Get Out

16.05.2017 Walter Gasperi

Eine junge weiße Frau besucht mit ihrem afroamerikanischen Freund erstmals ihre Oberschicht-Familie. Was nach einem gemütlichen Wochenende klingt, wird für den Afroamerikaner bald zum Alptraum. – Der Fernsehkomiker Jordan Peele deckt in seinem bitterbösen Spielfilmdebüt, in dem er souverän Horror mit pechschwarzem Humor mischt den hinter der liberalen Fassade versteckten Rassismus der Weißen auf.


Isoliert bleibt zunächst die Auftaktszene, in der ein Afroamerikaner nachts in einem von gepflegten Einfamilienhäusern mit Gärten bestimmtem weißen Vorstadtviertel überfallen und verschleppt wird. So beunruhigend die Szene auch ist, so satirisch ist sie gleichzeitig, wenn das weiße Auto des Angreifers in der dunklen Nacht geradezu leuchtet und zum Überfall zunächst aus dem Autoradio, dann aber auch als reine Filmmusik zunehmend lauter der fröhliche Oldie «Run, Rabbit, Run» ertönt.

Die eigentliche Handlung setzt mit dem Afroamerikaner Chris (Daniel Kaluuya) ein, den eine Kamerafahrt durch seine schicke Stadtwohnung und über Schwarzweißfotos an den Wänden – eine Eröffnung wie die von Hitchcocks «Rear Window» – als Fotografen vorstellt. Mit seiner weißen Freundin Rose (Allison Williams), mit der er seit fünf Monaten zusammen ist, will er erstmals deren Eltern besuchen.

Schon auf der Fahrt zum prächtigen Landhaus schlägt der Horror zu, als ein Hirsch in den Wagen läuft. Wenn Chris auf das tote Tier blickt, hat man das Gefühl, dass er sich mit diesem identifiziert, sich als Afroamerikaner auch in der Rolle der schwachen und geschundenen Kreatur sieht.

Dass er damit richtig liegt, macht schon das Auftreten des herbei gerufenen Polizisten deutlich. Dieser will nämlich nicht von Rose, die am Steuer saß, sondern von Chris einen Ausweis sehen. Nett und ausgesprochen liberal geben sich dagegen die Eltern von Rose, Vater Dean ist ein Arzt, Mutter Missy Psychiaterin. Nicht genug kann Dean betonen, dass er Obama auch ein drittes Mal gewählt hätte, wenn er gekonnt hätte, und er der beste Präsident seiner Zeit gewesen sei.

Freundlich sind auch alle weißen Gäste beim Gartenfest, zeigen ihre Wertschätzung der Afroamerikaner geradezu peinlich ostentativ, wenn sie für Tiger Woods schwärmen. Doch wird spätestens, wenn sie die Muskeln von Chris prüfen oder sich nach seiner sexuellen Potenz erkundigen ebenso wie in Aussagen wie «Schwarz ist das Weiß von heute» deutlich, dass mit der liberalen Fassade nur der darunter liegende, tief wurzelnde Rassismus verdeckt wird.

Seltsam verhält sich hier auch ein Afroamerikaner mit seiner mindestens 20 Jahre älteren weißen Partnerin, wirkt apathisch, bis er ausrastet, als Chris ein Foto von ihm schießt. Seltsam emotionslos agieren aber auch die beiden, freilich schwarzen Hausangestellten, bewegen sich wie Roboter durch Haus und Garten.

Zunehmend nicht geheuer ist Chris, was hier abgeht und möchte mit Rose möglichst rasch abhauen: «Get out» scheint die einzige Möglichkeit diesem Alltagshorror entkommen zu können, der freilich zumindest vorerst auch der Paranoia von Chris entspringen könnte, der von Roses Mutter in Hypnose versetzt wurde und dabei visuell in ein schwarzes Loch oder die unendlichen Weiten des Weltraums stürzte.

Erinnert die Ausgangssituation mit der Vorstellung des schwarzen Freundes bei den weißen Eltern Erinnerungen noch an Stanley Kramers klassische Rassenversöhnungskomödie «Guess Who's Coming to Dinner» («Rat mal, wer zum Essen kommt», 1967), so entwickelt sich Jordan Peeles Regiedebüt im weiteren Verlauf zunehmend zu einer Variation von Don Siegels Horrorfilm «Invasion of the Body Snatchers» (Die Dämonischen, 1956). Denn wie dort Außerirdische – Metapher für die Kommunisten oder auch für den Kommunistenjäger McCarthy – Besitz von den Körpern der Menschen ergreifen und sie nach Belieben steuern, so wirken hier auch die Afroamerikaner fremdgesteuert.

Souverän versetzt Peele den Zuschauer dabei auch mittels der obligaten subjektiven Kamera und starker Sound- und Musikkulisse in die Perspektive von Chris. Geschickt setzt er von Anfang an Schockmomente und lässt den Zuschauer mit den Augen von Chris auf die weiße Familie und das Fest blicken und steigert so seine Verunsicherung und zugleich die des Zuschauers.

Ein perfekt aufgebautes Horrorstück ist Peele hier gelungen, beginnt ganz im Alltäglichen und Realistischen, um dann sukzessive an der Handlungs- und Spannungsschraube zu drehen und den Horrorfilm in eine pechschwarze Satire auf das Verhältnis der Rassen in den USA zu entwickeln. Bissig deckt er die Ungleichheit zwischen Schwarz und Weiß auf und kritisiert den Rassismus der Weißen und die Ausbeutung der Schwarzen, deren Qualitäten man nach Belieben aussaugt.

Knochentrocken und ungemein stringent ist das inszeniert, glänzend gespielt - herausragend in ihrer Wandlungsfähigkeit Allison Williams als Rose. Schon meisterhaft ist, wie Peele perfekte Unterhaltung mit sozialkritischer Stoßrichtung kombiniert und 100 Minuten kompakte Unterhaltung auf hohem Niveau bietet, bei der erst am Ende physische Gewalt losbricht, aber auch dabei in den Schrecken immer aber pechschwarzer Humor gemischt wird: Ein erfrischender Hybrid, ein äußerst gelungener Mix zwischen klassischem Genrefilm und sozialkritischem Kino.

Läuft derzeit im Metrokino Bregenz und im Cinema Bludenz

Trailer zu «Get Out»

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