Kunsthandwerk und Kunstgewerbe

17.07.2017 Kurt Bracharz

Wann ein Produkt die Bezeichnung «Kunstwerk» verdient, war immer schon schwierig oder vielleicht sogar unmöglich zu sagen. Kunsttheorien der Antike, der Renaissance, der Romantik und auch noch des 19. Jahrhunderts sind nur noch von historischem Interesse. Bei einem Großteil der Schriften aktueller Kunsttheoretiker hat man den Eindruck, ihr eigentlicher Zweck sei es, das Angebot des Kunstmarktes verkäuflich zu machen, vor allem den großen Teil davon, den nicht nur die Neureichen nicht als «Kunst» und damit als Kapitalanlage erkennen würden, wenn man ihn nicht mit vagen Beschwörungen umgeben würde.


Kein Problem hatte man mit den historisch neueren Begriffen Kunsthandwerk und Kunstgewerbe. Kunsthandwerk war meist als Unikat gefertigtes, besonders qualitätsvolles Handwerk, und wenn es um Serienproduktion (auch in Kleinserien) ging, sprach man von Kunstgewerbe. Ein gutes, weil in allen Merkmalen zutreffendes Beispiel für Kunsthandwerk sind die Fabergé-Eier, von denen jeder schon einmal gehört hat (oder zumindest von ihren Preisen: Unlängst wurde ein solches Ei in einer Auktion um über 3 Millionen Euro versteigert.

Der Petersburger Juwelier Peter Carl Fabergé (1846 – 1920) ließ diese mit Goldschmuck versehenen, in komplizierten Schritten emaillierten Eier für den russischen Zaren zum Osterfest produzieren. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere beschäftigte Fabergé 700 Mitarbeiten, 500 davon in Petersburg. Heute sind Fabergé-Eier zum Beispiel in Petersburg und in Baden-Baden ausgestellt. Sie sehen toll aus (wenn man den altrussischen Stil mag) und sind Beispiele höchster Handwerkkunst – aber sie sind keine Kunstwerke.

Worauf ich hinaus will: Vieles von dem, was heute als Kunst gehandelt wird, ist eigentlich Kunstgewerbe. Wenn der ehemalige Börsenbroker Jeff Koons, für den ein permanenter Stab von über hundert Leuten arbeitet, nahezu alle seine Produkte von Spezialisten anfertigen lässt und nur das Konzept liefert (das allzu oft darin bestand, Häschen-Spielfiguren, Ballonhunde und andere in Original weiche Kinderzimmer-Objekte aus Metall machen zu lassen, was die «Kritik» zu originellen Aussagen über den Gegensatz zwischen Weichem und Hartem ermunterte). Seine Porzellanbüsten würde jeder als Kitsch erkennen (und vielleicht mögen), wenn man ihm nicht sagte, dass es Kunst von Koons sei. Was würden Sie sich denken, wenn Sie zum ersten Mal und ohne Vorwissen einen 12 Meter hohen, mit Blumen bepflanzten Welpen sähen? Wohl eher nicht, dass das Monsterviecherl «Kunst» sei.

Ein beliebter Trick zeitgenössischer Künstler ist die Vergrößerung von Dingen, deren billiger Verfremdungseffekt als «zum Nachdenken anregend» oder «die Sinne verwirrend» behauptet wird. Environments, die als Schaufensterdekorationen, Inneneinrichtungen, Lichtquellen, Freizeitparkinstallationen oder Grottenbahninventar unauffällig blieben, erhalten viel mehr Beachtung, wenn sie ganze Ausstellungssäle füllen.

Natürlich gibt es immer noch Kunst, die nicht bloß Handwerk ist. Stellen Sie sich einen Akt von Lucian Freud neben einem Hummer von Koons oder irgendein Werk von William Kentridge neben Hirsts Hai in Formalin vor – hätten Sie irgendein Problem, einen ganz wesentlichen Qualitätsunterschied wahrzunehmen?

Das war übrigens mein Beitrag zum Thema «20 Jahre Kunsthaus Bregenz – Wo die Bobo-Kunst daheim ist».


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