Camp Lemmoniers neuer Nachbar

24.07.2017 Kurt Bracharz

Der 21. Januar 2017 wird vielleicht einmal als ein welthistorisches Datum gelten. Besser wäre es, wenn man damit – mit der historischen Bedeutung – nicht so schnell rechnen müsste. Es war der Tag, an dem das chinesische Außenministerium erklärte, mit Dschibouti ein Abkommen über einen militärischen Stützpunkt abgeschlossen zu haben, Chinas ersten Überseestützpunkt überhaupt. Mittlerweile sind die Bauarbeiten abgeschlossen, und seit vierzehn Tagen Schiffe mit chinesischen Truppen auf dem Weg.


Dschibouti ist ein ostafrikanischer Kleinstaat (23.200 qkm, 943.000 Einwohner), der an Eritrea, Äthiopien, Somalia, an den Golf von Aden und an das Rote Meer grenzt, das ihn vom Jemen trennt. Die (wie üblich durch eine Diktatur «gesicherte») politische Stabilität des Landes hat dazu geführt, dass eine Reihe von Staaten hier Militärstützpunkte eingerichtet hat. Der größte ist das US-amerikanische Camp Lemmonier mit 4000 Soldaten und Zivilpersonal. Von Camp Lemmonier, das die Amerikaner im November 2002 als Reaktion auf den 11. September 2001 gründeten, werden unter anderem sechs US-Drohnen-Stationen auf afrikanischem Grund ferngesteuert, aber es dient auch zum Schutz des Suezkanals, durch den schließlich immer noch jährlich 10 Prozent aller Erdölexporte verschifft werden, und im Kampf gegen die somalische Piraterie.

Camp Lemmonier hat mit dem chinesischen Stützpunkt einen nur wenige Meilen entfernten politisch suspekten Nachbarn bekommen; die beiden Nationen brauchen nun keine Satelliten oder sonstigen teure technische Einrichtungen mehr, um einander in die Karten sehen zu können. Gabriel Collins, der Gründer des Informationsportals China SignPost, drückte es so aus: «Es ist, als gäbe es ein Rivalen-Football-Team auf dem nebenan gelegenen Übungsplatz. Die können sich einige von unseren Spielen ansehen, andererseits gilt für uns dasselbe.»

Zu den Gründen der Chinesen, den Stützpunkt zu errichten, gehörte die Erfahrung, nach Ghadaffis Sturz die 35.680 in der libyschen Ölindustrie beschäftigten Landsleute nicht mit eigenen Mitteln transportieren zu können, sondern sich kommerzieller Chartermaschinen bedienen zu müssen. Mittlerweile leben eine Million Chinesen im Mittleren Osten und in Afrika, die im Krisen- oder Kriegsfall evakuiert werden müssen.

Aber man muss kein amerikanischer Paranoiker sein, um heute bei allen chinesischen Aktivitäten sogleich an «One Belt, One Road» («Neue Seidenstraße») und ihr maritimes Pendant «String of Pearls» («Perlenkette», gemeint sind Häfen von China bis Sudan) zu denken, und an Chinas erklärtes Ziel, eine Großmacht (und das nicht auf tönernen Füßen) werden zu wollen. Das soll zwar auf friedlichem Wege geschehen, aber China baut auch seine Kriegsflotte seit zwanzig Jahren intensiv aus. In den letzten Tagen konnte man im TV sowohl den chinesischen als auch den amerikanischen Präsidenten jeweils einen neuen Flugzeugträger einweihen sehen.

Die anderen Militärstützpunkte in Dschibuti sind französisch, italienisch, spanisch, deutsch, japanisch und saudiarabisch. Während die alten Kolonialmächte sich eher unauffällig verhalten, bauen die Saudis wie üblich nebenher wahabitische Moscheen. Die Russen wollten übrigens auch einen Stützpunkt einrichten, da spielte aber Präsident Is’mail Omar Guelleh nicht mit, weil er keinen iranischen Einfluss dulden kann, solange die Saudis – auch als Verbündete der Amerikaner – bei ihm das Sagen haben.


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