Miss Sloane - Die Erfindung der Wahrheit

11.07.2017 Walter Gasperi

Eine Lobbyistin wechselt die Seite und kämpft für die Einführung eines strengeren Waffengesetzes. Jessica Chastain brilliert in John Maddens dialoglastigem, aber dichtem Politthriller über die gnadenlosen Ränkespiele um politische Einflussnahme als skrupellose Frau, deren einziges Ziel es ist zu gewinnen.


Mit «Shakespeare in Love» wurde der Brite John Madden in den späten 1990er Jahren bekannt, mit «Best Exotic Marigold Hotel» gelang ihm vor einigen Jahren ein Arthouse-Hit. Dass er aber auch Thriller zu inszenieren versteht, bewies er 2010 mit «The Debt - Eine offene Rechnung», in dem er von der Jagd von Mossad-Agenten auf Naziverbrecher erzählte.

Mit einem Blick der Lobbyistin Elizabeth Sloane (Jessica Chastain) direkt in die Kamera beginnt «Die Erfindung der Wahrheit». Angeschlagen wirkt die rothaarige Frau aufgrund ihrer Blässe, strahlt aber gleichzeitig auch Härte aus. Knapp erklärt sie, dass eine Lobbyistin vor allem den Gegner immer einen Schritt voraus sein muss, dessen Vorgangsweise durchschauen muss, um ihn auf Basis dieser Kenntnis zu überraschen.

Die Szene entpuppt sich rasch als Teil einer Anhörung Sloanes vor dem Senat. Ein Verstoß gegen die Ethikregeln des US-Senats bei ihrer Arbeit zur Durchsetzung eines Gesetzes zur Einfuhr von Palmöl aus Indonesien werden ihr vorgeworfen, in Rückblenden führt der Film aber zu einem ganz anderen Fall.

Denn vor wenigen Monaten hat Sloane es abgelehnt für eine renommierte Washingtoner Lobby-Firma für die Ablehnung eines schärferen Waffengesetzes zu kämpfen. Mit einem Teil ihres Teams kündigte sie und begann für eine kleine und finanziell schwache Firma auf der Gegenseite das Lobbying für die Durchsetzung des Gesetzes.

Ganz auf der von Jessica Chastain großartig gespielten Protagonistin fokussiert Madden. Ein Privatleben scheint sie nicht zu haben, gönnt sich einzig ein paar kurze Treffen mit einem Callboy. Regelmäßig arbeitet sie 16 Stunden, leidet an Schlaflosigkeit und kommt ohne Tabletten nicht mehr aus.

Nicht aus Überzeugung setzt sie sich für das Waffengesetz ein, sondern einzig um den Sieg geht es ihr. Ganz im Sinne Macchiavellis sind ihr dazu alle Mittel recht, moralische Bedenken kennt sie nicht. Sie beschattet nicht nur Gegner, sondern auch eigene Mitarbeiter und missbraucht das Vertrauen einer Assistentin für einen medienwirksamen Auftritt.

Madden psychologisiert nicht, versucht nicht den Charakter Sloanes mit Rückblenden in die Kindheit oder andere Erfahrungen zu erklären, sondern bleibt ganz im Hier und Jetzt. Keine sympathische Figur ist das, aber dank des Spiels von Chastain eine faszinierende und letztlich undurchschaubare, die sich nach außen eiskalt gibt, aber im Innern tief verwundet wirkt.

Das Waffengesetz an sich wird nicht diskutiert, ambivalent ist die Haltung des Films dazu, wenn gegen Ende gerade eine Zivilperson mit ihrer Waffe einen Mord verhindert. Nur Anlassfall ist dem Film dieses Gesetz, um Einblick in die Ränkespiele zu bieten, die hinter den Vorhängen ablaufen, bis ein Gesetz durchgesetzt oder abgelehnt wird. In ebenso rasanten wie bestechenden Dialogen deckt der wortlastige Thriller, der geschickt zwischen Anhörung und vergangenen Ereignissen pendelt, um schließlich die beiden Ebenen zusammenzuführen, die Mechanismen des Lobbying auf.

Was Sloane in der ersten Einstellung beschrieben hat, wird in den folgenden 130 Minuten am konkreten Fall dargestellt. Jedes Mittel ist hier beiden Parteien recht, um die Senatoren auf ihre Seite zu ziehen. Mal scheint das Team von Sloane die Nase vorn zu haben, mal die Gegenpartei.

So kühl wie Chastain spielt ist auch die Inszenierung. Kalte Blau- und Grautöne dominieren (Kamera: Sebastian Blenkov) und mit schnellem Schnitt treibt Cutter Alexander Berner die Handlung voran, lässt keine Leerstellen aufkommen. Offen wirken die Großraumbüros und diese Arbeitswelt mit ihren weiten Glasfronten, doch die entscheidenden Fäden werden im Geheimen gezogen. Selbst ihre engsten Mitarbeiter und ihren Chef lässt Sloane teilweise über ihre Pläne im Ungewissen, denn niemandem scheint man wirklich trauen zu können.

Mit den überraschenden Wendungen im Finale schießt Madden zwar wohl über die Realität hinaus, spannend bleibt sein Film dennoch und macht deutlich, dass man manchmal im Leben auch die Notbremse ziehen muss und ein scheinbar hoher Preis letztlich die einzige Rettung vor dem völligen persönlichen Absturz bringt.

Läuft derzeit in den Schweizer und deutschen Kinos

Trailer zu "Miss Sloane - Die Erfindung der Wahrheit

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