Die Russen kommen

20.07.2017 Walter Gasperi

Heiner Carows Darstellung der Erlebnisse eines 16-Jährigen während des Kriegsendes in einem deutschen Ostseestädtchen wurde 1968 vor der Premiere von den ostdeutschen Behörden verboten. Lange galt der Film als vernichtet, bis er 1987 aus verschiedenen Materialien rekonstruiert wurde. In der Edition Filmmuseum ist Carows inhaltlich und stilistisch eindrucksvolles Drama zusammen mit dem drei Jahre später entstandenen «Karriere», für den Teile von «Die Russen kommen» verwendet wurden, in digital restaurierter Fassung auf DVD erschienen.


Heiner Carows «Die Russen kommen» bietet eine Gegenperspektive zu Konrad Wolfs etwa gleichzeitig entstandenem «Ich war Neunzehn». Während Wolf, von persönlichen Erfahrungen inspiriert, von einem jungen Deutschen erzählt, der einst mit der Familie nach Moskau emigrierte und nun zu Kriegsende als Soldat der Sowjetarmee in seine einstige Heimat zurückkehrt, erzählt der 1929 geborene Carow, ebenfalls von persönlichen Erfahrungen geleitet, aus der deutschen Innenperspektive vom Kriegsende.

Während «Ich war Neunzehn» in der DDR gefeiert wurde, präsentierte er doch einen antifaschistischen Helden, wurde «Die Russen kommen», den Carow Konrad Wolf gewidmet hat, verboten. Nichts Heldenhaftes gibt es hier nämlich, vielmehr zeigt der DEFA-Regisseur, wie Jugendliche durch das Nazi-Regime verführt wurden und wie nun ihre Welt, an die sie ihr junges Leben lang glaubten, zusammenbricht.

Im Zentrum steht der 16-jährige Günther Walcher. Als überzeugter Hitlerjunge jagt er einen etwa gleich alten entflohenen russischen Zwangsarbeiter, treibt ihn aufs Dach einer Fabrikruine. Während Günther ihm aber nun bei der Überquerung eines schmalen Balkens die Hand reichen will, wird der russische Junge von einem Polizisten erschossen und stürzt unter dem Beifall der Menge in die Tiefe.

Günther wird als Held gefeiert und mit dem Eisernen Kreuz, 2. Klasse ausgezeichnet, doch der Tod des russischen Jungen lässt ihn nicht mehr los. Immer wieder brechen abrupt Erinnerungen daran über ihn herein, aber auch an seinen Vater, der «in heldenhaftem Kampf fürs Vaterland gefallen ist».

Aus dem Off hört man immer wieder Ausschnitte von Wehrmachtsberichten, die von diesem «heldenhaften Kampf» und deutschen Siegen berichten. Im Kino, das Günther mit der gleichaltrigen Christine besucht, propagiert der NS-Film «Kolberg» den Durchhaltewillen von Soldaten und Bevölkerung. Während Günther fasziniert auf die Leinwand blickt, schmust ein Soldat in der Loge mit seiner Freundin. Der Krieg scheint diesen nicht mehr zu interessieren, den Glauben an den Endsieg hat er offensichtlich längst verloren.

Als letztes Aufgebot werden Günther und andere Jugendliche auf Hitler vereidigt. Obwohl Christines Eltern ihn verstecken wollen, zieht er an die Front, kehrt aber bald wieder zurück. Angst vor den Russen macht sich breit. Während der regimekritische Lehrer Selbstmord begeht, weil er keine Zukunft mehr sieht, arrangieren sich frühere Mitläufer schon wieder mit den neuen Machthabern. Günther aber wird von den Russen, die wissen wollen, wofür er das Eiserne Kreuz erhalten haben, verhaftet…

Nicht nur das Fehlen eines positiven sozialistischen Helden hat die Zensur an «Die Russen kommen» gestört, sondern auch die moderne Erzählweise. Nichts mit sozialistischem Realismus zu tun hat Carows in hartem Schwarzweiß gedrehter Film, wählt vielmehr eine subjektive Perspektive und lässt in expressiver Bildsprache Visionen und Erinnerungen, die an Andrej Tarkowskijs «Iwans Kindheit» erinnern, einfließen.

Carow hat nach Verbot von «Die Russen kommen» etwa 30 Minuten davon in seinen nächsten Film «Karriere» (1971) eingebaut, in dem sich Günther als 40-jähriger Angestellter in Westdeutschland an diese Ereignisse am Kriegsende erinnert.

Die in der Edition Filmmuseum erschienene Doppel-DVD bietet beide Filme mit englischen und französischen Untertiteln. Die Extras umfassen neben einem rund 45-minütigen Interview mit dem Kameramann Jürgen Brauer und einem knapp 20-minütigen Vergleich der Bildqualität zwischen der rekonstruierten Fassung von 1987 und der restaurierten Fassung von 2016 vor allem ein 20-seitiges Booklet.

Neben einem Essay von Heiner Carow finden sich darin auch Dokumente zum Verbot des Films sowie ein Beitrag zur Restaurierung und ein Nachruf von Egon Günther auf den 1997 verstorbenen Regisseur, der wiederum von Claus Küchenmeister, der für das Drehbuch von «Die Russen kommen» kommentiert und korrigiert wird.

Trailer zu «Die Russen kommen»

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