Schattenspiele: Die filmische Welt des Jacques Tourneur

24.07.2017 Walter Gasperi

Mit «Cat People» und „I Walked with a Zombie“ schuf der 1904 in Frankreich geborene Jacques Tourneur zwei klassische Horrorfilme und mit «Out of the Past» einen Markstein des Film noir. Das Filmfestival Locarno widmet dem 1977 verstorbenen US-Regisseur seine heurige Retrospektive.


Obwohl das Kino Anfang des 20. Jahrhunderts noch in seinen Anfängen steckte, kam Jacques Tourneur nicht von außen, sondern direkt über seinen Vater zum Film. Zum Zeitpunkt seiner Geburt am 12. November 1904 war Maurice Tourneur (1873 – 1961) zwar noch Grafiker, doch schon Anfang der 1910er Jahren beschloss er sich dem Film zuzuwenden und reiste 1914 im Auftrag seiner Produktionsfirma mit seinem Sohn in die USA. Rasch machte Maurice sich als Filmemacher einen Namen und gründete 1919 seine eigene Firma.

Sein Sohn Jacques, der 1919 die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt, assistierte bald seinem Vater bei dessen Projekten und jobbte schon als 16-Jähriger in den MGM-Studios als Laufbursche. Ende der 1920er Jahre kehrte Jacques mit seinem Vater nach Frankreich zurück und war als enger Mitarbeiter vor allem für die Montage von dessen Filmen zuständig.

1931 führte er bei dem Melodram «Tout ca ne vaut pas l´amour» erstmals selbst Regie, nach drei weiteren Filmen zog es ihn 1934 wieder in die USA. Entscheidend für seine weitere Karriere sollte die Begegnung mit dem Produzenten Val Lewton werden, den er während der Dreharbeiten zu «A Tale of Two Cities» (Jack Conway, 1935) kennenlernte.

Nachdem Tourneur bei diesem Film als Second-Unit-Regisseur die Kampfszenen inszeniert hatte, drehte er bis 1938 für MGM zahlreiche Kurzfilme, ehe er ab 1939 bei Langfilmen Regie führen konnte. Er arbeitete in den unterschiedlichsten Genres, Ruhm erwarb er sich zunächst aber vor allem durch billige Horrorfilme, die er für die von Val Lewton geleitete Horror-Abteilung von RKO drehte.

Tourneur erwies sich dabei als Meister der Andeutung und des Spiels mit Licht und Schatten und verstand es gerade mit kleinen Budgets wirkungsvoll zu inszenieren. Er selbst sah in den zeitlichen und finanziellen Beschränkungen kein Manko, sondern schätzte sie sogar und erklärte: «Am besten arbeite ich, wenn alles schnell geht. Die Filme, die ich in 12 oder 18 Tage gemacht habe, sind besser als die, die ich in 80 Tagen gemacht habe. Es ist schlecht, wenn man zu viel Zeit hat, über das nachzudenken, was man macht. Es muss aus dem Instinkt kommen.»

Meisterhaft gelang es Tourneur in seinen Horrorfilmen «Cat People» (1942), «I Walked with a Zombie» (1943) und «The Leopard Man» (1943) mit den Erwartungen und der Fantasie des Zuschauers zu spielen und verstand es Spannung und Beunruhigung gerade dadurch zu erzeugen, dass er nicht alles zeigte. Fragmentiert und elliptisch ist seine Erzählweise häufig, vieles spielt sich im visuellen Off ab, oft muss ein Erzähler Ereignisse zusammenfassen. Nicht vom Spektakel, sondern vom Atmosphärischen leben seine Filme.

Zu einem Meisterwerk des Chiaroscuro wurde auch durch die Kameraarbeit von Nicholas Musuraca, der auch bei «Cat People» die Kamera geführt hatte, der Film noir «Out of the Past» (1947). Kongenial ist schon der Titel, der bereits den diese Stilrichtung bestimmenden Fatalismus ins Spiel bringt.

Ganz im Gegensatz zu diesem Genre beginnt die Handlung dann zwar in einer idyllischen Kleinstadt am Lake Tahoe, doch wenn die Vergangenheit den Protagonisten Jeff einholt, wird eine Rückblende einsetzen, die in einen Sumpf von Verbrechen und Leidenschaft führt, in dem sich Jeff heillos – ein Fischernetz hat hier auch metaphorische Funktion – verfangen hat.

Düstere Töne bestimmen auch den kurz nach Kriegsende in Deutschland spielenden Thriller «Berlin Express» (1948), während Tourneur mit dem Piratenfilm «Anne of the Indies» (1951), in dem - für das Genre höchst ungewöhnlich - eine Frau eine Piratenbande anführt, sein Gespür für effektvolle Farbdramaturgie bewies.

Starke Farbfotografie zeichnet auch seine Western «Canyon Passage» (1946) und «Wichita» (1955) aus, aber mit «Days of Glory» (1944) findet sich auch ein Kriegsfilm, mit «Appointment in Honduras» (1953) ein Dschungelabenteuer unter seinen 33 Filmen. Ihm selbst war der liebste Film aber das Südstaaten-Melodram «Stars in My Crown (1950), für das er 1950 zu MGM zurückkehrte, obwohl die makellos heilen Welten, die dieses Studio in seinen Filmen immer wieder schuf, keineswegs dem Stil Tourneurs entsprachen.

Zunehmend schwieriger wurden für Tourneur aber die Arbeitsbedingungen in den 1950er Jahren und vom Kino wechselte er zum Fernsehen, wo er Folgen von Serien wie »Bonanza« und »The Twilight Zone« inszenierte. Ein hochgelobter Horrorfilm gelang ihm nochmals 1958 mit »Night of the Demon« (1958), bei dem ohne seine Einwilligung nachträglich ein – aus Tourneurs Sicht »völlig idiotischer« – Dämon eingefügt wurde.

In Italien drehte er in dieser Zeit mit »Il battaglia di Maratona« (1959) auch einen Sandalenfilm, legte mit »The Comedy of Terrors« (1963) noch eine Horrorkomödie vor, die an die Edgar-Allan-Poe-Verfilmungen von Roger Corman anknüpfte, während seine eigene Poe-Adaption »City under the Sea« (1965) nicht zu überzeugen vermag.

Keine Geldgeber fand er mehr für einen Film über einen Krieg zwischen den Lebenden und den Toten, zu dem er selbst die Vorlage schrieb und dem er den Titel »Whispers in a Distant Corridor« geben wollte. So zog er sich nach »City under the Sea« im Alter von nur 61 Jahren in die südwestfranzösische Kleinstadt Bergerac zurück, wo er am 19. Dezember 1977 starb.

Quellen:
Jörg Becker, »Out of the Past« - Jacques Tourneur, der Meister des Film noir, würde heute 100 Jahre alt: Von der Vergangenheit eingeholt, in: NZZ, 12.11. 2004
Wolf-Eckart Bühler, In einem Geisterhaus mit Direktton, in: Filmkritik 243 (März 1977)
Norbert Grob, Notizen über Jacques Tourneur, in: epd Film 2/90
Olaf Möller, Meister der Schatten-Spiele - Zum 90. Geburtstag von Jacques Tourneur, in: Filmdienst 24/1994
Jacques Tourneur, Wikipedia

Trailer zu »Cat People«

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