Die Narbenhand - This Gun for Hire

13.07.2017 Walter Gasperi

Ein Killer jagt nach seinem letzten Mord seine Auftraggeber, die ihn reingelegt haben, wird aber auch selbst von der Polizei gejagt. Frank Tuttles 1942 gedrehter Klassiker mit dem Traumpaar Alan Ladd und Veronika Lake in den Hauptrollen ist bei Koch Media in der Film noir Collection auf DVD erschienen.


Frank Tuttle hat Graham Greenes 1936 erschienenen Roman «A Gun for Sale – Das Attentat» nicht nur von England nach Los Angeles verlegt, sondern auch den politischen Hintergrund auf die USA der frühen 1940er Jahre angepasst.

Im Mittelpunkt steht der Auftragskiller Raven (Alan Ladd). Mit seinem Aufwachen setzt der Film ein. Als ambivalente Figur wird er sogleich gezeichnet, wenn er sich einerseits fürsorglich um seine Katze kümmert, andererseits aber auch eine Pistole zieht, die er auf ihre Funktionstüchtigkeit prüft. Als brutal zeichnet ihn auch wenig später eine Szene, in der er seine Putzfrau ohrfeigt, gleichzeitig wird er ein Mädchen, das ihn verraten könnte, aber verschonen.

Ökonomisch und ohne viele Worte erzählt Tuttle von der Vorbereitung und Durchführung eines Auftragsmordes, bei dem Raven auch die überraschend anwesende Geliebte des Opfers tötet. Emotionen scheint dieser Killer nicht zu kennen, gleichzeitig wirkt sein Gesicht aber engelhaft sanft.

Stilbildend wurde dieses Bild eines Auftragsmörders, unübersehbar hat sich Jean-Pierre Melville bei seinem Meisterwerk «Le samourai – Der eiskalte Engel» (1967) von «This Gun for Hire» inspirieren lassen. An die Stelle der Katze wird bei Melville ein Kanarienvogel treten und wie Ladd wird auch Alain Delon einen breitkrempigen Borsalino und Trenchcoat tragen.

Das Netz um beide wird immer enger werden und klar wird bald, dass es für diese einsamen und wortkargen Männer keinen Ausweg geben kann. Raven freilich will sich noch an seinen Auftraggebern rächen, als er erkennt, dass er bei seinem letzten Job hereingelegt wurde. Ihm wurden nämlich als Honorar nicht nur markierte Geldnoten angedreht, sondern die Auftraggeber meldeten dies auch noch bei der Polizei.

Bei seiner Jagd trifft Raven auf die blonde Nachtclubsängerin Ellen (Veronika Lake), die im Geheimen aber wiederum für die Regierung ebenfalls hinter den Auftraggebern des Killers her ist. Denn diese verkaufen chemische Formeln für Giftgas an die Japaner, die noch während der Dreharbeiten von «This Gun for Hire» mit dem Angriff auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 zum Kriegsgegner der USA wurden.

Ungewöhnlich für einen Film noir ist dieser konkrete politische Hintergrund, wird aber nicht übermäßig forciert. Gleichwohl dient diese Komponente dazu auch von einer Wandlung des Killers zu erzählen, dem es zunehmend nicht nur um persönliche Rache gehen wird, sondern der schließlich auch im nationalen Interesse handeln wird.

Zunehmend aussichtsloser wird Ravens Situation freilich. Gejagt von der Polizei wird er Ellen entführen und als Geisel nehmen. Ein starkes Duo sind der Killer und die Blondine, die zunehmend Gefühle für ihn entwickelt, ihn zu bedauern beginnt. Psychologisch allzu simpel wird Ravens «Killerkarriere» freilich mit einer schweren Kindheit erklärt, mit einem Vater, der als Verbrecher gehängt wurde, einer früh verstorbenen Mutter, einer Kindheit bei einer brutalen Tante, die er schließlich erstach, und der Verlegung in eine Erziehungsanstalt, in der er wiederum ständig geschlagen wurde.

An fatalistische Klassiker des französischen Poetischen Realismus wie Marcel Carnés «Le quai des brumes» oder «Le jour se lève» erinnern dabei die nebelverhangenen nächtlichen Szenen zwischen Ladd und Lake in einem Gaswerk und anschließend bei einem Güterbahnhof, der längst von der Polizei umstellt ist. In bester Film noir-Manier erzeugen Tuttle und Kameramann John F. Seitz durch das Spiel mit Licht und Schatten hier eine dichte Atmosphäre.

Im Gegensatz zu späteren Meisterwerken dieser Stilrichtung ist bei diesem knapp und rasant erzählten und vorzüglich besetzten Klassiker die Blondine freilich noch keine Femme fatale, die den Mann ins Verderben reißt. Lake legt als Nachtclubsängerin zwar mit «Hokuspokus» zwar eine verführerische Songnummer hin, kämpft aber als selbstständige und entschlossene Frau für das Gute und träumt auch von einer Ehe mit einem Polizisten, den sie liebt, und einer Familie mit ihm. Mag diese Figur in ihrer Widersprüchlichkeit auch unglaubwürdig wirken, so sind hier doch, abgesehen vom wunderbar ambivalent gezeichneten Killer, die Grenzen zwischen Gut und Böse noch klar gezogen.

An Sprachversionen bietet die bei Koch Media als 24. Titel in der Film noir Collection erschienene DVD die englische Original- und die deutsche Synchronfassung sowie englische Untertitel. Die Extras beschränken sich abgesehen von einem gewohnt informativen 12-seitigen Booklet von Frank Arnold auf den englischen Trailer und eine Bildergalerie.

Trailer zu «Die Narbenhand - This Gun for Hire»

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