Bekenntnis, nein, danke!

07.08.2017 Kurt Bracharz

Am Tag nach meinem 18. Geburtstag schickte ich ein formloses Schreiben an die zuständige Stelle, in welchem ich erklärte, dass ich aus der römisch-katholischen Kirche austrete. Dieser eine Satz, Unterschrift, Datum, basta! Das genügte 1965, ich wurde seither niemals mit Kirchenbeitragsforderungen oder Ähnlichem belästigt.


Der Grund meines Austritts war übrigens nicht Zahlungsunlust für einen Verein, dem ich gar nicht angehören wollte, sondern das Fazit eines ausführlichen Studiums einiger religionskritischer Bücher, vom damals populären (und aus heutiger Sicht naiv anmutenden) Buch «Und abermals krähte der Hahn» von Karlheinz Deschner und dem seltsamerweise in vieler Hinsicht gleich einfältigen «Warum ich kein Christ bin» von Bertrand Russell bis hin zu Joseph Gedalja Klausners 1930 im Berliner Jüdischen Verlag in deutscher Übersetzung erschienenem, materialreichen Buch «Jesus von Nazareth: Seine Zeit, sein Leben und seine Lehre» mit den ganzen talmudischen Einlassungen zu Jesus.

Das Ergebnis meiner Lektüre war, dass man über den historischen Jesus – wenn es ihn denn überhaupt gegeben hat – nichts Konkretes weiß und auch nichts mehr erfahren wird, dass das Neue Testament zwischen den Jahren 70 und 100 unserer Zeitrechnung zusammengeklittert worden ist und dass das Alte Testament eine Sammlung unterschiedlichster Textarten darstellt, von den frei erfundenden Berichten über große Helden wie Moses über einigermaßen realistische historische Berichte bis zu den philosophischen Einsichten des Predigers oder des Buches Hiob. Da wandte ich mich doch lieber rationalistischen Thesen und dem Szientismus zu und erklärte bei den damals noch sehr verbreiteten Fragen nach der Religionszugehörigkeit: «Konfessionslos.»

Wenn ich jetzt in Berichten über Anne Gujons Studie «Demographie und Religion» vom Vienna Institute of Demography lese, dass die Anzahl der Konfessionslosen in Österreich seit 2001 von zwölf Prozent auf 17 Prozent gestiegen ist, nehme ich an, dass ein Großteil dieser Neuzugänge aus anderen Gründen konfessionslos geworden ist als ich. Einen wesentlichen Anteil daran dürften jene haben, die Religion nur noch als Brauchtum und leere Tradition sehen und tatsächlich wegen der Kirchensteuer (und deren als ruppig empfundene Eintreibungsmethoden) formal austreten.

Die Verehrer des Fliegenden Spaghettimonsters, die Gläubigen kleinerer Sekten (die relativ große Organisation der Zeugen Jehovas wurde als Kirche anerkannt), die Freidenker (über die Franz Olah ungefähr sagte: «Zum nix glauben brauch i kan Verein»), die Scientologen und die Leute, die erklären, dass sie bei Wanderungen in der Natur Gott viel näher seien als in irgendeiner Kirche, verteilen sich wohl auf die 2,63 Millionen konfessionsloser Österreicher. Das wären drei Mal soviel Menschen wie die derzeit 700.000 Moslems, aber sie bilden wohl keine religionskritische Masse, welche die wünschenswerte Säkularisierung des Staates vorantreiben könnte.

Die Studie stellt vier Zukunftsszenarien vor, im ersten würde bei einer verstärkten Zuwanderung aus Europa der Anteil der Konfessionslosen auf ein Viertel der Bevölkerung steigen, beim zweiten (stärkere Migration aus dem Nahen Osten) auf 24 Prozent geschätzt, im dritten (geringe Zuwanderung) auf 28 Prozent steigen, und im vierten – bei starker Zuwanderung aus dem Nahen Osten und Afrika – stagnieren die Konfessionslosen und werden die Zahlen für die Muslime geschätzt: 21 Prozent, mit einem Schwerpunkt in Wien (30 Prozent). Also doch Islam statt daham.

Man sollte sich freilich bei allen Prognosen an die berühmte Hochrechnung erinnern, die um die Wende zum 20. Jahrhundert prophezeite, dass die Stadt New York alsbald in Pferdeäpfeln ertrinken würde, wenn das Transportwesen mit Pferden weiter so explodierte. Aber dann kam – wie man heute weiß – das Auto.


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