Wenn sich zwei Gene treffen

27.05.2017 Bernhard Sandbichler

… ist das dritte nicht weit. Und das vierte und fünfte. Und … wie viel Gene gibt es eigentlich? Leider eine blödsinnige Frage, meint der Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer. Kein Wunder, dass die kursierenden Antworten auf solche und ähnliche Fragen der Genetik nicht weniger blödsinnig sind.


  • Achse 1: Diagnose
    «Panta rhei» - frei nach Heraklit: «Alles ist im Fluss» bzw. «Der Fluss ist alles». Eine horrende Vorstellung, diese Dynamik - und sie gilt auch für Gene, die sich bis zum heutigen Tag nicht eindeutig definieren lassen.
     
  • Achse 2: Prognose
    Die neue Genetik - «Postgenomik» - entzaubert die Welt nicht, sondern verzaubert sie: Das Geheimnis des Lebens wird mit jedem Blick auf die Doppelhelix immer nur tiefer.
     
  • Achse 3: Entwicklung
    Menschen haben sich - mit Blick auf die Gentechnik - von Tieren zu Göttern entwickelt. Fischer zitiert Yuval Harari (Eine kurze Geschichte der Menschheit), den jungen Historiker aus dem alten Jerusalem: «Gibt es etwas Gefährlicheres als unzufriedene und verantwortungslose Götter, die nicht wissen, was sie wollen!»
     
  • Achse 4: Intelligenz
    Wer verstehen will, wie Gene und Genome heutigentags «genen» - eine Wortprägung von Fischer - , tut gut daran, deren historische Herkunft und wissenschaftliche Quellen zu sichten. Was der Autor in diesem erhellenden Buch auch akribisch unternimmt.
     
  • Achse 5+6: Körper und Psyche
    Von Hippokrates erhielt der König der Krankheiten seinen einprägsamen Namen, weil ihm der Verlauf der Blutgefäße an den wuchernden Geschwulsten die abgespreizten Beine des Krustentiers in Erinnerung rief: Krebs. Von Krebszellen könnte man lernen: Sie beherrschen das evolutionäre Spiel mit den genetischen Möglichkeiten. Wir beherrschen sie und es noch nicht.
     
  • Achse 7: Alltag
    «Genetisch», das bedeutet für uns «erblich bedingt». Für Krebs und Aggression, Sprache und Intelligenz, Musikalität und Leseschwäche, Schizophrenie und Homosexualität und für jede Menge anderer Stärken und Schwächen werden Gene als kausale Essenzen des Organismus verantwortlich gemacht. Sie als dynamischen Prozess aufzufassen, erfordert Mut. Lieber lassen wir uns an die genetische Leine legen, wenn uns die Wissenschaft ein deterministisches Bild liefert und Freiheiten weder für uns zulässt noch uns zumutet.
     

Ernst Peter Fischer: Treffen sich zwei Gene. Vom Wandel unseres Erbguts und der Natur des Lebens. München: Siedler Verlag 2017, 335 Seiten, 25,70 EUR

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