The Beguiled - Die Verführten

12.09.2017 Walter Gasperi

Ein verletzter Nordstaatensoldat wird während des amerikanischen Bürgerkriegs in einem Mädcheninternat aufgenommen. – Sofia Coppola erzählt in ihrem Remake eines Don Siegel/Clint Eastwood-Films aus weiblicher Perspektive in betörend schönen Bildern, wie das Eindringen des Mannes Sehnsüchte und Begehrlichkeiten und damit auch Eifersüchteleien und Rivalitäten weckt.


Wie in einem verwunschenen Märchenwald liegt das prächtige Mädchenpensionat, dessen Fassade weiße ionische Säulen zieren, im ländlichen Virginia. 1864 tobt zwar der Bürgerkrieg, doch in dieser Abgeschiedenheit erinnern daran nur ferner Kanonendonner, Rauchschwaden oder hin und wieder passierende Trupps von Soldaten. Wie aus dem Versailles in Coppolas «Marie Antoinette» scheint die restliche Welt hier durch ein Eisengitter ausgesperrt.

Als eine der fünf im Pensionat verbliebenen Schülerinnen beim Sammeln von Pilzen auf einen verwundeten Soldaten der Nordstaaten trifft, erschrickt sie zunächst verständlicherweise, bringt ihn dann aber ins Haus. Nach kurzer Diskussion über das weitere Vorgehen, beschließt die Direktorin (Nicole Kidman) den verletzten Corporal John McBurney (Colin Farrell) zunächst gesund zu pflegen und erst dann an die Südstaaten auszuliefern.

Die Präsenz des Mannes ist für die Frauen nicht nur eine willkommene Abwechslung im doch recht eintönigen Alltag, den Coppola ausführlich schildert, sondern bringt auch rasch Bewegung in das soziale Gefüge. Sichtlich Gefühle werden bei der Direktorin wach, wenn sie dem bewusstlosen McBurney die Brust wäscht oder seine Hand hält.

Doch auch die Lehrerin (Kirsten Dunst), die ihre Jugend schwinden fühlt, sieht hier die Chance auf ein Liebesglück, während die pubertierende Schülerin Alicia (Elle Fanning) wohl erste sexuelle Erfahrungen machen möchte. Und für die jüngeren Schülerinnen ist der Soldat wiederum durch seine Fremdheit und Neuheit interessant.

Nie wird der Film, der nicht nur in seiner Ästhetik, sondern auch in der Frauengemeinschaft an Coppolas Debüt «The Virgin Suicides» erinnert, das Anwesen verlassen. Unaufgeregt, aber durch die kontrollierte Inszenierung, durch die das kontrollierte Leben im Internat auch durch die Form vermittelt wird, sehr dicht schildert die 45-jährige Amerikanerin, wie der Alltag mit Schulunterricht, Haus- und Gartenarbeit zwar einerseits weitergeht, andererseits sich aber mit der Aufnahme des Soldaten das Verhalten der Frauen auch verändert.

Man begründet das Verhalten zwar mit christlicher Nächstenliebe und spricht von Barmherzigkeit, kleidet sich aber gleichzeitig auch schön, um dem Gast zu gefallen, und versucht auch möglichst oft in das Musikzimmer zu kommen, in dem er untergebracht wird.

Die echten Gefühle mag man sich und den anderen offensichtlich nicht eingestehen, versteckt sie unter hehren christlichen Motiven. Der Gast wiederum ist sich seiner Wirkung auf die Frauen und damit auch seiner Position durchaus bewusst, schmeichelt ihnen und versucht sie als Hahn im Korb zu manipulieren und für seine Zwecke einzuspannen.

In betörend schönen, in sanfte warme Pastellfarben getauchte und teils lichtdurchfluteten, teils nur von Kerzenlicht erhellten Bildern (Kamera: Philippe Le Sourd) beschwört Coppola, die beim Filmfestival von Cannes für die beste Regie ausgezeichnet wurde, die brüchige Idylle. Ganz verzichtet sie bei dem auf 35-mm-Film gedrehten Werk auf Manierismen und poppige Spielereien, die noch «Marie Antoinette» den Stempel aufdrückten.

Erst spät, wenn der Film eine dramatische Wende nimmt, an Tempo zulegt und eine dunklere Tonart anschlägt, greift sie punktuell zu Filmmusik, während davor für die Tonspur einzig Naturgeräusche wie Vogelgezwitscher und Zirpen der Grillen oder das Musizieren der Frauen sorgte.

Entscheidend für den Film ist freilich die Verschiebung der Perspektive, die Coppola gegenüber Don Siegels 1971 gedrehter Erstverfilmung von Thomas P. Cullinans Roman vornimmt. Stand dort Clint Eastwood als verwundeter Soldat im Mittelpunkt, so sind es hier eindeutig die Frauen.

Mögen sie zunächst zwar im verwundeten Feind den Menschen entdecken, so werden sie ihn doch wieder bekämpfen als er beginnt, ihr fragiles soziales Gefüge in Unordnung zu bringen. In historischem Gewand erzählt Coppola so zeitlos von Verdrängung und Unterdrückung von Gefühlen, um ein möglichst konfliktfreies soziales Miteinander zu ermöglichen.

Was diese Ordnung zu stören droht, wird ausgeschlossen. Ruhe wird so auch wieder am Ende im Mädcheninternat einkehren, doch gleichzeitig sperrt die Kamera die sieben Frauen durch den Blick durch das eiserne Tor auch in ihrem Anwesen ein und schließt sie von der restlichen Welt wieder aus.

Leinwandlounge in der Remise Bludenz: Sa, 16.9., 19 Uhr (engl. O.m.U.)

Trailer zu «The Beguiled - Die Verführten»

Remise Bludenz
Am Raiffeisenplatz 1
A-6700 Bludenz
T: 0043 (0) 5552 33407
E: remise@bludenz.at
W: http://www.remise-bludenz.at


Öffnungszeiten

Mi/Fr/Sa/So/Fe 15 – 18 Uhr

Donnerstag 16 - 20 Uhr
weiterführende Links:

The Beguiled - Die Verführten

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