Aquarius

29.08.2017 Walter Gasperi

Seit Jahrzehnten lebt Clara in einem Apartmenthaus am Strand von Recife – jetzt soll sie verkaufen, damit das Gebäude abgerissen und ein modernes Hochhaus gebaut werden kann. Doch die kämpferische 65-Jährige weigert sich. - Mit einer großartigen Sonia Braga in der Hauptrolle erzählt Kleber Mendonça Filho einfühlsam und bewegend vom Wandel Recifes, von Profitgier und einer Frau, die ihre Erinnerungen und Gefühle über Geld stellt.


Mit schwarzweißen Fotos von Recife beginnt «Aquarius». Auf Detailaufnahmen der Hauptstraße am Strand und des Strandlebens folgen Totalen der Stadt, die die Vergangenheit der 1960er Jahre in Erinnerung rufen und damit auch die Frage aufwerfen, was daraus geworden ist.

In der Vergangenheit spielt auch noch der erste – kurze – Abschnitt des in drei Kapitel gegliederten Films. «Claras Haare» ist dieser Prolog betitelt, spielt 1980 und beginnt am Strand von Recife, wo sich nachts junge Erwachsene treffen und Clara «Another One Bites the Dust» ins Autoradio einlegt. Vom Strand geht es ins Apartment von Tante Lucia, die ihren 70. Geburtstag mit ihrer Familie feiert.

Gedichte werden von den Nichten vorgetragen, an ihr Leben erinnert, bei der Jubilarin aber löst der Blick auf eine alte Kommode Erinnerungen an erotische Erlebnisse aus. Claras Mann hält eine Rede über die Dankbarkeit, über die harte Zeit, die sie überwinden mussten, denn bei Clara wurde Brustkrebs diagnostiziert und sie musste sich einer Strahlentherapie und Operation unterziehen, hat ihre nun wieder kurzen Haare verloren – der Queen-Song kann vor diesem Hintergrund auch anders gelesen werden. Aber er erinnert auch an die harte Zeit der Militärdiktatur, die eben erst überwunden wurde.

Von 1980 springt Mendonça Filho mit dem zweiten, «Claras Liebe» betitelten Abschnitt in die Gegenwart, folgt der nun 65-jährigen Klara durch den Alltag. Als immer noch attraktive und lebenslustige Frau zeigt sie der ehemalige Filmkritiker in seinem zweiten Spielfilm, legt ihn auch als Hymne auf Sonia Braga an, die Mitte der 1980er Jahre mit der Hauptrolle in Hector Babencos «Der Kuss der Spinnenfrau» international bekannt wurde.

Da steht für einmal keine junge hübsche Frau im Zentrum, sondern wie in Sebastian Lelios «Gloria» eine gereifte, die aber noch ihr Leben führen und genießen will, die nicht im Abseits steht, sondern mitten drin. Sie geht schwimmen, auch wenn das Meer stürmisch ist, geht abends mit ihren Freundinnen tanzen und ist auch einem sexuellen Abenteuer nicht abgeneigt. Allein lebt die Schriftstellerin und ehemalige Musikjournalistin mit ihrer Haushälterin Ladjane in dem in dem in den 1940er Jahren errichteten titelgebenden Apartmenthaus «Aquarius».

Stilvoll ist dieses eingerichtet, hält mit der Kommode, mit einer großen Plattensammlung und altem Plattenspieler sowie schwarzweißen Familienfotos die Erinnerung an alte Zeiten wach. Der modernen Technologie ist Clara dennoch nicht abgeneigt. Von ihrem Neffen lässt sie sich neue Lieder auf einem USB-Stick geben und arbeitet mit dem Laptop.

Als einzige Partei wohnt die Mittsechzigerin noch in diesem Apartmenthaus. Alle anderen Wohnungen wurden inzwischen verkauft und stehen leer. Um das alte Haus herum wuchern moderne Hochhäuser. Eine Immobilienfirma macht auch Clara ein lukratives Angebot, doch diese schaut es nicht einmal an, will in der Wohnung bleiben, in der sie einen Großteil des Lebens verbracht hat.

So entwickelt sich ein Kleinkrieg nicht nur zwischen der Immobilienfirma und der kämpferischen Frau, deren Entschlossenheit sich schon darin zeigt, wie sie ihre langen wallenden schwarzen Haare immer wieder aus der Haarspange befreit und öffnet, sondern auch die anderen ehemaligen Wohnungsbesitzer greifen Clara an. Und auch in der eigenen Familie führt ihre Sturheit zu Streitigkeiten. Speziell ihre Tochter stellt sich gegen Clara, die auf das Geld nicht angewiesen ist, eine Rente und noch fünf Wohnungen hat.

Beginnt es mit komödiantischen Tönen, so wird der Druck zunehmend stärker, und «Aquarius» entwickelt sich in Richtung Thriller, wenn Claras Garage zugeparkt wird, ausgerechnet in der leeren Wohnung über ihr ein lautes Fest gefeiert wird, bei dem Kot im Gang zurückbleibt, oder ein früherer Nachbar sie bedroht.

Angstträume mischen sich in die Realität, doch Clara lässt nicht locker, wird im dritten Abschnitt «Claras Krebs» auch selbst aktiv und beginnt, unterstützt von ehemaligen Mitarbeitern, über die Immobilienfirma Nachforschungen anzustellen.

Geradlinig und ruhig erzählt Mendonca Filho, baut kaum dramatische Spannungsbögen auf, sondern lässt Szenen immer wieder in langen Schwarzblenden enden. Ganz auf die wunderbare Sonia Braga fokussiert er, zeichnet einerseits das Bild einer Stadt im Wandel und stellt der ständigen Modernisierung die Pflege des Alten und der Erinnerungen gegenüber. Nie wird das aber aufgesetzt betont, sondern ganz aus der Geschichte heraus entwickelt.

Dem Schrecken der Militärdiktatur der 1970er Jahre steht heute das Krebsgeschwür der Immobilienfirmen gegenüber, die wie Termiten wuchern und alles zerfressen. Während Altes als «Vintage» als schick gilt, wird das Gleiche sonst oft als schlecht abgelehnt.

Dem Drang nach Modernisierung steht die Pflege der Dinge, die zur persönlichen Geschichte gehören, das Gefühl für ein echtes Zuhause und einen Ort der Geborgenheit, der Freude und der Erinnerungen, die den Menschen konstituieren – mehrfach werden alte Familienfotos studiert - gegenüber. Das ist nicht nur «diese Wohnung» wie ihre Tochter sagt, sondern ein großer Teil von Carlas Leben, der Ort, an dem ihre Kinder groß und sie alt wurde.

Verwurzelt ist sie nicht nur mit der Wohnung, sondern auch mit dem Umfeld, wie der Strandstraße, dem Strand und dem Strandwächter. Keine reine Heldin ist diese Clara, sondern eine Frau mit Ecken und Kanten, aber auf jeden Fall eine hinter der man stehen muss, die man zunehmend ins Herz schließt in ihrer kämpferischen und beharrlichen Art.

Stark verankert ist der Film dabei auch an seinem Schauplatz, an diesem Streifen zwischen Apartmenthaus «Aquarius», der Küstenstraße und dem Strand gegenüber der Straße, deren Strandwächter Clara bestens kennt. Mendonça Filho macht hier auch die gesellschaftlichen Gegensätze in Recife – und wohl auch in Brasilien – sichtbar, wenn Clara mit ihrem Neffen und dessen Freundin dem Strand entlang spaziert und ihnen die Grenze zwischen dem Strand der Reichen und der Armen zeigt und sie in die Wohnung der Haushälterin führt, die eben zu den Armen gehört. Niemand hat ermittelt, als deren Sohn von einem Reichen zu Tode gefahren wurde.

Ohne es besonders zu betonen werden hier Klassengegensätze sichtbar.- Es ist die große Kunst dieses immer wieder durch den Musikeinsatz, der zum früheren Beruf der Protagonistin passt, sehr musikalischen Films, über 145 Minuten ganz ruhig seine Geschichte zu erzählen und doch sich langsam ins Herz des Zuschauers einzuschleichen, nachzuwirken und mit Fortdauer ein breiteres Netz zu spannen und ein Panorama zu entfalten.

Wird vom Filmkulturclub Dornbirn am Mittwoch, den 30.8. um 18 Uhr und am Donnerstag, den 31.8. um 19.30 im Cinema Dornbirn gezeigt (portug. O.m.U.)

Trailer zu «Aquarius»

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