Certain Women

13.06.2017 Walter Gasperi

Kelly Reichardt verknüpft in ihrem Episodenfilm vor dem Hintergrund des winterlichen Montana Geschichten über vier Frauen. – Unaufgeregt, entspannt, bestechend im geographischen Raum verankert entwickelt sich ein Film, der in seiner Einfachheit und Aufrichtigkeit den Kopf befreit und belebt wie frisches Quellwasser.


Langsam nähert sich ein scheinbar endloser Güterzug durch die weite, von Schnee bedeckten Bergen begrenzte Weidelandschaft Montanas. Zeit lässt Kelly Reichardt der unbewegten Einstellung zum Atmen und dem Zuschauer zum Schauen.

Gleichzeitig macht diese Einstellung des auf 16mm Material gedrehten Films für einmal auch deutlich, was das Kino mit der Digitalisierung verloren hat. Eine ganz andere Atmosphäre als die perfekten digitalen Filme strahlen die körnigen Bilder von «Certain Women» aus, lassen den Zuschauer Landschaft und Menschen ganz anders spüren.

Und schließlich schafft diese erste Einstellung mit Eisenbahn und weiter Prärie auch eine Verbindung zwischen der Gegenwart und der US-Geschichte von der Eroberung des Westens. Mehrfach stellt Reichardt, die schon mit Meek´s Cutoff einen meisterhaften Western, der gleichzeitig Antiwestern war, gedreht hat, diese Verbindung her. So tanzen später Indianer in ihrer traditionellen Kleidung in einer Shopping Mall, im Schaufenster eines Modegeschäfts sieht man Cowboyhüte und Cowboystiefel, die Sandsteine einer Schule aus der Gründerzeit werden für ein Wochenendhaus verwendet und eine junge Native American kümmert sich auf einer Ranch um die Pferde.

Forciert werden diese Bezüge aber so wenig wie die Erzählungen an sich. Großartig ist es einfach zuzusehen, wie sich Reichardt den Zwängen einer klassischen Kinodramaturgie entzieht, wie sie eben keine dramatische Geschichte aufbaut, wie sie nichts betont, sondern einfach nur genau auf Menschen und ihre Umwelt blickt.

So folgt auf die Totale des fahrenden Zugs eine Abfolge von wenig attraktiven Bauten, die die erste Episode in der Kleinstadt Livingston, Montana verankern. In einem drittklassigen Hotelzimmer hat sich die Anwältin Laura (Laura Dern) in der Mittagspause mit einem Liebhaber getroffen, um nun in ihre Kanzlei zurückzukehren.

Dort wartet schon ein älterer Klient auf sie, der sie offensichtlich schon längere Zeit mit seinem Anliegen nervt. Worum es genau geht, erfährt man erst langsam, denn Reichardt erklärt nichts, beschränkt sich darauf Menschen zu zeigen, die weit abseits von den Großstädten und von Glamour versuchen, ihr Leben zu leben und das Glück zu finden.

Nichts ist hier am Ende der Episoden, die auf Kurzgeschichten der aus Montana stammenden Maile Meloy beruhen, gelöst, nur ein Stück des Weges hat der Zuschauer nicht nur vier Frauen, sondern auch Männer, die vom Leben gezeichnet sind, begleitet. Selbst muss man sich ausmalen, wie es weitergehen könnte.

Querverbindungen zwischen den Episoden stellen sich ein, wenn sich in der zweiten Episode der Mann der Geschäftsfrau Gina (Michelle Williams) als Lauras Liebhaber entpuppt, zur direkten Konfrontation kommt es freilich nie. Gina möchte mit Mann und Tochter im Teenageralter in der Abgeschiedenheit ein Wochenendhaus bauen und dabei möglichst natürliche Materialien von den Steinen der früheren Schule, die sie dem alten Albert abkauft, bis zu Eisenbahnschwellen verwenden.

Auch diese Geschichte endet abrupt, um dann der jungen schweigsamen Native American Jamie (Lily Gladstone) zu folgen, die die Sehnsucht nach menschlicher Nähe in einen Abendkurs treibt, in dem sie sich in die Aushilfslehrerin Beth (Kristen Stewart) verliebt. Gewohnheit wird es für die beiden Frauen nach dem Kurs in einen Diner zu gehen, wo freilich die sozialen als auch die emotionalen Unterschiede immer sichtbarer werden. Denn während Beth ein Essen bestellt, will Jamie nur ein Glas Wasser, das nichts kostet, und während für die Lehrerin Jamie nur eine Zufallsbekanntschaft ist, mit der man ein paar Stunden verbringt, sieht Jamie in Beth eine große Liebe.

Solche ungleichen Beziehungen von der Anwältin zu ihrem Klienten über die Geschäftsfrau zum alten Albert bis zu Jamie und Beth stehen im Zentrum der drei Episoden. Leise, aber mit unglaublicher Subtilität lotet Reichardt diese Begegnungen aus und wird dabei von ihren großartigen, aber sehr zurückhaltend agierenden Schauspielern aufs schönste unterstützt.

Nichts Dramatisches passiert, doch gerade in seiner Einfachheit, in seiner Gelassenheit geht dieser Film tiefer als all die aufgeblasenen Spektakel, wirkt nah am Leben, echt und unverfälscht. Reichardt benötigt keine inszenatorischen Tricks und setzt auch Musik nur sehr reduziert, aber dafür punktgenau ein. Ihr Film lebt ganz vom ebenso empathischen wie genauen Blick und der Verknüpfung der Handlung mit und Verankerung im Raum.

Beiläufig, aber bestechend wird hier durch die kalte und karge Winterlandschaft und das kalte Licht die emotionale Kälte und die Einsamkeit der Figuren nach außen gekehrt. Gleichzeitig machen zahlreiche Einstellungen, in denen Reichardt ihre Protagonisten durch Fensterscheiben, in denen sich vielfach die Landschaft spiegelt, deren Isolation spürbar. Wie in einem Glashaus eingesperrt wirken sie dadurch. – Nicht nur bildschön ist «Certain Women» eben, sondern die Bildsprache dient hier immer auch der Charakterisierung der Figuren, Inhalt und Form sind untrennbar verbunden.

Befreit von allem Ballast ist dieser Frauenfilm, entwickelt gerade dadurch seine Kraft und Schönheit. – Nur sehen muss man dieses Meisterwerk, das den Kopf befreit, gelöst durchatmen lässt und belebend wirkt wie frisches Quellwasser.

TaSKino Feldkirch im Kino Rio: Di 20.6., 20.30 Uhr; Mi 21.6., 18 Uhr; Do 22.6., 20.30 Uhr; Fr 23.6., 22 Uhr (engl. O.m.U.)

Trailer zu «Certain Women»

TaSKino Feldkirch
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