Der junge Narziss

05.06.2017 Kurt Bracharz

Mitte April, also kurz vor der Wahl in Frankreich, sagte der französische Autor Alain Finkielkraut in einem Interview mit dem Schweizer Magazin «Weltwoche» auf die Frage, wer gewinnen werde: «Emmanuel Macron. Wegen seiner Affären wurde Fillons Programm nicht zur Kenntnis genommen. Marine le Pen kann die Stichwahl erreichen, aber gegen den »republikanischen Reflex« wird sie kaum eine Chance haben. Allerdings haben wir in diesem Wahlkampf schon so viele Überraschungen erlebt, dass nichts ausgeschlossen werden kann. Aber vermutlich wird Macron, der junge, unerfahrene Narziss, ins Elysée einziehen und es dann mit Erdogan, Trump, Putin zu tun haben. Das ist keine sehr erfreuliche Perspektive – es gibt Grund, sich davor zu fürchten.»


Finkielkrauts Prognose war richtig, aber sie war nicht allzu schwer abzugeben, denn es war einerseits anzunehmen, dass eine Mehrheit auf jeden Fall gegen Le Pen stimmen würde, und alle anderen Kandidaten waren in jeder Hinsicht, also nicht nur physisch, weniger attraktiv als Macron.

Jetzt ist Macron im Elysée-Palast, und wir dürfen uns fürchten. In Österreich ist es aber naheliegender, Bedenken vor dem wahrscheinlichen Wahlsieg eines anderen jungen, unerfahrenen Narziss zu haben, nämlich dem türkisfarbigen Außenminister. Gut, er wäre dann nicht mehr Außenminister, und es würde vielleicht jemand mit mehr Kompetenz auf diesen Posten gelangen, auch wenn man nicht so recht weiß, wer das sein könnte. Man muss halt auf jemanden hoffen, der nicht in einer Sache vorpreschen würde, ohne sich um die Rückendeckung zu kümmern.

Kurzens forciertes Eintreten für ein Einfrieren der Beitrittsgespräche mit der Türkei hat ihm zwar große Popularität im rechten Wählerreservoir eingebracht, aber da er sich offensichtlich nicht darum kümmerte, wie die anderen EU-Staaten zu dieser Frage stehen, und dann lediglich die Niederlande und Bulgarien (!) als Kombattanten hatte, zog er vollkommen unnötig den Zorn Erdogans auf Österreich, was durchaus wirtschaftliche Auswirkungen hatte, auch wenn diese als unpopuläres Thema in unseren Massenmedien nicht breitgetreten werden.

Die postkemalistische Türkei ist tatsächlich nicht EU-kompatibel und es ist auch eine Narretei, ihr weiterhin Millionen für eine Angleichung zu zahlen, die nicht stattfinden wird. Aber wenn es klar war, dass vor allem Deutschland, aber auch nahezu alle anderen EU-Staaten nicht mitziehen würden, war es nicht bloß undiplomatisch, sondern schon eher krasse Selbstüberschätzung, sich auf diese Weise zu exponieren, nur damit ein paar – oder auch ganz viele – Stammtischbrüder sich daraufhin mit einem Hoch auf den mutigen Außenminister zuprosten, der ’s der Türkei mal so richtig gegeben hat.

Jetzt, wo Sebastian Kurz von der ÖVP die Ermächtigung zum Schalten & Walten erhalten hat, bäckt er deutlich kleinere Brötchen. Die Ankündigung einer Senkung der Steuer- und Abgabenquote und eines «Überdenkens der Zuwanderungspolitik» ist nicht mehr das übliche schwammige Politikergerede vor Wahlen. Wie versprochen, so gebrochen, das gilt stets und für alle Parteien.


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