Neu. Sachlich. Schweiz

03.09.2017

02.09.2017 bis 14.01.2018  Museum Oskar Reinhart

Das Museum Oskar Reinhart widmet seine grosse Sonderausstellung 2017 der Malerei der Neuen Sachlichkeit in der Schweiz. Sie ist die erste umfassende Überblicksschau zu diesem Thema seit fast vierzig Jahren. Damit wird sie den Kanon dieser Strömung neu definieren. Gezeigt werden über 100 Werke von sechzehn Künstlern, darunter Niklaus Stoecklin, François Barraud und Wilhelm Schmid und andere, die erstmals in diesem Kontext gezeigt werden.


Die Kunstströmung «Neue Sachlichkeit» bildete sich zwischen 1918 und 1933 in Deutschland als Antwort auf den Expressionismus aus und fand auch in der Schweiz ihre eigenständige Ausprägung. Sie war keine organisierte Gruppe, vielmehr zeigt sich, dass sich in den Zwischenkriegsjahren einige Künstler unabhängig voneinander von der Avantgarde ab- und der gegenständlichen Malerei zuwandten und dabei ganz individuelle Ausprägungen annahmen. Es ist das präzise eigenständige Sehen, das für die Schweizer Künstler prägend war. Dabei ist die stilistische wie zeitliche Eingrenzung der Strömung nicht eindeutig festzulegen, sie kann nur grob in die Zwischenkriegszeit verortet werden.

Ein typisch schweizerisches Phänomen ist auch die an der Sprachgrenze auszumachende divergierende Grundhaltung: Die Künstler der deutschsprachigen Schweiz waren nahe an der deutschen Neuen Sachlichkeit mit ihren berühmten Vertretern wie Otto Dix und George Grosz. So war deren Hauptvertreter Niklaus Stoecklin denn auch – als einziger Ausländer – an der namensgebenden Mannheimer Ausstellung 1925 vertreten und der in Berlin geschulte Wilhelm Schmid nahm eine wichtige Vermittlerposition zwischen dem Heimat- und dem Nachbarland ein. Eine weitere markante Figur war der zwischen Naiver Malerei und Neuer Sachlichkeit pendelnde Adolf Dietrich, der auch als solcher im nördlichen Nachbarland rezipiert wurde. Davon unabhängig führten Maler der Romandie den im 19. Jahrhundert gepflegten Realismus Ingre’scher Prägung im Rahmen des «retour à l‘ordre» auf ihre eigene Weise in das 20. Jahrhundert. Dazu gehörten François Barraud und der mit Le Corbusier und Léger befreundete Paul-Théophile Robert.

Winterthur als Ausstellungsort findet seine historischen Bezüge in der mäzenatischen Freundschaft zwischen Georg Reinhart und Niklaus Stoecklin, wodurch zahlreiche Werke des Baslers hierher gelangten. Sein Bruder Oskar Reinhart selbst besass ebenfalls einige Bilder von Stoecklin, die er aber wieder veräusserte. Heute befinden sich noch zahlreiche Zeichnungen des Baslers in den Beständen des Museums.

Winterthur war auch der bisher einzige Ort, der eine Ausstellung zu diesem Thema veranstaltete: Die 1979 von Rudolf Koella organisierte Schau zeigte «Neue Sachlichkeit und Surrealismus in der Schweiz 1915–1940», war breiter angelegt, wodurch sich Schnittmengen ergaben, welche die Problematik der Abgrenzung elegant umschifften. Die aktuelle Präsentation versucht daher erstmals die Strömung enger zu fassen, indem sie sich ausschliesslich auf die Neue Sachlichkeit beschränkt und diese genauer zu definieren sucht. Auch wenn längst nicht alle Positionen gezeigt werden, die der Strömung zugerechnet werden können, so wird der Kreis der neusachlichen Schweizer um einige bisher nicht beachtete Künstler wie Theodor Barth, Johannes Robert Schürch und Fritz Paravicini inhaltlich erweitert. Auf eine thematische oder chronologische Präsentation wird bewusst verzichtet, um die individuellen Positionen kohärent zu zeigen. Dies bedeutet, dass eine zeitliche Eingrenzung gezogen wird und nur Werke aus dieser Periode gezeigt werden, zumal viele der Künstler sich vorher und nachher anderen Stilen zuwandten.

Obschon alle Maler der Schweizer Neuen Sachlichkeit weitgehend unabhängig voneinander arbeiteten und eigene, individuelle Ausprägungen festzustellen sind, lassen sich dennoch Gemeinsamkeiten innerhalb ihres disparaten künstlerischen Vorgehens erkennen, die sich unter dem Sammelbegriff Neue Sachlichkeit zusammenfassen lassen. Zunächst sind es die formalen Eigenheiten, die die neusachliche Malweise von anderen Strömungen abgrenzen. Es dominiert ein klarer, linearer Stil, bei dem alles Gegenständliche scharf beobachtet, bisweilen überdeutlich gezeichnet und modelliert ist, oftmals verbunden mit einem strengen, ganz am Gegenstand orientierten Bildaufbau. Dies, wie auch die Tilgung der Arbeitsspuren, führen zu einer kühlen, dennoch eindringlichen Nüchternheit der Bildsprache. In manchen Fällen ist auch eine Orientierung an spätgotischen Malern festzustellen: Deutlich ist etwa bei Niklaus Stoecklin die Bezugnahme auf Konrad Witz erkennbar, den er aus dem Basler Kunstmuseum kannte. Eduard Gubler nahm auf das Spätmittelalter maltechnischen Bezug, indem er die Tradition der Temperamalerei aufnahm.

Des Weiteren finden sich motivische Berührungspunkte; im Werk der neusachlichen Künstler herrschen alltägliche, unspektakuläre Gegenstände vor – kaum je sind es historische oder religiöse Themen. Dabei lässt sich eine Vorliebe für das Stillleben beobachten, das nicht symbolisch aufgeladen ist, sondern den Gegenstand für sich sprechen lässt. Entsprechend der Schlichtheit der Objektdarstellung werden auch Figuren kühl und nüchtern gestaltet, ohne sie in dramatische Posen zu zwängen. Häufig ist die Malerei ganz auf das Motiv ausgerichtet, das vor neutralem Hintergrund im Zentrum des Interesses steht und dabei statisch isoliert gleichsam wie auf einer Bühne vorgeführt wird.


Zur Ausstellung erscheint ein wissenschaftlicher Katalog mit Abbildungen sämtlicher ausgestellten Werke und thematischen Aufsätzen der Kuratoren Andrea Lutz und David Schmidhauser. Der Katalog stellt damit die erste umfassende Publikation zu diesem Thema dar. Er erscheint bei Scheidegger & Spiess, Zürich. (240 S., 115 Abb., Hardcover, CHF 39.-)

Neu. Sachlich. Schweiz
Malerei der Neuen Sachlichkeit in der Schweiz
2. September 2017 bis 14. Januar 2018

Museum Oskar Reinhart
Stadthausstrasse 6
CH-8400 Winterthur
T: 0041 (0)52 267 51 72
F: 0041 (0)52 267 62 28
E: museum.oskarreinhart@win.ch
W: www.museumoskarreinhart.ch


Öffnungszeiten

Di bis So 10 – 17 Uhr
Montag geschlossen

 


  • Adolf Dietrich, 1877–1957: Raben und Elster in Winterlandschaft, 1934. Öl auf Holz, 65 x 80 cm; Privatbesitz. © 2017, ProLitteris, Zurich; Foto: SIK-ISEA Zürich
  • François Barraud, 1899–1934: La Séance de peinture, 1933. Öl auf Leinwand, 86.2 x 100.5 cm. Aargauer Kunsthaus Aarau; Depositum Werner Coninx Stiftung. Foto: SIK-ISEA Zürich (Philipp Hitz)
  • Wilhelm Schmid, 1892–1971: Blumenstillleben, 1923. Öl auf Holz, 100 x 76 cm; Sammlung Peter Suter. Foto: SIK-ISEA Zürich (Philipp Hitz)
  • Niklaus Stoecklin, 1896–1982: Casa rossa, 1917. Öl auf Leinwand, 176 x 137 cm; Privatbesitz. © 2017, ProLitteris, Zurich; Foto: SIK-ISEA Zürich
  • Niklaus Stoecklin, 1896–1982: Selbstbildnis, 1918. Öl auf Karton auf Holz, 71 x 54 cm; Kunstmuseum Winterthur, Geschenk von Balthasar und Nanni Reinhart-Schinz, 1994. © 2017, ProLitteris, Zurich; Foto: SIK-ISEA, Zürich
Museum Oskar Reinhart
Stadthausstrasse 6
CH-8400 Winterthur
T: 0041 (0)52 267 51 72
F: 0041 (0)52 267 62 28
E: museum.oskarreinhart@win.ch
W: www.museumoskarreinhart.ch


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