Baby Driver

08.08.2017 Walter Gasperi

Verfolgungsjagden getaktet im Rhythmus der Musik von Queen, Dave Brubeck, The Commodores, T.Rex, dazu eine zarte Liebesgeschichte und schließlich auch Differenzen zwischen den Gangstern. – Edgar Wright legt eine coole Rock´n´Roll-Fantasie vor, die durch ihr Tempo, ihre perfekte Choreografie und die lustvoll-unverbrauchte Machart mitreißt.


Nicht den ganzen Wagen sieht man, sondern nur ein Rad, das sich ins Bild schiebt und einen knallroten Kotflügel. Dann wechselt Edgar Wright ins Innere, stellt in schnellen Schnitten den Fahrer und seine drei Begleiter vor. Letztere steigen sogleich aus, holen aus dem Kofferraum Waffen, vermummen mit Halstüchern ihr Gesicht und verschwinden in der nahen Bank.

Im Wagen zurück bleibt der junge Fahrer (Ansel Elgort) mit Sonnenbrille und Ohrstöpseln. Der Überfall, der im Hintergrund abläuft, scheint ihn nicht zu tangieren, denn er dreht seinen iPod auf und klopft im Rhythmus von «Bellbottoms» der Jon Spencer Blues Explosion aufs Lenkrad, ist aber hellwach als die drei Bankräuber in den Wagen springen.

Nicht nur er gibt Vollgas, sondern auch der Film, wenn er mit wilden Fahrmanövern, zu denen ihn die Musik, die er hört, inspiriert und die auch den Rhythmus des Films vorgibt, die ihn verfolgenden Polizeiwagen auf den Highways in und um Atlanta abhängt.

Dieser fulminante von den Vorspantiteln begleitete Auftakt, gibt das rasante Tempo von «Baby Driver» vor. Denn nicht nur am Steuer bestimmt die Musik den jungen Fluchtwagenfahrer, sondern auch wenn er anschließend für sich und die drei Gangster Kaffee in einem Diner holt, bewegt er sich im Rhythmus von «Harlem Shuffle» durch die Straßen, ahmt bald Graffitis an den Mauern nach, tänzelt leichtfüßig wie Fred Astaire um die Passanten. Filmisch tritt dabei aber an die Stelle der schnellen Schnittfolgen der Verfolgungsjagd eine nicht enden wollende Kamerafahrt.

Für zurückgeblieben mögen nicht nur die Gangster den jungen Mann, der sich Baby nennt und kaum ein Wort spricht, halten, sondern auch der Zuschauer mag von seinem geradezu autistischen Verhalten zunächst irritiert sein. Langsam aber gewinnt man Einblick in seine Traumatisierung durch den Verlust der Eltern bei einem Unfall ebenso wie in seine Abhängigkeit von dem von Kevin Spacey wunderbar kühl gespielten Gangsterboss Doc, dem gegenüber er noch eine Schuld zu begleichen hat.

Näher kommt man dem jungen Mann vor allem, als sich eine zarte Liebesgeschichte zur Diner-Bedienung Debora (Lily James) entwickelt und sich sogleich auch eine Diskussion über Songs zu ihrem Namen von Beck («Debra») und T.Rex («Deborah») sowie zu seinem Namen von Carla Thomas´ «B-A-B-Y» bis zu Simon & Garfunkels titelgebendem «Baby Driver» entspinnt.

Doch aus dem Job als Fluchtwagenfahrer will ihn Doc auch dann nicht aussteigen lassen, als er seine Schuld getilgt hat: Zu gut ist dieses Babyface in seinem Job einfach. Noch einen Auftrag soll er erledigen, doch wie so oft in diesem Genre kommen sich dabei auch die Gangster selbst in die Quere, denn während diese skrupellos über Leichen gehen, schreckt Baby vor jeder Gewalttat zurück. Er zeigt sein soziales Gewissen nicht nur, wenn er sich liebevoll um seinen taubstummen und im Rollstuhl sitzenden schwarzen Pflegevater kümmert, mit dem er in Gebärdensprache kommuniziert, sondern auch, wenn er bei den Überfällen gefährdete Passanten und Bankangestellte warnt.

Mindestens die halbe Miete für Edgar Wrights Film ist zweifellos der 44 Musikstücke umfassende Soundtrack. Durch ihn entwickelt «Baby Driver» einen Drive, dem man sich nicht entziehen kann. Doch Wright findet auch die passenden Bilder, vor allem den passenden Schnittrhythmus dazu und lässt zugleich den Zuschauer das Vergnügen und die Leidenschaft spüren, die in diesem Film stecken.

Nicht was passiert ist hier wichtig, sondern wie es passiert vom punktgenauen Timing der Inszenierung über die knalligen Farben vom roten Subaru am Beginn über die rote Jacke des Gangsters Bats (Jamie Foxx) und das in roter Neonschrift leuchtende Diner-Schild bis zur trefflichen Besetzung der auf starke Gegensätze angelegten Figuren.

Eine so coole und fetzige Rock’n’Roll-Fantasie sah man im Kino wohl seit Walter Hills «Streets of Fire» nicht mehr. Ohne Durchhänger rauscht dieses stylische Kinostück, das in seiner Überzogenheit komödiantisch beginnt, dann aber zunehmend einerseits düstere und brutale, andererseits aber auch romantische Töne anschlägt, angetrieben vom pulsierenden Soundtrack über 110 Minuten dynamisch dahin, bedient hemmungslos Gangsterklischees und hat auch keine Angst vor Kitsch. – Neu ist kaum, was Wright erzählt, aber so frisch und schwungvoll gemischt, so smart und bestens abgestimmt kam schon lange kein Gangsterfilm mehr daher.

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