70. Locarno Festival: Erste Preisanwärter?

07.08.2017 Walter Gasperi

12.08.2017 bis 02.08.2017  Filmfestival Locarno

Überraschend linear erzählt und zugänglich präsentieren sich bislang die Wettbewerbsfilme. Eine US-Indie-Perle gab es mit John Carroll Lynchs hinreißendem «Lucky» zu entdecken, während Annemarie Jacir in «Wajib» unaufgeregt ein differenziertes Bild vom Leben der Palästinenser in Nazareth zeichnet.


Am Beginn stehen Totalen der weiten Halbwüste des Südwestens der USA, ehe man in Detailaufnahme sieht, wie eine Zigarette angezündet wird. Das Gesicht des Rauchers enthält John Carroll Lynch dem Zuschauer aber noch eine Weile vor. Nur eine Hand sieht man, die nach der Milch im Kühlschrank greift, nur den Körper bei der Morgengymnastik. Erst mit einem Schnitt ins Freie und dem Blick in den strahlend blauen Himmel tritt in Untersicht der alte Lucky (Harry Dean Stanton) mit seinem Cowboyhut ins Bild.

In ruhigen Einstellungen folgt Lynch dem alten Mann auf seinem Weg durchs Wüstenkaff vom Diner zum Supermarkt und dann wieder nach Hause, wo er Gameshows im Fernseher anschaut und Kreuzworträtsel löst. Am Abend geht es dann noch in die Bar, wo er eine Bloody Mary konsumiert und Howard trifft, der darüber klagt, dass ihm seine Schildkröte Präsident Roosevelt entlaufen ist.

Nach einer Schwarzblende beginnt der nächste Tag mit in etwa den gleichen Einstellungen und Handlungen, nur dass nun Lucky plötzlich bei einer seiner Übungen zusammenbricht. Der Arzt freilich stellt nichts fest, lobt vielmehr seine für sein Alter außergewöhnlich gute körperliche Verfassung und wundert sich über die immer noch tadellose Lunge des Kettenrauchers. Nur zunehmendes Alter kann er diagnostizieren. Rührend gesteht ihm Lucky auch, dass er Angst habe, überspielt diese aber allen anderen Bewohnern des Dorfes gegenüber mit seinem trockenen Humor.

Rein äußerlich passiert nicht viel in diesem wunderbar lakonischen Regiedebüt des Schauspielers John Carroll Lynch, aber in der kleinen Geschichte mit den sich wiederholenden Begegnungen Luckys mit den ihn schätzenden Bewohnern des Wüstenkaffs erzählt Lynch bewegend und voll zarter Melancholie von Alter, Vergänglichkeit und der Unausweichlichkeit des Todes.

Im Zentrum steht natürlich der von dem 91-jährigen Harry Dean Stanton, dessen von den Drehbuchautoren Drago Sumonja und Logan Sparks gesammelten Sprüche teilweise in den Film einflossen, knochentrocken gespielte Lucky. Um ihn gruppiert Lynch eine Reihe perfekt gecasteter, herrlich schrulliger Typen, zu denen auch der von Regielegende David Lynch, der mit dem Regisseur nicht verwandt ist, gespielte Howard zählt.

Nicht zuletzt lebt die auch mit ihren knappen Dialogen überzeugende Indie-Perle, die nicht nur in Locarno Preischancen, sondern auch das Potential zu einem Arthaus-Erfolg im regulären Kinobetrieb hat, aber auch von der Verankerung in der immer sehr fotogenen und Kinomythen beschwörenden Landschaft des amerikanischen Südwestens.

Zentral ist die Verankerung im Raum auch für Annemarie Jacirs «Wajib». Mit einer langsamen Kamerarückwärtsfahrt von der Windschutzscheibe eines Volvo beginnt der Wettbewerbsfilm der Palästinenserin. 90 Minuten wird man mit diesem Wagen dem Mittsechziger Abu Shadi und seinem seit Jahren in Italien als Architekt lebenden Sohn durch Nazareth und in verschiedene Häuser folgen. Ihre «Wajib», ihre soziale Pflicht, ist es nach palästinensischem Brauch die Einladungen für die bevorstehende Hochzeit der Tochter bzw. Schwester persönlich den Verwandten und Bekannten zu übergeben.

Getragen von den von Vater Mohammad Bakri und seinem Sohn Saleh stark gespielten Protagonisten weitet sich so in der kleinen, gänzlich undramatischen und nur einen Tag umspannenden Geschichte sukzessive während der Fahrt, die an die Filme Abbas Kiarostamis oder Jahar Panahis «Taxi» erinnert, der Einblick in das schwierige Leben der Palästinenser in der unter strenger Beobachtung durch die israelischen Behörden stehenden Stadt.

Differenziert und unaufdringlich arbeitet Jacir aber auch die familiären Verhältnisse und besonders das Verhältnis zwischen Vater und Sohn heraus, macht auf der einen Seite die mit der Emigration verbundene Entfremdung von den kulturellen Wurzeln sichtbar und auf der anderen Seite die Unterwerfung unter die von den Israelis diktierten Regeln, die ein Leben in Nazareth erfordert.

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  • Lucky, USA 2017. DCP · Color · 88' · o.v. English
  • Lucky, USA 2017. DCP · Color · 88' · o.v. English
  • Lucky, USA 2017. DCP · Color · 88' · o.v. English
  • Wajib (Duty), Palestine 2017. DCP · Color · 96' · o.v. Arabic
  • Wajib (Duty), Palestine 2017. DCP · Color · 96' · o.v. Arabic
  • Wajib (Duty), Palestine 2017. DCP · Color · 96' · o.v. Arabic

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