American Duce

19.06.2017 Kurt Bracharz

Liberale amerikanische Magazine gehen mit Trump weniger zimperlich um als manche deutschsprachigen. So bezog sich die Ankündigung von Christopher Brownings Artikel «Lessons from Hitler’s Ascent» auf der Titelseite des Literaturmagazins «The New York Review of Books» vom 20. April auf Trump, und «Harper’s Magazine» fragte auf der Umschlagklappe seiner Mai-Nummer: «Trump: Fascist or Plutocrat?»


Im Blattinneren trug der Artikel von Robert O. Paxton dann die Überschrift «American Duce» und fragte im Untertitel: «Is Donald Trump a fascist or a plutocrat?» Die Frage mutet liberale Mitteleuropäer merkwürdig an: Der Präsident gewordene Immobilienspekulant Trump ist sozusagen per definitionem ein Plutokrat, und das Wort «Faschist» hat durch seine inflationäre Anwendung seit vierzig Jahren keine konkrete Bedeutung mehr – es sei denn, man meint damit den historischen italienischen Faschismus. Das tut der emeritierte Professor der Sozialwissenschaften der Columbia University Paxton aber schon, hauptsächlich, indem er Trumps Physiognomie mit der Mussolinis vergleicht: «Donald Trump’s bullying tone, his scowl, and his jutting jaw recall Benito Mussolini’s absurd theatrics.»

Der im Artikel breit ausgeführte Vergleich von Nationalsozialismus und Faschismus mit Trumps politischen Absichten – soweit diese erkennbar sind, was zumindest in der Außenpolitik nicht der Fall ist – führt zum vorhersehbaren Ergebnis, dass Trump weder ein Braun- noch ein Schwarzhemd trägt, dies auch deshalb, weil Trump nur ein einziges erkennbares Interesse hat, nämlich Macht und Reichtum für Donald Trump. Wie seine physiognomische Ähnlichkeit mit dem allerdings weitaus stärker grimassierenden Mussolini sind die politischen Parallelen («Deutschland über alles!» – «America first!») seines Wahlkampfes mit jenem Hitlers zufällig. Die Nationalsozialisten wollten jeden vollständig in den Griff kriegen, es gibt eine berühmte Hitler-Rede, in der er aufzählte, durch welche staatlichen Organisationen jeder Deutsche in Zukunft gehen werde, und die Aufzählung mit den Worten schloss «und sie werden ihr ganzes Leben nicht mehr frei», worauf der Jubel der Zuhörer aufbrandete.

Trumps inhaltlich und umfangmäßig sehr schlichtes Programm hat damit gar nichts zu tun, sondern ist eine Deregulierung zugunsten der Reichen, wobei er von sich selbst und seinen Wünschen ausgeht. Ein einfaches Beispiel dafür waren die islamischen Staaten, die er von seiner geplanten und dann von der Justiz verhinderten Einreisesperre ausnehmen wollte: Es waren jene, mit denen er selbst Geschäfte macht. Seine (eigentlich nicht vorhandene) Außenpolitik wirkt nur deshalb so erratisch, weil er vollkommen ignorant ist. Dass er beispielsweise binnen einem Tag bezüglich der Isolierung von Katar durch Saudiarabien zuerst gegen Katar und dann – etwas schwächer – dafür twitterte, war doch höchstwahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass ihm nach dem ersten Tweet jemand etwas verriet, das er vorher nicht gewusst hatte: dass die USA dort einen großen militärischen Stützpunkt haben.

Paxton, übrigens der Verfasser eines Buches mit dem Titel «The Anatomy of Fascism» kommt zum Schluss, dass Trump kein Faschist ist, aber durchaus ein Diktator werden könnte. Ein terroristischer Akt in den Vereinigten Staaten würde ihm die Einführung des Kriegsrechts ermöglichen und mit Hilfe seiner rechtsradikalen Berater Steve Bannon und Stephen Miller die andauernde Aushebelung demokratischer Institutionen.

Nebenbei: Gegen den Vergleich von Trumps Wahlsieg mit Hitlers Aufstieg verwahrte sich sogleich der SVP-Politiker Roger Köppel, indem er – sachlich richtig – darauf hinwies, dass Hitler im Gegensatz zu Trump nicht von einer Mehrheit gewählt wurde, sondern durch ein Ermächtigungsgesetz ans Ruder kam; und in Österreich protestierte der grüne Abgeordnete Harald Walser am 27. April gegen die Verwendung des Wortes «Plutokratie» durch den FPÖ-Abgeordneten Alex Kassegger, weil dieses Wort «belastet» sei, da Goebbels es ständig gegen die Feinde der Nazis verwendet habe.

So weit geht die politische Korrektheit nicht einmal in Amerika, wo sie erfunden worden ist. «Plutokratie» ist ein ganz klar definierter, sinnvoller politischer Begriff, der gerade auf die gegenwärtigen US-Verhältnisse prägnant zutrifft.


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