70. Locarno Festival: Trauer, Rassismus und die Rache des Ötzi

11.08.2017 Walter Gasperi

02.08.2017 bis 12.08.2017  Filmfestival Locarno

Während Felix Randau die Geschichte des Ötzi in «Iceman» als Rache-Western inszeniert, erzählt Andrei Cretulescu in «Charleston» lakonisch von Trauer und einer ungewöhnlichen Männerfreundschaft. Der Amerikaner Travis Wilkerson arbeitet dagegen in dem Dokumentarfilm «Did You Wonder Who Fired the Gun?» nicht nur ein dunkles Familiengeheimnis auf, sondern verknüpft dieses mit Geschichte und Gegenwart des Rassismus in Alabama.


Mit seinen großen Landschaftstotalen hätte Felix Randaus «Iceman» durchaus auf der Piazza Grande punkten können, doch Schlechtwettereinbruch und strömender Regen bedingte eine Verlegung der Weltpremiere in die während des Festivals jeweils als Kino genutze Messe- und Eventhalle FEVI.

Randau hat im ausgestorbenen Rätisch gedreht, verzichtet auf Untertitel, weist aber auch schon im Vorspann darauf hin, dass Verständnis des Dialogs für das Verständnis des Films nicht nötig ist. Kurz informieren Vorspanninserts auch über den Fund des Ötzis 1991 und um den Umstand, dass es sich dabei um einen vor 5300 Jahren gestorbenen Angehörigen einer jungsteinzeitlichen Siedlung handelt. Nur ironisch gemeint sein kann freilich der diese Einleitung abschließende Satz «This is his story», denn angesichts der dürftigen Quellenlage fantasiert Randau wohl einfach eine Geschichte zusammen.

Nicht lange hält sich der 43-jährige Regisseur mit einer ethnographischen Schilderung auf, schickt bald einmal den Kelab genannten Protagonisten (Jürgen Vogel) auf die Jagd. Seine Abwesenheit nützt aber ein feindlicher Stamm nicht nur, um einen heiligen Schrein zu stehlen, sondern auch um die Siedlung niederzubrennen und alle Bewohner mit Ausnahme eines Babys zu töten.

Wie dieser Auftakt an John Fords Klassiker «The Searchers» und andere Rache-Western erinnert, so orientiert sich auch der anschließende Rachefeldzug an Vorbildern dieses Genres bis hin zu Alejandro Gonzalez Inarritus «The Revenant». Sorgfalt bei der Ausstattung von Fellkleidung über Waffen bis zu Behausungen und die von Grau- und Blautönen dominierten Bilder einer lebensfeindlichen Gegend evozieren zwar eine dichte Atmosphäre, sehr dürftig bleibt aber die Geschichte.

Beliebig werden da doch ziemlich unmotiviert Szenen aneinandergereiht vom Mord an anderen Jägern, weil Kelab sie fälschlicherweise für die Täter hält, über die Begegnung mit einem alten Mann und seiner Tochter, bei denen er das Baby zurücklassen kann, bis hin zur Durchquerung einer Schlucht und dem Sturz in eine Gletscherspalte.

Nur als ein McGuffin erscheint auch der Schrein, den Kelab nach vollzogener Rache zurückholt, einziges historisches Faktum bleibt sein Tod im Gebirge, für den schließlich ein aus dem Nichts auftauchender anderer Jäger sorgen muss.

Mehr Filmkunst bot da schon im Wettbewerb der rumänische Beitrag «Charleston». Der Titel, der auf die Begeisterung der Protagonisten für den Schauspieler Charlton Heston verweist, ist zwar auch ein McGuffin, doch die lakonische Erzählweise und zahlreiche witzige Details nehmen doch für dieses Langfilmdebüt ein.

Nur zwei Einstellungen benötigt Andrei Cretulescu, um vom Tod einer Frau und ihrem Begräbnis zu erzählen, schon lässt er den Mann der Verstorbenen in seiner verrauchten Wohnung bei Zigaretten und Alkohol scheinbar versumpfen. Gestört wird der muskulöse bärtige Alexander aber bald vom schmächtigen Milchbubi Sebastian, der sich als Liebhaber der Verstorbenen outet und sich förmlich beim Witwer einnistet.

Sehr viel Zeit lässt sich Cretulescu, erzählt ruhig in langen statischen Einstellungen, entwickelt aber großen Witz bei einem Essen bei den Eltern der Verstorbenen, einem Kinobesuch oder durch einen winzigen roten Fiat, mit dem das ungleiche Duo sich schließlich auf eine Reise begibt. Bewegend erschließen sich dann auch erst vom Ende her die einzelnen Szenen und der gesamte Film als Auseinandersetzung mit Verlust und der Zeit, die es braucht, bis die Trauer wirklich durchbrechen kann.

Überzeugend das Private mit dem Politischen verknüpft der Amerikaner Travis Wilkerson in seinem Dokumentarfilm «Did You Wonder Who Fired the Gun?» Ausgangspunkt und zentrale Handlungslinie des Films sind zwar Wilkersons Nachforschungen zum Mord seines eigenen Urgroßvater an dem Afroamerikaner Bill Spann 1946 in Alabama, doch ausgehend von dieser Einzeltat, für die der Täter nie zur Verantwortung gezogen wurde, blickt der Regisseur auch immer wieder auf die Geschichte und Gegenwart des Rassismus in Alabama.

Wortlastig ist «Did You Wonder Who Fired the Gun?» zweifellos, wird er doch ganz durch Wilkersons Off-Stimme erzählt, doch nie zu faktenlastig und immer übersichtlich bleibt dieser spannende Dokumentarfilm, mit der es dem Amerikaner, unterstützt von starken Songs, gelingt, einerseits vergessene Opfer des Rassismus dem Vergessen zu entreißen, andererseits aber auch das Fortwirken des Rassismus, das der weiße Regisseur während seiner Rechechen auch selbst zu spüren bekam, sichtbar zu machen. - Nicht zuletzt aufgrund der gesellschaftspolitischen Aktualität hat sich mit diesem Film ein weiterer Preisanwärter eingestellt.

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  • Did You Wonder Who Fired the Gun?; USA, 2017. DCP · Color and Black and White · 90' · o.v. English
  • Did You Wonder Who Fired the Gun?; USA, 2017. DCP · Color and Black and White · 90' · o.v. English
  • Charleston; Romania / France, 2017. DCP · Color · 119' · o.v. Romanian
  • Charleston; Romania / France, 2017. DCP · Color · 119' · o.v. Romanian
  • Iceman; Germany / Italy / Austria, 2017. DCP · Color · 97' · o.v. Extinct Rhaetic
  • Iceman; Germany / Italy / Austria, 2017. DCP · Color · 97' · o.v. Extinct Rhaetic

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