Wie man ein Staatsmann wird

03.07.2017 Kurt Bracharz

Der EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hat den verstorbenen deutschen Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl jetzt einen «Nachkriegsgiganten» genannt und dabei nicht dessen Physis gemeint. Auch in unseren Medien war Kohl gleich nach der Wiedervereinigung zum «Staatsmann» verklärt worden, während er in der Zeit der Bonner Republik nur als «Politiker» wie andere auch eingeschätzt wurde, selbst als er spektakuläre Dinge tat: Er lud Honecker ein, besuchte mit Reagan einen deutschen Soldatenfriedhof (inkl. SS-Gräbern) in der Normandie und hielt mit Mitterand Händchen.


Die Wähler beeindruckt hatte der nicht gerade intellektuell wirkende und kulturell desinteressierte Mann aus Oggersheim hauptsächlich durch seine geschickte Machtpolitik innerhalb der «Schwesterparteien» CDU/CSU, mit der er seinen wichtigsten Gegner Franz-Josef Strauß in der Bundespolitik vollständig ausbremste und nach dessen Wahlniederlage gegen Helmut Schmidt 1980 nach Bayern heimschicken konnte. Außer ganz eingefleischten CSU-Anhängern waren ihm wohl Wähler aller Parteien dafür dankbar, dass er Strauß verhinderte, wobei ihm der Bayer übrigens unfreiwillig Schützenhilfe geleistet hatte, indem er Kohl völlig unterschätzte. Kohl war ein schlechter Redner. Der rhetorisch brillante (was nichts über die Inhalte seiner Reden besagt) Strauß machte sich öfters über ihn lustig und dachte, auch im Machtpoker leichtes Spiel mit ihm zu haben. Das erwies sich als Irrtum.

Zu den wenigen geflügelten Worten Kohls gehört jenes 1984 in der Knesset gefallene von der «Gnade der späten Geburt», womit gemeint war, dass er als 1930 Geborener, also bei Kriegsende erst 15-Jähriger, im Unterschied zu den anderen damaligen deutschen Politikern der Bonner Republik weder eine Nazi- (Kiesinger) noch eine Kriegs- (Schmidt), politischer Gefangener- (Adenauer) oder Exil-Vergangenheit (Brandt) haben konnte. Als junger Mann erlebte er stattdessen das deutsche Wirtschaftswunder des Wirtschaftsministers und dann zweiten deutschen Bundeskanzlers Ludwig Erhard.

Der Zusammenbruch der DDR fiel Kohl in den Schoß, aber dass er sofort zugriff und eine Wiedervereinigung anstrebte, war tatsächlich sein Verdienst. Es gab ja auch nicht ganz bedeutungslose Kräfte, die sich für eine stufenweise Annäherung der beiden ehemaligen deutschen Staaten oder gleich eine weitere Zweistaatlichkeit aussprachen. Aber Kohl schüttelte am 28. November 1989 ohne Absprache mit dem Koalitionspartner und den westlichen Bündnispartnern dem Deutschen Bundestag sein «10-Punkte-Programm zur Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas» aus dem Ärmel und bestand einige Monate später entgegen den Einwänden des Bundesbankpräsidenten auf einem 1:1-Umtauschkurs für Ost- und D-Mark bei Löhnen, Gehältern, Mieten und Renten.

Das erste war (wahrscheinlich) eine gute Idee, das zweite sicher nicht. Das zweite bekannte Kohl-Zitat, das von den in Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung zu erwartenden «blühenden Landschaften», hat noch keine Entsprechung in der Realität gefunden.


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