Meuterei am Schlangenfluss - Bend of the River

21.09.2017 Walter Gasperi

Kann ein Mensch sich ändern und wie pervertiert Gier nach Gold den Charakter? - Anthony Mann verhandelt diese Fragen in seinem meisterhaften Western, der bei Koch Media auf Blu-ray und DVD in bestechender Bildqualität und – neben der englischen Originalfassung - mit der originalen deutschen Kino-Synchronfassung erschienen ist.


Anthony Mann fackelt in seinem 1952 entstandenen Western nicht lange, sondern versetzt den Zuschauer sogleich in einen beschwerlichen Treck durch den rauen Nordwesten der USA in Richtung Oregon. Angeführt wird die Gruppe, die sich im «gelobten Land» als Farmer niederlassen will, von Glyn McLyntock (James Stewart). Dass dieser eine dunkle Vergangenheit hat, wird klar, als er einen anderen Westerner, Emerson Cole (Arthur Kennedy), der ihn wiedererkennt, vor dem Galgen rettet.

Beide haben eine Banditen-Laufbahn hinter sich, verschweigen diese aber wohlweislich den Siedlern. Während McLyntock freilich ein neues Leben als Farmer beginnen will, bleibt Cole lieber in der nächsten Stadt. Ist diese zunächst noch eine beschauliche Siedlung, so erscheint sie als Tollhaus, als McLyntock und der Chef der Siedler zurückkehren, um sich um die Lieferung der versprochenen Nahrungsmittel und Rinder zu kümmern.

Goldfunde haben nicht nur zahlreiche Abenteurer angezogen, sondern auch die Preise ins Unermessliche steigern lassen. Jeder versucht hier ein Geschäft zu machen, Gier bestimmt das Handeln, Menschlichkeit und Gemeinschaftssinn sind auf der Strecke geblieben. Dennoch hilft auch Cole zunächst McLyntock und den Siedlern, fällt ihnen aber in den Rücken, als er auf andere Weise mehr verdienen kann.

In großen, aber nie selbstzweckhaften, sondern immer aus der Handlung resultierenden Panoramaaufnahmen - gedreht wurde in Oregon feiert Mann die Schönheit der unverfälschten Natur, der Berge und Flüsse. Hier gibt es nichts Kulissenhaftes. Aus dem Raum heraus wird die Handlung erzählt und ist untrennbar mit ihm verknüpft. Atmosphärische Dichte und mitreißende Kraft entwickelt «Bend of the River» allein schon aus dieser starken räumlichen Verankerung.

Zivilisationskritisch stellt Mann aber auch dieser atemberaubenden, aber auch rauen Landschaft, die dem Menschen viel abverlangt, aber aus der er mit seiner Arbeit einen Ort der Gemeinschaft und des glücklichen Zusammenlebens schaffen kann, die Stadt mit Geschäftemachern und Goldgräbern gegenüber, unter denen jeder nur an sich denkt und das Recht des Stärkeren herrscht.

Die Utopie schwingt hier mit, dass mit einem Neubeginn mit dieser Korrumpierung und Pervertierung des Menschen und der Gemeinschaft gebrochen werden kann, gleichzeitig hängt aber auch die Erinnerung an diese Entwicklung an anderen Orten wie ein Damoklesschwert über der neuen Siedlung, lässt auch für diese für die Zukunft den Sturz des Paradieses in Barbarei befürchten.

Gleichzeitig verpacken Mann und sein Drehbuchautor Borden Chase in die schnörkellos erzählte und hervorragend aufgebaute Handlung aber auch einen Diskurs über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit der Wandlung eines Menschen. Da muss der Chef der Siedler, der zunächst der Ansicht ist, dass ein Mensch sich nie wandeln könne und ein Verbrecher wie ein fauler Apfel von der Gemeinschaft entfernt werden müsse, zwar seine Meinung revidieren, gleichzeitig zeigt sich am Beispiel Coles aber auch, dass diese Wandlung keine Selbstverständlichkeit ist, ein Rückfall in ein altes Verhalten immer wieder möglich ist.

Großartig verkörpert folglich auch Manns-Stammschauspieler James Stewart McLyntock als einen zerrissenen Mann, der mit seiner Vergangenheit brechen möchte, aus dem aber immer noch, wenn er provoziert wird, die alte Gewalttätigkeit und Aggressivität herausbricht, wenn auch nun im Einsatz für die Siedler.

Durchaus doppeldeutig kann bei diesem reichen und vielschichtigen Western auch der Originaltitel «Bend of the River» – der im deutschen Titel vorkommende «Schlangenfluss» wird im ganzen Film nie erwähnt – gelesen werden. Denn einerseits kann dieser real auf das Ufer des Flusses bezogen werden, aber natürlich auch die moralische Grenze des Menschen zwischen Gut und Böse meinen.

Das ist eine der großen Stärken von Manns Western, dass sie einerseits packend eine ganz konkrete Geschichte erzählen, in ihr aber ganz selbstverständlich und unprätentiös existentielle menschliche und gesellschaftliche Fragen diskutieren.

An Sprachversionen bietet die bei Koch Media erschienene Blue-ray und DVD die englische Original- und die deutsche Kino-Synchronfassung sowie Untertitel in diesen beiden Sprachen. Die Extras umfassen neben dem Kinotrailer Bildergalerien mit Artworks und Set-Fostos auch die viel gescholtene deutsche TV-Synchronisation.

Trailer zu «Meuterei am Schlangenfluss»

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