Une vie

20.06.2017 Walter Gasperi

Stéphane Brizé erzählt in seiner Verfilmung von Guy de Maupassants 1883 erschienenem Roman «Une vie ou L’Humble Vérité» mit großer Konzentration und Ernst die Lebensgeschichte einer Baroness, der eine goldene Zukunft zu leuchten scheint, die aber immer tiefer ins Unglück stürzt: Ein in seiner Konsequenz stilistisch meisterhaftes und von einer großartigen Judith Chemla in der Hauptrolle getragenes Drama.


Bei sehr vielen Regisseuren hat man das Gefühl, dass sie bei der filmischen Umsetzung ihrer Geschichten nicht immer zwingend Farben, Ton, Kamerabewegungen und Einstellungen wählen. Wie entschlossen man auf jedes Detail achten kann und sollte, wie gezielt man filmische Mittel einsetzen kann und muss und welch starken Eindruck ein Film hinterlässt, bei dem dies radikal durchgehalten wird, kann man an Stéphane Brizés «Une vie» sehen.

So sperrt das fast quadratische 4:3 Format die junge Jeanne (Judith Chmela) von Anfang an ein, lässt ihr keinen Raum, vermittelt Enge. Statt Totalen dominieren folglich auch nahe Einstellungen, doch Brizé will den Zuschauer nicht emotional manipulieren, sondern erzählt aus einer Beobachterperspektive.

Er übernimmt nur selten nicht die Blickrichtungen der Protagonistin, verzichtet auf das Schuss-Gegenschussverfahren. Stattdessen filmt er seine Charaktere meist im Profil, wobei Antoine Héberlé die Kamera von einer Person zur anderen schwenkt.

Die Handlung setzt 1819 ein. Viel versprechend scheint das Leben für Jeanne, die aus französischem Landadel stammt. Begütert ist ihre in der Normandie lebende Familie. Wenn in der ersten Szene der Vater (Jean-Pierre Darroussin) die Tochter in den Gartenbau einführt, ihr das Pflanzen und Gießen von Setzlingen näherbringt, weist dies auch schon auf den Menschen und das Leben hin, auf das Fördern und Wachsen. Dass freilich nicht immer alles gut läuft, lässt schon ein umgeknickter Setzling erahnen.

Das Liebesglück scheint sich aber für die junge Frau, die soeben aus einer Klosterschule zurückkehrte, mit einem neuen Nachbarn (Swann Arlaud) einzustellen, auch wenn es sich dabei um einen verarmten Adeligen handelt. Nach ihren Gefühlen befragen die Eltern Jeanne, denn diese seien entscheidend für eine Ehe, nicht das Geld. So wird geheiratet – doch die Hochzeit spart Brizé aus.

Auf spektakuläre Landschaftstotalen, auf luxuriöse Räume und Ballszenen, mit denen historische Filme oft Augenfutter bieten, verzichtet Brizé konsequent. Er verkürzt nicht nur rund 30 Jahre erzählte Zeit so meisterhaft auf 119 Minuten Erzählzeit, dass nie das Gefühl eines anekdotisch abgehakten Erzählens entsteht, sondern er spart auch grundsätzlich alle dramatischen Ereignisse aus.

So wird nicht nur die Hochzeit ausgelassen, sondern auch die Geburt eines Kindes, mehrere Todesfälle oder wie Jeanne ihren Mann mit der Hausangestellten in flagranti ertappt. Brizé beschränkt sich darauf die Folgen zu zeigen, von der für Jeanne mehr schmerzhaften wie freudvollen Hochzeitsnacht, die in einer einzigen langen Großaufnahme von Jeannes Gesicht gefilmt ist über kurze Bilder von drei Erschossenen bis zu einem Grabstein oder den Folgen der Entdeckung des Ehebruchs.

Welchen Aufruhr letzterer bei Jeanne auslöst, wird spürbar, wenn sie in einer irrlichternen Szene, von ihrem Mann verfolgt, schreiend durch die nächtlichen Wiesen rennt. Auf Drängen eines Priesters wird sie zwar zu ihrem Ehemann zurückkehren, doch dieser wird bald eine andere Geliebte finden. So bleibt Jeanne ihr über alles geliebter Sohn, wird aber auch von ihm nur ausgenützt werden.

Sie wird zwar erkennen, dass die Lüge in der Welt verbreitet ist und dass man diese stillschweigend akzeptiert, doch sie selbst wird sich nicht damit arrangieren können und gerade durch diese Reinheit, diese fehlende Fähigkeit zur Anpassung zunehmend unglücklicher werden.

Das Glück wird es für Jeanne nur in Erinnerungen an unbekümmerte Spiele auf sommerlich hellen, lichtdurchfluteten Wiesen geben, die teilweise auch durch das völlige Fehlen einer Tonkulisse von der Gegenwartsebene abgehoben sind. In der Gegenwart und noch mehr in Vorausblenden, in denen sie mehrfach gealtert und verhärmt an einem verregneten Fenster sitzt, trägt sie meist dunkle Kleidung und es regnet oft in Strömen.

Eingeschnitten in die Handlung sind aber auch immer wieder Bilder der tosenden Brandung, in der sich der Aufruhr der Gefühle zu spiegeln scheint, oder von mal kahlen, mal herbstlich bunten Bäumen, die wiederum die unterschiedlichen Gefühlslagen Jeannes zu visualisieren scheinen.

Dies erreicht freilich auch der Einsatz der Handkamera, die immer ganz nah an der in jeder Szene präsenten Jeanne ist. Mit ihrer leichten Unruhe kehrt sie die emotionalen Erschütterungen und die Seele der Protagonistin nach außen. Gleichzeitig bietet Jeanne aber auch in wenigen Passagen durch ein Voice-over Einblick in ihr Denken und Fühlen.

Aber nicht nur jedes Bild ist mit Bedacht gewählt, sondern auch die Tonspur ist meisterhaft gestaltet. Glaubt man zunächst, dass Brizé ganz auf Musik verzichtet und nur mit Naturgeräuschen wie dem Zwitschern von Vögeln, dem Pfeifen des Windes und dem Knistern von Holz im Kaminfeuer arbeitet, so setzt nach etwa 20 Minuten ein Klavierstück ein, das wiederum die Gefühle Jeannes vermittelt. Nicht auf einem modernen Klavier, sondern auf dessen Vorgänger, dem Pianoforte, werden die wenigen Stücke gespielt, die durch den reduzierten Einsatz starke Akzente setzen.

Getragen wird dieses mit wunderbarer Konsequenz inszenierte Frauendrama aber von einer großartigen Judith Chemla in der Hauptrolle. Brizé lässt den Zuschauer in ihrem Gesicht lesen und sie, unterstützt nicht nur von Hairstylistin und Maskenbildnerin, sondern auch von Lichtsetzung und Farbdramaturgie, eindrücklich sich von der hoffnungsvollen jungen zur verhärmten und gebrochenen alten Frau wandeln.

Am Ende wird sie zwar noch einen Moment des Glücks erleben, den die Hausangestellte mit dem Satz kommentiert: «Sehen Sie, Madame: Das Leben ist nie so gut oder schlecht, wie man glaubt!». Die niederschmetternden Erfahrungen der vorangegangenen Jahrzehnte, die auch daraus resultieren, dass sie ihr Glück immer von Männern abhängig machte und keinen eigenen Weg suchte, werden damit aber wohl kaum aufgewogen.

Läuft derzeit im Kinok St. Gallen (franz. O.m.U.)

Trailer zu «Une vie»

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