Churchill

06.06.2017 Walter Gasperi

Jonathan Teplitzky zeichnet nicht das ganze Leben Winston Churchills nach, sondern konzentriert sich auf fünf Tage vor der Landung der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944. Brian Cox spielt den britischen Premierminister in dem solide, aber auch sehr konventionell inszenierten Psychogramm lange nicht als Helden, sondern als von Schuldgefühlen, Ängsten und Depressionen geplagten cholerischen Mann.


Brian Cox spielt Winston Churchill rein äußerlich, wie man ihn kennt: mit Stock, Hut, einem Whisky nicht abgeneigt. Doch innerlich brodelt es in diesem Mann und schon in der ersten Szene brechen seine Ängste, sein Trauma durch, wenn sich bei einem Spaziergang am Strand das Meer in einer Vision rot färbt und damit Erinnerungen an die Katastrophe von Gallipolli aufkommen.

Im Ersten Weltkrieg war Churchill 1915 verantwortlich für die Organisation der britischen Invasion an der türkischen Küste, doch die militärische Operation endete in einem Fiasko, das 100.000 britischen Soldaten das Leben kostete.

Ein weiteres Mal arbeitet sich Jonathan Teplitzky hiermit an einem Thema ab, das schon im Zentrum seines letzten Films «The Railwayman» stand. An die Stelle eines Briten, der nie über die traumatischen Erfahrungen in der japanischen Kriegsgefangenschaft hinwegkam, tritt hier der britische Premierminister, dessen gegenwärtiges Handeln immer noch vom Scheitern in der Vergangenheit bestimmt wird.

Verhindern will Churchill deshalb in der Darstellung Teplitzkys und der britischen Historikerin Alex von Tunzelmanns, die für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, die Invasion, denn er hält das Risiko für zu hoch und befürchtet enorme Verluste. In Wahrheit stand Churchill der Operation Overlord zwar wohl skeptisch gegenüber, die heftigen Konfrontationen mit dem Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte Dwight D. Eisenhower, die der Film bietet, dürften aber filmische Fiktion sein.

Erkennen muss der britische Premierminister hier, dass er keine Entscheidungsmacht hat, dass die Militärs das Sagen haben und dass sich auch der König nicht hinter ihn stellt. Zunehmend in cholerische Anfälle, aber auch in Depressionen fallen und zum Whisky-Glas greifen lassen Teplitzky/von Tunzelmann Churchill aufgrund dieser Ohnmacht und seiner Ängste vor einer Wiederholung der Katastrophe von Gallipolli.

Zu spüren bekommt das nicht nur seine Sekretärin, sondern vor allem seine von Miranda Richardson ebenso entschlossen wie trocken gespielte Frau Clementine, die ihm aber Paroli bietet, ihn maßregelt und auffordert sich zusammen zu reißen. Auch eine Ehegeschichte erzählt «Churchill» hier, wie überhaupt der Blick sich ganz auf das Private richtet und aufgrund von begrenztem Budget statt Massenszenen ein Kammerspiel geboten wird.

Im Zentrum stehen verbale Konfrontationen und immer wieder Zweierszenen, oft zwischen Churchill und seiner Frau, aber auch mit Churchill und Eisenhower sowie mit Churchill und dem britischen Generalfeldmarschall Bernard Montgomery, der die Bodentruppen befehligte, bis hin zu Churchill und seiner Sekretärin.

Dialoglastig und teilweise theaterhaft wird dieses historische Porträt damit. Inszenatorisch setzt Teplitzky einerseits wenig Akzente, betont andererseits vieles zu sehr. Überflüssig, weil angesichts des bekannten Ausgangs nicht spannungssteigernd, ist beispielweise der Countdown Richtung D-Day mit Tagesinserts.

Allzu offensiv wird auch der britische Premierminister als einsamer Mann inszeniert, wenn man ihn immer wieder in Totalen alleine am Strand, auf einer Wiese oder vor dem riesigen Fenster eines Sitzungssaals sieht. Pathetisch wird es, wenn Churchill vor dem Bett kniend und händeringend Gott bittet, durch schlechtes Wetter die Invasion zu verhindern, kitschig, wenn ihn seine Sekretärin mit der Erzählung über ihren als Soldat dienenden Geliebten zum Umdenken und entschlossenen Handeln bringt.

Denn demontieren Teplitzky/von Tunzelmann zunächst auch lange die von Brian Cox etwas übertrieben gespielte Titelfigur, so sind es letztlich doch gerade diese Schwächen, die ihn am Ende noch strahlender erscheinen lassen. Geschickt ist zweifellos dieser Aufbau des Films, denn erst durch die Überwindung der eigenen Dämonen und seiner Zerrissenheit kann Churchill Größe gewinnen.

Am Ende steht dann auch eine große staatstragende Rede, mit der er dem Volk Zuversicht gibt – und auch seine eigene Erlösung, wenn er als Gegenpol zur Auftaktszene nun gelöst am Strand mit Stock und Hut spielt.

Läuft derzeit im Takino Schaan und im Kino Rex in St. Gallen (jeweils engl. O.m.U.)

Trailer zu «Churchill»

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