Scheiternde Ausbrüche aus der bürgerlichen Konformität: Bernardo Bertolucci

29.05.2017 Walter Gasperi

Mit «Prima della rivoluzione» nahm der 1940 geborene Bernardo Bertolucci 1964 die 68er-Bewegung gewissermaßen vorweg. Kritische Studien zur Lage des Bürgertums kennzeichnen sein Frühwerk, ehe ihm der Erfolg von «Ultimo tango a Parigi» die Türen zu Großproduktionen wie «Novecento» oder «The Last Emperor» öffnete. Das St. Galler Kinok widmet dem Meisterregisseur noch bis Ende Juni eine Filmreihe.


Anfang der 1960er Jahre - die Aufbruchsstimmung, die der Neorealismus in Italien nach Kriegsende verbreitet hatte, war längst vorüber - trat mit Pier Paolo Pasolini, Ermanno Olmi, Marco Bellocchio, Francesco Rosi und den Brüdern Taviani eine neue Generation von Filmemachern auf.

Über die Bekanntschaft mit Pasolini kam auch Bernardo Bertolucci, Sohn des Lyrikers Attilio Bertolucci und selbst Autor eines Gedichtbandes, zum Film. Er assistierte seinem Mentor bei dessen Debüt «Accatone» (1961) und erhielt von ihm das Treatment zu «La commare secca», das er im folgenden Jahr verfilmte. Der im Stile von Akira Kurosawas «Rashomon» multiperspektivisch erzählten Geschichte der Ermittlungen eines Mordfalls im römischen Subproletariat war aber kein Erfolg beschieden.

«Prima della rivoluzione» (1964), in dem Bertolucci autobiographisch das Bewusstsein eines jungen bürgerlichen Intellektuellen im Parma der Gegenwart erkundet, wurde von der Kritik zwar gefeiert, fiel aber beim Publikum durch, sodass für den Regisseur praktisch vier Jahre Beschäftigungslosigkeit folgten.

Mit der inzestuösen Beziehung zwischen dem jungem Mann und seiner Tante, dem Wunsch nach Ausbruch aus dem Bürgertum, aber dem letztlich fehlenden Mut und dem Rückfall in die Resignation finden sich in diesem Film schon zentrale Motive, die zumindest das Frühwerk des Italieners bestimmen.

Auch das Motiv des Doppelgängers und von Parallelfiguren, das im Zentrum des folgenden enigmatischen «Partner» (1968) steht, zieht sich durch viele Filme des erklärten Marxisten. Unübersehbar sind bei «Partner» auch die Vorbilder, die von Jean-Luc Godard und Luis Bunuel bis Bertold Brecht und Dostojewski reichen.

Die Abrechnung mit der Generation der Väter und dem Faschismus steht im Mittelpunkt von «Strategia del ragno» (1970) und «Il conformista» (1970), in dem Bertolucci unterstützt von dem genialen Vittorio Storaro hinter der Kamera und Franco Arcalli als Cuttter seine Bildsprache perfektionierte und in großen Plansequenzen Gegenwart und Vergangenheit, aber auch Kollektiv- und Individualgeschichte ineinander fließen ließ.

Geradezu ein Kontrapunkt zu diesen politischen Filmen stellt der scheinbar private «Ultimo tango a Parigi» (1972) dar, in dem die Seelenzustände zweier Menschen in einer ihnen fremd gewordenen Welt ausgelotet werden. Die für die damalige Zeit ungewöhnlich freizügigen Sexszenen und die derbe Sprache machten diesen Film über den Skandal, den er hervorrief, zu einem kommerziellen Welterfolg und öffnete dem Italiener die Tür nach Hollywood.

Mit dem ursprünglich auf acht Stunden angelegten und dann in einer zweiteiligen fünfeinhalbstündigen Fassung in die Kinos gebrachten «Novecento» (1976) schuf Bertolucci die bis zu diesem Zeitpunkt teuerste europäische Produktion. Mit der parallel erzählten Geschichte eines Landarbeiters und eines Gutsbesitzers und mit der Verknüpfung des individuellen Schicksals mit der italienischen Geschichte ist er zwar auch bei dieser Großproduktion ganz bei sich und seinen Themen, musste sich aufgrund des betriebenen Aufwands und der Starbesetzung aber auch den Vorwurf des Verrats von politischen Ideen und des Ausverkaufs an Hollywood gefallen lassen.

Intim und unpolitisch fiel dagegen «La luna» (1979) aus, ein opernhaftes Melodram über eine inzestuöse Mutter-Sohn-Beziehung, während dieser «späte Manierist» (Karsten Witte) in der bitteren Farce «La tragedia di un uomo ridiculo» (1981) kühl die politische Stimmung in Italien schilderte und diese mit einem Vater-Sohn-Konflikt verknüpfte.

Mit dem monumentalen Geschichtsepos «The Last Emperor» (1987), für den erstmals ein Filmteam in der Verbotenen Stadt der alten chinesischen Kaiser drehen durfte, begann Bertoluccis Phase des «Orientalismus». In prachtvollen Bildern – und visuelle Eleganz zeichnet alle seine Werke aus – wird der Glanz des alten China gefeiert. Die chinesische Revolution, deren Anhänger der Italiener in den 1960er Jahren noch war, wird dagegen in kaltes Blau getaucht. Mit dem Märchen «Little Buddha» (1993) wandte sich der sich inzwischen zum Buddhismus bekennende Regisseur nochmals, allerdings mit weniger Erfolg dem Osten zu.

Und neben diesen epischen Werken entstanden immer wieder intime Beziehungsgeschichten, in deren Zentrum Stagnation, Entfremdung und der Wunsch nach einem Neubeginn stehen. In der Paul Bowles Verfilmung «The Sheltering Sky» (1990) enden diese Ausbruchsversuche aber ebenso im Nichts wie in «The Dreamers» (2003), in dem sich Bertolucci sowohl nostalgisch an die 68er Jahre erinnert, dem Kino und den Klassikern der Filmgeschichte seine Liebe erklärt, als auch in der Schilderung einer - inzestuösen - Menage á trois auf «Ultimo tango a Parigi» anspielt.

Aber mag «The Dreamers» auch mit Meisterschaft inszeniert sein, in Ton und Engagement unterscheidet sich dieses Melodram stark vom Skandalfilm der frühen 1970er Jahre: An die Stelle des verzweifelten Aufbegehrens ist der milde Blick eines Altmeisters getreten, der in Schönheit schwelgt, aber nicht mehr von einen gesellschaftlichen Umbruch träumt, sondern sich nur noch wehmütig an das Scheitern dieser Utopie erinnert.

Still wurde es danach um den Italiener, der seit Jahren unter Rückenproblemen leidet und an den Rollstuhl gefesselt ist, ehe er 2012 mit «Io e te» ein Kammerspiel drehen konnte, in dem wie schon in «La Luna» wieder von einer Mutter-Sohn-Beziehung erzählt wird.

Trailer zu «Il conformista»

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