen werden.

Eine Hommage an zwei Wurzeln, die entscheidend für das Werk dieses Kino-Magiers waren, drehte er mit «I clowns» (1970) und «Fellinis Roma» (1972), ehe er nach den Oscar gekrönten Kindheitserinnerungen in «Amarcord» (1973) mit «Fellinis Casanova» (1976) einen weiteren opulenten historischen Film vorlegte. Am Beispiel eines Einzelschicksals zeichnet Fellini darin ein zwischen Mitleid und Demaskierung pendelndes Bild einer dekadenten Gesellschaft.

Quasi zur Entspannung folgte dieser Großproduktion mit «Prova d´orchestra» («Orchesterprobe», 1979) ein kleiner Film, in dem anhand einer Orchesterproben die Störungen der Kunst durch die Politik behandelt werden. Ein bildmächtiges Opus folgte mit dem tragikomischen «La citta delle donne» («Fellinis Stadt der Frauen», 1980), in dem sich ein Mann in einem Traum, der sich zunehmend zu einem Alptraum entwickelt, auf die Suche nach der idealen Frau macht.

Realität und Illusion lässt Fellini auch in «E la nave va» («Fellinis Schiff der Träume», 1984) ineinanderfließen, spielt dieser Film über einen Schiffsuntergang doch einerseits ganz konkret kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, während andererseits die Künstlichkeit der Kulissen immer wieder bewusst gemacht wird und so der Illusionscharakter gebrochen wird.

Zum hinreißenden Alterswerk wurde «Ginger e Fred» (1986), in dem er nicht nur nochmals Giuletta Masina und Marcello Mastroianni die Hauptrollen gab – und den Film auch als Hommage an diese Schauspieler anlegte -, sondern auch nochmals dem Varieté seine Liebe erklärte und über Erinnerung und Vergänglichkeit reflektierte, aber auch mit der seelenlosen Fernsehwelt abrechnete.

Wie er mit «Ginger e Fred» Masina und Mastroianni eine Plattform bot, so legte er mit «Intervista» (1986) ein Selbstporträt vor, in dem er auch selbst auftritt und über sein Leben und seine Arbeit spricht. In die Fantasiewelt eines Mondsüchtigen (Roberto Benigni) entführte Fellini dagegen den Zuschauer in seinem 24. und letzten Film «La voce della luna» («Die Stimme des Mondes», 1990).

Hollywood, dessen Lockungen dort einen Film zu drehen Fellini immer widerstand, ehrte den Meisterregisseur 1993 nochmals mit einem Ehrenoscar, ehe er am 31. Oktober 1993 an den Folgen eines Herzanfalls starb. Seine an Krebs erkrankte Frau Giuletta Masina folgte ihm nur fünf Monate später ins Grab.

Top 10: Federico Fellini-Filme

  • Federico Fellini (1920 - 1993)
  • I vitelloni (Die Müßiggänger, 1953)
  • La Strada (1954)
  • Le notti di Cabiria (Die Nächte der Cabiria, 1957)
  • La dolce vita (1960)
  • Otto e mezzo (Achteinhalb, 1963)
  • Fellinis Satyricon (1969)
  • Amarcord (1973)
  • Fellinis Casanova (1976)
  • E la nave va (Fellinis Schiff der Träume, 1984)

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