Plötzliche Vergiftung

14.08.2017 Kurt Bracharz

Am 9. August konnte man in den Zeitungen eine überraschende Meldung lesen, die ich hier im Wortlaut der «Presse» zitiere: «Ein Insektenbiss hatte für eine 43-jährige Kölnerin schwerwiegende Folgen: Vermutlich wurde sie nur von einer Gelse gestochen. Der Frau mussten aber beide Beine und der linke Unterarm amputiert werden. (...) Das behandelnde Krankenhaus in Köln kam unter schwere Kritik, weil Ärzte die Frau vorerst nach Hause geschickt hatten. Der Ehemann brachte sie zurück ins Spital, wo sie wenig später ins Koma fiel.»


Besonders typisch an diesem Geschehen scheint mir die sofortige «schwere Kritik» am Spitalspersonal, weil es nicht darauf gefasst war, dass ein zunächst normal aussehender Gelsenstich zu solchen Folgen wie der Amputation dreier Glieder führen könnte. Da erkennt doch jeder medizinische Laie sofort: «Wie unfähig müssen diese Ärzte sein!» Was ich im Zitat oben ausgespart habe, ist der Grund des schlimmen Verlaufs dieser Infektion: Die Frau wurde durch den Gelsenstich mit Streptokokken infiziert, die zu einer Blutvergiftung führten.

Streptokokken! Damit sind wir beim aktuellen Fall des am 2. August nach einem Hitzemarsch (36°) in Horn verstorbenen 19-jährigen Rekruten, der auf Grund hohen Fiebers einen Herzstillstand erlitt. Seine mittlerweile durchgeführte Obduktion ergab nämlich, dass er mit den Keimen Haemophilus influenzae B und Streptokokkus pneumoniae infiziert war. Man gestatte, dass ich nochmals aus derselben Zeitung, nämlich der «Presse» (vom 12. August) zitiere: «Bei der Obduktion konnten demnach keine Entzündungsspuren an den Organen festgestellt werden. »Es handelte sich um einen akuten Infekt, die Keimeinschwemmung ins Blut bewirkte offensichtlich das hohe Fieber und war geeignet, eine Sepsis herbeizuführen«, teilte die Anklagebehörde am Freitag mit. »Diese Form der Erkrankung ist extrem selten.«»

Nun hatten sich aber alle Medien schon auf die Themen Hitzemarsch und Bundesheer eingeschossen, man konnte lange Auslassungen über Schleifermethoden, Schikanen, sadistische Ausbilder und das allgemeine Demokratiedefizit beim Bundesheer lesen und sogar Vorwürfe an den Verteidigungsminister Hans Peter Doskozil (SPÖ), der nun wirklich nichts mit Hitzemärschen im Sinn hat – aber im Wahlkampf ist nichts zu tief. Ein Poster wies im Online-«Standard» auf einem ähnlichen Fall aus dem Jahre 1967 hin, der zeige, dass sich in den vergangenen fünfzig Jahren beim Heer absolut nichts geändert habe, damals ist nämlich auch ein Grundwehrdiener bei einem Hitzemarsch gestorben. Ebenso 1974, beim Strafexerzieren, und auch folgenlos geblieben.

Die von der Staatsanwaltschaft Krems eingeleiteten Ermittlungen gegen Unbekannt wegen Verdachts der fahrlässigen Tötung sowie der fahrlässigen Tötung unter besonders gefährlichen Verhältnissen werden selbstverständlich weitergeführt, auch wenn die Infektion das Bild des Vorfalls doch einigermaßen verändert. Der junge Mann war übrigens nicht nach seinem Zusammenbruch irgendwie sofort behandelt, sondern per Lkw zur Kaserne zurück gebracht worden. Das kostete – im Nachhinein betrachtet – viel Zeit, sofortige Antibiotikagaben hätten ihn vielleicht gerettet, aber wer hätte die Diagnose stellen können?


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