70. Locarno Festival: Kreisbewegung und radikaler Bruch

05.08.2017 Walter Gasperi

02.08.2017 bis 12.08.2017  Filmfestival Locarno

Mit dem dänischen Drama «Winterbrüder», in dem es kein Entkommen aus einem tristen Bergarbeitermilieu zu geben scheint, und Jan Speckenbachs «Freiheit», in dem eine 40-jährige Frau ihr bürgerliches Leben hinter sich lässt, startete am Lago Maggiore der Wettbewerb.


Dunkelheit bestimmt die ersten Minuten von Hlynur Pálmasons «Vinterbrødre» («Winterbrüder»). Nur Stirnlampen erhellen punktuell Gesichter oder bruchstückhaft die Arbeit in einem Stollen. Dazu sorgt das Dröhnen der Maschinen für eine beunruhigende Atmosphäre. Was hier abgebaut wird, wird man nie erfahren, für einen sozialrealistischen Film über körperliche Schwerarbeit bleibt dieses Langfilmdebüt in der Schilderung der Arbeit absichtlich zu fragmentarisch.

Heller wird es zwar, wenn der Film den Stollen verlässt, doch das Milieu bleibt trist. Nicht nur die kahlen Bäume und die verschneiten Felder evozieren eine bedrückende Atmosphäre, sondern auch die schäbigen Hütten, die verwaschen-schmutzigen Farben und die verdreckten Arbeiter.

Im Zentrum der Handlung steht Emil, der in diesem Bergwerk arbeitet. Aus einem Lagerraum stiehlt er Chemikalien, mit denen er einen Fusel mischt, den er seinen Arbeitskollegen verkauft. Als der Diebstahl auffliegt und zudem ein Arbeiter am Konsum des giftigen Schnapses stirbt, wird Emil vom Firmenchef zur Rede gestellt und gedemütigt, aber nicht entlassen. Etwas Glück und Liebe versucht er bei der jungen Anna – der einzigen Frau in diesem Männerfilm – zu finden, doch diese hat auch eine Beziehung zu Emils Bruder Johan.

Als Emil von einem alten Mann als Bezahlung für dessen Schnaps-Schulden ein Gewehr erhält und sich immer wieder Trainingsfilme über den Umgang mit der Waffe anschaut, erwartet man, dass «Vinterbrødre» auf einen Amoklauf hinausläuft, doch Pálmason unterläuft Erwartungshaltungen, lässt vielmehr mit der Rückkehr in den Tunnel den Film so enden wie er begonnen hat und deutet damit die Ausweglosigkeit der Situation an.

Ein Gefühl der Sinn- und Aussichtslosigkeit evoziert aber auch die bewusst löchrige Geschichte, in der viele Fäden ins Leere laufen, keinen Sinn ergeben. Das gilt für die Geschichte über die Beziehung zwischen einem Mann und seinem Hund, die ein Arbeitskollege Emil erzählt, ebenso wie für die Szene einer Sprengung, an die sich eine schnelle Abfolge von Großaufnahmen der Protagonisten anschließt, ohne dass auf diese markante Akzentuierung der zu erwartende große finale Akt folgen würde.

In seiner Konsequenz und durch die starke Kameraarbeit von Maria von Hausswolff sowie ein großartiges Sounddesign beklemmend ist «Vinterbrødre» so zwar in der Beschwörung einer tristen Atmosphäre und einer Lebenswelt, aus der es kein Entkommen zu geben scheint, doch etwas ratlos lässt er den Zuschauer auch aufgrund der fragmentarischen Geschichte und der wenig greifbaren Figuren und ihrer Beziehungen zurück.

Klare Hauptfiguren, zielgerichtete und überlegte Inszenierung zeichnen dagegen Jan Speckenbachs «Freiheit» aus. Mitten hinein ins Geschehen wirft der deutsche Regisseur den Zuschauer und entwickelt die Handlung seines zweiten Spielfilms in der Folge auf zwei Ebenen. Einerseits folgt er der 40jährigen Nora, die zunächst durch Wien streift und dann weiter nach Bratislava fährt, und andererseits dem Berliner Anwalt Philipp, der überlastet ist, weil er sich einerseits um seinen Job andererseits auch um seine zwei Kinder kümmern muss.

Geschickt stellt Speckenbach langsam Querverbindungen her, macht sichtbar, dass Nora ihre Familie still und heimlich verlassen hat. Plastisch stellt er dieser Frau, die nach einem Neubeginn und einem befreiten Leben sucht, die völlige Einspannung ihres Ehemannes Philipp gegenüber.

Doch so sorgfältig «Freiheit» auch aufgebaut ist, so leidet er doch daran, dass Speckenbach vieles zu sehr ausformuliert, beispielsweise in einer viel zu langen Rückblende das vorangegangene Familienleben schildert, obwohl man sich das als Zuschauer schon in Gedanken ausmalen konnte.

Prätentiös wird zudem die Situation Noras mehrfach auf Bild- und Tonebene betont. Das beginnt beim Namen der Hauptfigur, der natürlich an Ibsens Drama erinnern soll, setzt sich im Eröffnungsbild - und später sich mehrfach wiederholenden Bild - einer Brücke, die Nora symbolhaft überschreitet, ebenso fort wie in zahlreichen Aufnahmen durch Fensterscheiben, die Nora gewissermaßen in einen Glaskäfig sperren, und findet sich auch auf literarischer und musikalischer Ebene, wenn sie Friedrich Rückerts «Ich bin der Welt abhanden gekommen» zitiert und der Song «Like a Motherless Child» den Schlusskommentar liefert.

Nichtsdestotrotz folgt man den Wegen der beiden Protagonisten dank des starken Spiels von Johanna Wokalek und Hans-Jochen Wagner interessiert, hat aber auch das Gefühl, dass mehr drinnen gewesen wäre.

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  • Freiheit (Freedom); Germany, Slovaquie, 2017. DCP · Color · 100' · o.v. German, Slovak, English
  • Freiheit (Freedom); Germany, Slovaquie, 2017. DCP · Color · 100' · o.v. German, Slovak, English
  • Freiheit (Freedom); Germany, Slovaquie, 2017. DCP · Color · 100' · o.v. German, Slovak, English
  • Vinterbrødre (Winter Brothers); Denmark, Iceland, 2017. DCP · Color · 94' · o.v. Danish/English
  • Vinterbrødre (Winter Brothers); Denmark, Iceland, 2017. DCP · Color · 94' · o.v. Danish/English

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