70. Locarno Festival: Eröffnung mit einfühlsamer Mutter-Tochtergeschichte

03.08.2017 Walter Gasperi

02.08.2017 bis 12.08.2017  Filmfestival Locarno

Ganz aus der Perspektive der neunjährigen Mathilde erzählt Noémie Lvovsky in «Demain et tous les autres jours» vom schwierigen Zusammenleben des Mädchens mit ihrer psychisch kranken Mutter. Einfühlsam und engagiert ist die Erzählweise, wirklich mitzureißen vermochte der Eröffnungsfilm der Jubiläumsausgabe des Tessiner Filmfestivals aber nicht.


Wie bei der Berlinale scheint man auch in Locarno, dessen Festival sich ab heuer nicht mehr «Festival del Film Locarno» oder «Locarno Filmfestival», sondern «Locarno Festival» nennt, auf regelmäßige Abwechslung bei den Eröffnungsfilmen zu setzen.

Startet man im einen Jahr mit Actionkino, so bietet man im folgenden jeweils etwas für Freunde leichten Arthouse-Kinos. «Two Guns», Luc Bessons «Lucy» und «The Girl with All the Gifts» standen in den letzten Jahren für die eine Schiene, Benoit Jacquots «Au fond des bois», Jonathan Demmes «Ricki and the Flash und nun »Demain et tous les autres jours« für die andere.

Mit einem Blick auf die neunjährige Mathilde im Schulhof setzt der Film, den Lvovsky ihrer Mutter Genevieve gewidmet hat, ein. Während die anderen Kinder spielen, steht das Mädchen im Abseits. Weil Mathilde kaum oder keine Freundinnen hat, kommt es auch bald zum Gespräch der Lehrerin mit ihr und der Mutter. Schon hier zeigt sich, dass die alleinerziehende Frau offensichtlich psychische Probleme hat, mit ihrem Leben nicht zurechtkommt. Noch deutlicher wird das, als sie wenig später ein langes weißes Brautkleid kauft und mit diesem durch die Stadt läuft.

Offen bleibt, wieso die Jugendbehörde nicht eingreift, Mathilde jedenfalls ist auf sich gestellt, hat auch zum Vater nur einmal kurz per Skype Kontakt. Großartig besetzt ist dieses Mädchen mit Luce Rodriguez, ganz aus ihrer Perspektive erzählt Lvovsky, versetzt den Zuschauer in ihre Position und macht einfühlsam erfahrbar, wie schwer es für die Neunjährige ist mit dem für sie unerklärlichen Verhalten, für das auch der Zuschauer keine Erklärungen bekommt, umzugehen.

Hilft ihr zunächst noch die Flucht in Fantasien und Gespräche mit ihrem Käuzchen mit dem Leben zurechtzukommen, so steigern sich die Handlungen der Mutter, die einerseits bei Mathilde heftigen Zorn auslösen, andererseits dann auch zum Eingreifen der Polizei führen. Zunehmend bedrückender wird damit »Demain et tous les autres jours", der zunächst noch durch Mathildes Fantasie trotz des ernsten Themas Leichtigkeit bewahrte.

Man spürt zwar das persönliche Engagement Lvovskys, die selbst großartig die Rolle der Mutter spielt, doch insgesamt kann sie den Spannungsbogen nicht durchhalten. Rund schafft sie aber im einige Jahre später spielenden Epilog wieder diese Leichtigkeit, wenn Mutter und Tochter in einem gleichsam erlösenden Wolkenbruch miteinander tanzen und die scheinbar durch nichts zu zerstörende Mutter-Tochter-Beziehung gefeiert wird.

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