Die Alternative für Österreich

28.08.2017 Kurt Bracharz

Die britische Wochenzeitschrift «The Economist» bemüht sich seit eh und je recht erfolgreich um Seriosität. Die Artikel sind sauber recherchiert, fokussieren auf ihre Themen und legen ihre Quellen offen. Wenn doch einmal etwas danebengeht, steht die Richtigstellung dort, wo der Artikel stand, und ist nicht – wie bei uns so oft – ein erzwungenes Gerichtsurteil irgendwo im Heft, sondern eine freiwillige Entschuldigung. Beispielsweise war unlängst in einem Nachruf auf den Aborigines-Musiker Dr G. Yunupingu behauptet worden, er habe Hepatitis C bekommen, weil er als Kind nicht dagegen geimpft worden sei, «as a white child would have been». Zwei Nummern später schrieb «The Economist»: «Diesen Impfstoff gab es erst, als er ein Teenager war, und er wurde zuerst an die Aborigines ausgegeben. Wir entschuldigen uns.»


Auf Spekulationen lässt sich «The Economist» selten ein, und wenn, dann sind sie als solche gekennzeichnet. Deshalb hat es mich gewundert, in einem österreichischen Blatt von einem alarmierten Journalisten zu lesen, die aktuelle Nummer der angesehenen britischen Zeitschrift enthalte die Prognose, dass es im Herbst zu einer ÖVP-FPÖ-Koalition kommen werde. Ich habe die Stelle herausgesucht, in einem Artikel mit dem Titel «Fifty shades of blue» über die AfD, die «Alternative für Deutschland», steht da: «It is not unthinkable that the AfD might one day enter government. (The equivalent of a CDU-AfD coalition may run Austria from October.)» Das bedeutet aber nur: «Es ist nicht undenkbar, dass die AfD eines Tages mitregiert. (Das Äquivalent zu einer CDU-AfD-Koalition wird vielleicht ab Oktober Österreich regieren.)»

Nun ist «The Economist» natürlich nicht das einzige Medium, das eine Koalition von Kurz’ türkiser Quereinsteiger-Truppe mit den altbekannten Blauen erwartet. Nicht wenige österreichische Medien tun das Ihre dazu, dass es zu dieser Variante einer Regierungszusammensetzung kommt. Nehmen wir den Fall Tal Silberstein: Der Mann hat doch auch schon die Neos beraten, zwar nur in einem regionalen Wahlkampf, aber war er da weniger dubios als er es heute ist, wo er bis vor kurzem – bis zu seiner vorübergehenden Verhaftung wegen einer ganz anderen Angelegenheit – die SPÖ beraten hat? Ist das auch dem Herrn Strolz auf den Kopf gefallen, so wie jetzt dem Herrn Kern? Und der Slogan, der übrigens nicht von Silberstein selbst kreiert wurde, also «Holen Sie sich, was Ihnen zusteht!», wieso verstehen die Schwarzen, pardon, Türkisen und die Blauen (die ewigen Braunen sowieso) diesen Spruch als eine Aufforderung zu kriminellem Handeln?

Man kann vielleicht darüber diskutieren, was wem zusteht, aber warum soll sich nicht jemand holen dürfen, was ihm tatsächlich zusteht? Ich dachte ursprünglich, es seien jene Gelder gemeint, die von Anspruchsberechtigten nicht eingefordert werden, weil sie nichts von ihrem Anspruch wissen (so, wie zum Beispiel früher viele keinen Lohnsteuerausgleich machten, weil sie sich nicht auskannten), aber ich bin halt naiv. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Mittlerweile habe ich mich durch Leserbriefe und Postings von Schelmen aller Farben belehren lassen, dass es sich um eine Aufforderung zu Diebstahl, Raub und Klassenkampf handelt. Zumindest das Letztere kann man von der SPÖ allerdings ganz gewiss nicht erwarten.


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