Die Taschendiebin - The Handmaiden

30.05.2017 Walter Gasperi

Raffiniert und elegant inszeniert, ebenso sinnlich wie spannend und betörend schön. – Mit seinem im von Japan besetzten Korea der 1930er Jahre spielenden erotischen Thriller um eine lesbische Liebe erweist sich Park Chan-wook erneut als einer der großen Stilisten des Gegenwartskinos.


In England wähnt man sich, wenn ein Oldtimer einer Steilküste entlang fährt. Doch mit einer Täuschung beginnt damit ein Film, in dessen Zentrum Täuschungen stehen werden, in dem jeder jeden manipuliert, keiner dem anderen trauen kann, und nichts so ist, wie es scheint.

Denn die Landschaft befindet sich nicht in England, sondern in Südkorea. Zwar hat Park Chan-wook, dem spätestens 2004 in Cannes mit dem Rachethriller «Old Boy» der Durchbruch gelang, Sarah Waters im viktorianischen England spielenden Roman «Fingersmith» («Solange du lügst») adaptiert, ihn aber ins von Japan besetzte Korea der 1930er Jahre verlegt.

Das Ambiente der Vorlage hat er aber andererseits wieder auf sein Heimatland übertragen, wenn der Großteil seines Films in einem prächtigen Landhaus spielt, dessen eine Hälfte im englischen Stil gebaut ist, die andere im ostasiatischen. Darin kann man freilich auch ein Spiel Chan-wooks mit seiner eigenen Position sehen, pendelt er doch zwischen den Kulturen und kehrt mit «The Handmaiden» nach seinem ersten englischsprachigen Film «Stoker» in seine Heimat zurück.

Die junge Sook-Hee ist im Oldtimer unterwegs zu einem Landhaus, in dem sie als Dienstmädchen der ebenso reichen wie schönen Hideko arbeiten soll. Doch kurz nach Ankunft macht schon eine Rückblende Sook-Hees deutlich, dass dies nur eine Tarnung ist. In Wirklichkeit soll sie, die in Wirklichkeit eine raffinierte Taschendiebin ist, Hideko einem Heiratsschwindler, der sich als Graf Fujiwara ausgibt, in die Hände treiben. Sook-Hee soll dafür nach Erledigung des Jobs den gesamten Schmuck Hidekos erhalten.

Ganz aus der Perspektive Sook-Hees wird der erste Teil des Films erzählt. Das Dienstmädchen erscheint als gerissene junge Frau, während Hideko naiv wirkt. Doch zu trauen ist hier den ungemein eleganten und prachtvoll ausgestatteten Bildern nicht. Offen lässt Chan-wook, welche Gefühle echt sind und welche vorgetäuscht sind.

Denn anders als geplant scheint sich eine erotische Beziehung zwischen Sook-Hee und Hideko zu entwickeln, als die Dienerin mit ihrem Finger lange in Hidekos Mund über einen schmerzenden Zahn streicht. Sie erscheint als die Erfahrene und Reife, die die naive und unbedarfte Herrin in die Kunst der Liebe einführt.

Spielt Chan-wook schon im ersten Teil mit Rollen und Vortäuschungen, mit Schein und Wirklichkeit und düpiert den Zuschauer mit überraschenden Wendungen, so bringt der zweite Teil, in dem der Koreaner die Geschichte vielleicht etwas zu ausführlich nochmals, aber nun aus der Sicht Hidekos erzählt, ganz andere Einblicke und Erkenntnisse, ehe im dritten Teil zumindest teilweise die Perspektive des falschen Grafen übernommen wird.

«Die Taschendiebin» ist zunächst einmal mit seinen betörend schönen und großartig ausgestatteten Bildern, die gleichwohl nie zum Selbstzweck werden, ein optischer Genuss. Doch von dieser visuellen Schönheit abgesehen, ist dies auch ein meisterhaft erzählter und hochspannender Film.

Souverän hält Chan-wook die Fäden in der Hand, bringt mit geschickt eingebauten Rückblenden und Perspektivenwechseln neue Wendungen, souverän rafft er mit einer Montagesequenz eine Flucht von Korea nach Japan. – Hier demonstriert einer brillant, aber nie selbstgefällig die ausgefeilten Möglichkeiten modernen filmischen Erzählens.

Scheint der erotische Thriller dabei zunächst an «Das Haus der Lady Alquist – Gaslight» anzuknüpfen, so entwickelt er sich zunehmend zu einer Auseinandersetzung mit Machtverhältnissen und der Befreiung der Frau aus ihrer gesellschaftlichen Unterdrückung.

Wie Korea unter der japanischen Besatzung leidet, erscheinen die Frauen als Objekte der Männer. Das fest zugeschnürte Korsett, das ihnen geradezu die Luft abschnürt, ist bildlicher Ausdruck der fehlenden Handlungsfreiheit. Doch mit dem Lösen der Bänder und dem Ablegen der Kleider entdecken die beiden Frauen nicht nur die Erotik, sondern lernen auch sich von der Herrschaft der Männer zu befreien.

Zum durchaus auch klischeehaften Spiel mit männlicher Gewalt und Weiblichkeit mag «Die Taschendiebin» werden, wenn im dritten Teil in Parallelmontage eine Männer- und eine Frauengeschichte erzählt wird, gleichzeitig knüpft dieser große Stilist des Gegenwartskinos hier wieder an seinen Erfolg «Old Boy» an.

Denn nach den in warme Farben und edle Ausstattung getauchten Bildern der ersten beiden Stunden, taucht dieser Thriller nun auch in einen in giftiges Grün getauchten mit Folterwerkzeugen ausgestatteten Keller ab, in dem – auch das eine Reminiszenz an «Old Boy» - ein mächtiger Tintenfisch in einem viel zu kleinen Aquarium nicht fehlt. – Die Zukunft dagegen scheint den Frauen zu gehören, deren Sexszenen Chan-wook sehr delikat und sinnlich, aber doch auch etwas zu ausführlich inszeniert. Er delektiert sich an ihnen und bedient männliche Fantasien, während doch andererseits im Film zuvor mit - zumindest - literarischer Pornographie abgerechnet wurde.

TaSKino Feldkirch im Kino Rio: 30.5., 20.30 Uhr; 31.5., 18 Uhr; 1.6., 20.30 Uhr; 2.6., 22 Uhr
Kinok St. Gallen: 29.5., 20 Uhr; 4.6., 20.50 Uhr; 14.6., 20 Uhr; 30.6., 21.15 Uhr
FKC Dornbirn im Cinema Dornbirn: Mi 19.7., 18 Uhr; Do 20.7., 19.30 Uhr

jeweils koreanisch-japanische O.m.U.

Trailer zu «Die Taschendiebin - The Handmaiden»

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Die Taschendiebin - The Handmaiden © FilmladenFilmverleih

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