Kennen Sie Michael Kadar?

22.05.2017 Kurt Bracharz

Zu den Anekdoten aus der Zeit von Trumps Präsidentschaft, die man sich später erzählen wird, gehört wohl auch die jener Pressekonferenz, bei welcher er einen Reporter, der aufgestanden war, um höflich seine Frage zu stellen, mit «Sit down!» anschnauzte, was eher mit dem Befehl «Sitz!» als mit einem normalen «Setzen Sie sich bitte wieder!» zu übersetzen wäre.


Der Journalist war ein chassidischer Redakteur, der wissen wollte, was Trump zu den hunderten anonymen Bombendrohungen gegen jüdische Einrichtungen in den USA seit dem 9. Januar 2017 zu sagen habe, die man zunächst mit der Alt-Right, der sogenannten «Alternativen Rechten», in Verbindung brachte. Donald Trump, der ja auch gegen die Wahlunterstützung durch den Ku-Klux-Klan nicht protestiert hatte, gab wie üblich keine sinnvolle Antwort, und das war’s dann damals.

Inzwischen ist der Fall aufgeklärt: Ein 18-jähriger Computer-Hacker mit israelischer und amerikanischer Doppelstaatsbürgerschaft namens Michael Ron David Kadar hatte zwecks Erpressung die Attentatsdrohungen in die USA und nach Kanada geschickt. Nach sieben Bombendrohungen an Purim in jüdischen Gemeindezentren hatten das FBI und die israelische Spezialeinheit «Lahav 433» den Täter im südisraelischen Aschkelon ausgemacht, worauf er Mitte März von der israelischen Polizei verhaftet wurde. Er hatte seine Drohungen seit zwei Jahren auch in Israel und acht weiteren Ländern, darunter Australien und Neuseeland, verbreitet.

Die Staatsanwaltschaft klagte ihn wegen Erpressung, Auslösung von Massenpanik und Geldwäsche an, denn Kadar hat offenbar auch illegale Transaktionen mit Bitcoins vorgenommen. Die USA hatten seine Auslieferung verlangt, was das israelische Justizministerium aber Ende April abgelehnte. Kadar wurde trotz seiner US-Staatsbürgerschaft und der Anklagen gegen ihn in Florida und Georgia nur in Israel angeklagt. Seine in den USA geborene Mutter erklärte, dass er Autist sei und einen Gehirntumor habe, seine Rechtsanwältin sagt, dass er einen hohen I.Q. habe, aber emotional auf dem Niveau eines Fünfjährigen sei. Sein Vater, ein Israeli, sagte im Fernsehen: «To all the Jews in America, I want to say clearly, we are very, very sorry, from the bottom of our hearts.»

Auf sämtlichen Pressefotos verdeckt der Junge sein Gesicht, was den Schluss zulässt, dass er vielleicht doch emotional älter als fünfjährig ist. Bei seiner Verhaftung sagte er sofort, er sei’s nicht gewesen, und auf der Frage, was er damit meine, erwiderte er, die Drohungen gegen die jüdischen Gemeinden, aber das hatte man ihm in diesem Moment noch gar nicht gesagt gehabt. Vielleicht ist sein I.Q. doch nicht so hoch, und seine Computer skills sind eine sogenannte Inselbegabung, wie sie bei Autisten tatsächlich immer wieder vorkommt. Er hatte sich immerhin mindestens zwei Jahre lang mit der besten Ausrüstung gut verborgen gehalten und bei den Anrufen seine Stimme technisch manipuliert, und mit Bitcoins kann auch nicht gerade ein jeder umgehen.

Aber wie auch immer – das Interessanteste an dieser Story ist wohl, dass sie im deutschen Sprachraum kaum Resonanz gefunden hat. Wenn man den Namen des Jungen googelt, findet man ausführliche Berichte in britischen Blättern wie «Guardian» oder «Independent», aber so gut wie nichts aus Medien in Deutschland, Österreich oder der Schweiz. Vielleicht hat ja nicht nur «Tachles. Das jüdische Wochenmagazin» darüber geschrieben, aber dessen Meldung vom 24. April 2017 «Israel will Terror-Teen nicht ausliefern» kommt beim Googeln als einziges deutsches Zitat.
Und Trump hat auch nichts mehr dazu getwittert.


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