Poetische Expansionen

16.10.2017

27.07.2017 bis 22.10.2017  ZKM

Als Dichter, Künstler und Psychoanalytiker war Konrad Balder Schäuffelen (1929, Ulm – 2012, München) als wichtiger Impulsgeber an der multimedialen Erweiterung der Poesie seit Mitte der 1950er-Jahre produktiv beteiligt. Mit markanten Arbeiten, die sich dank einer Schenkung seines Sohnes Jakob Schäuffelen seit 2013 in der Sammlung des ZKM | Karlsruhe befinden, gewährt die Ausstellung «sprache ist fuer wahr ein koerper» einen umfassenden Einblick in das sprach- und bildkünstlerische OEuvre Schäuffelens. Eigens für die Retrospektive wurde die Rekonstruktion bzw. das Reenactment der Partitur «Sprechzimmer» (1969) am ZKM erarbeitet.


Ob paginale Anordnungsästhetik experimenteller Poesie, graphischskulpturales Spiel mit Wörtern oder erweiterte Textplastik – Schäuffelens Minimaldialoge, Emblem-Assemblagen und Sprachobjekte zeugen von einem hohen Anspruch poetischer Kombinationskunst. Ausrangierte Alltagsobjekte und Träger materieller Kultur (Waffen, religiöse Insignien, Bücher) und deren symbolische Aufladung bilden das Material für poetische Gestaltungen. Durch analytische Verfahren sowie Verdichtungen und Verschiebungen entstehen künstlerische Formationen, welche die Sprengkräfte der Sprache und ihre mehrdeutigen Sinnfelder mobilisieren.

Die Ausstellung zu Helmut Heißenbüttel (1921–1996), freier Autor und Redakteur am Stuttgarter Rundfunk, umfasst Materialien aus den 1950er- Jahren bis zur Gegenwart: Texte und Hörspiele, Sendungen aus dem Programm «Radio-Essay», Mappenwerke in Zusammenarbeit mit Künstlern und Bilder und Objekte und aus der Sammlung Heißenbüttel. Der Autor Helmut Heißenbüttel veröffentlichte nach seinem Debüt Kombinationen (Esslingen, 1954) eine Serie von «Textbüchern», für die er 1969 mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet wurde. Viele von Heißenbüttels Texten basieren auf bildnerischen Prinzipien wie Fragment, Collage, Serie und Montage. Das Sprach- Material dazu fand er in Büchern und Radio- Sendungen, in Schallplatten-Aufnahmen oder im Alltagsgerede in Bussen und Bahnen.

Zentrum der Ausstellung bilden Kunstwerke aus Heißenbüttels Sammlung, zu denen er «Klappentexte» und «Gelegenheitsgedichte» verfasst hat und Grafik-Mappen, die in Zusammenarbeit mit Rupprecht Geiger, Reinhold Koehler und anderen entstanden. In Heißenbüttels großer Schallplattensammlung finden sich Aufnahmen so verschiedener Komponisten wie John Cage, John Coltrane, Johnny Cash und Heinrich Ignaz Franz Biber, deren Plattencover in der Ausstellung eine «Hörfläche» bilden. Beim Süddeutschen Rundfunk Stuttgart (heute SWR) leitete Heißenbüttel von 1959 bis 1981 die Redaktion «Radio-Essay». In einer «Sendestation» laufen Beispiele aus diesem Programm und einige von Heißenbüttels Hörspielen, darunter die Collage «Was sollen wir überhaupt senden?»

Mit der Ausstellung «Alles ist möglich. Alles ist erlaubt.» widmet sich das ZKM dem Werk des Autors, Poeten, Künstlers, Literatur- und Medienwissenschaftlers Reinhard Döhl (1934–2004). Döhls umfangreiches künstlerisches und literarisches Schaffen reicht von Kurzprosa und Lyrik, konkreter und visueller Poesie, über Hörspiele und Computerliteratur bis zu Mail Art, Collagen, japanischer Kalligrafie und Netzkunstprojekten. Als Literatur- und Medienwissenschaftler publizierte er vor allem zu Themen wie Literatur-, Hörspiel- und Mediengeschichte.

Döhl studierte in Göttingen Germanistik, Philosophie, Geschichte und Politikwissenschaft. Auf Einladung des Philosophen Max Bense, Professor an der Universität Stuttgart, kam er Ende 1959, nachdem er nach der Veröffentlichung des Gedichts «missa profana» wegen Gotteslästerung angezeigt, im Gerichtsprozess jedoch freigesprochen worden war, nach Stuttgart. Döhl promovierte über Hans Arp, befasste sich früh mit interdisziplinären Themen und schloss 1979 seine Habilitation mit dem Thema «Neue deutsche Literatur unter besonderer Berücksichtigung der Medien» ab. Von 1965 bis zu seinem Tod lehrte Döhl an der Universität Stuttgart, zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter, später als Professor für Germanistik.

In den 1960er-Jahren gehörte er der Stuttgarter Gruppe um Max Bense an. Der engere Kreis der Gruppe bestand aus Bense, Helmut Heißenbüttel und Döhl sowie aus den Typografen Klaus Burkhardt und Hansjörg Mayer, die ein gemeinsames Interesse an experimenteller Literatur sowie an künstlerischer Produktion mit neuen Medien und Aufschreibesystemen verband. Der Kreis erweiterte sich schnell auch über die Stadtgrenzen hinaus, und so können u. a. Ernst Jandl, Franz Mon und Ludwig Harig zum weiteren Kreis der Gruppe gezählt werden. 1965 schuf Döhl eine Inkunabel konkret visueller Poesie, den «Apfel mit Wurm», bei dem die ohne Zwischenraum aneinandergereihten Wörter «Apfel» das Bild eines Apfels ergeben, in dem rechts unten das Wort «Wurm» versteckt ist. Inzwischen hat der Apfel nicht nur in Anthologien über konkrete Kunst, sondern hat auch in vielen Schulbüchern Eingang gefunden.

Die seit den 1960er-Jahren bestehenden vielfältigen Kontakte zu Literaten und Künstlern z. B. aus Frankreich, der Türkei, der Tschechoslowakei, Brasilien oder Japan, wurden von Reinhard Döhl über viele Jahre gepflegt. Aus dem so aufgebauten weiten Netzwerk erwuchsen zahlreiche literarisch-künstlerische Gemeinschaftsprojekte. Die Avantgarden des 20. Jahrhunderts, das Prinzip des Gesamtkunstwerks sowie künstlerischer Dialog waren immer zentrale Aspekte in Döhls Arbeit als Literatur- und Medienwissenschaftler und Künstler. Darüber hinaus befasste er sich bereits sehr früh mit den literarischen und künstlerischen Möglichkeiten des Internets und entdeckte den Computer als geeignetes Medium, um die zentralen Forderungen einer dialogischen Literatur und Kunst einzulösen.

Seit den 1990er-Jahren betrieb er seine eigene Website, www.reinharddoehl.de, sowie, gemeinsam mit Johannes Auer, den Internetreader «Als Stuttgart Schule machte», ein umfangreiches Archiv mit Texten, Kommentaren und Materialien zur Gruppe um Max Bense, und publizierte ab 1996 fast ausschließlich im Netz. Döhl verfasste neben Gedichten auch Prosa, künstlerische und wissenschaftliche Texte sowie Hörspiele. Seine Texte wurden in viele Sprachen übersetzt, u. a. ins Französische, Spanische, Tschechische, Russische, Englische und Japanische. Als Literatur- und Medienwissenschaftler und Hochschullehrer beschäftigte er sich intensiv mit der experimentellen Literatur und Kunst zu Beginn des 20. Jahrhunderts, insbesondere mit DADA, sowie mit dem Medium des neuen Hörspiels. Aus dieser Auseinandersetzung resultierten neben der Entwicklung einer Hörfunk-Sendereihe auch wissenschaftliche Publikationen zum Thema, die heute noch von großer Bedeutung sind.

Die Ausstellung im ZKM fokussiert Döhls Netzliteratur- und Netzkunstprojekte ab 1996, von denen viele in Kooperation mit dem Medienkünstler Johannes Auer entstanden sind. Sie zeigt darüber hinaus aber auch Arbeiten aus dem Gesamtwerk Döhls, einen Wegbegleiter der Avantgarden der 1960er-Jahre und einen unermüdlichen Geist, dessen Neugierde für Neue Medien und ihre künstlerischen Anwendungsmöglichkeiten ihn immer wieder dazu veranlasste, auf künstlerische und wissenschaftliche Weise ein neues Medium zu erforschen. Seit 2001 befindet sich das Archiv von Reinhard Döhl in der Akademie der Künste in Berlin. Ab dem Jahr 2004 wurden große Teile des Nachlasses von Reinhard Döhl in die Sammlung des ZKM übernommen.


Poetische Expansionen
Helmut Heißenbüttel: schreiben sammeln senden
Konrad Balder Schäuffelen: sprache ist fuer wahr ein koerper
Reinhard Döhl: Alles ist möglich. Alles ist erlaubt
27. Juli bis 22. Oktober 2017

ZKM
Lorenzstraße 19
D-76135 Karlsruhe
T: 0049 (0)721 8100 1220
F: 0049 (0)721 8100 1139
E: info@zkm.de
W: http://www.zkm.de


Öffnungszeiten

Mi bis Fr 10 - 18 Uhr
Sa/So 11 - 18 Uhr
Mo/Di geschlossen

 


  • Konrad Balder Schäuffel: Portrait 2017. Zettelspiesse; © ZKM (Foto:Jan Parik)
  • Plakat zur Ausstellung »Reinhard Döhl. Alles ist möglich. Alles ist erlaubt.« 2017. © Reinhard Döhl
  • Helmut Heißenbüttel: Selbstportrait, um 1962. © Akademie der Künste, Berlin, Archiv; Helmut Heißenbüttel, Sign. 449. Mit freundlicher Genehmigung der Familie Heißenbüttel
ZKM
Lorenzstraße 19
D-76135 Karlsruhe
T: 0049 (0)721 8100 1220
F: 0049 (0)721 8100 1139
E: info@zkm.de
W: http://www.zkm.de


Öffnungszeiten

Mi bis Fr 10 - 18 Uhr
Sa/So 11 - 18 Uhr
Mo/Di geschlossen

 


artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.