Putin vs. Jehova

08.05.2017 Kurt Bracharz

Hätte man erraten sollen, welche Organisation die Russen als nächste – nach über 140 anderen – verbieten würden, wäre wohl kaum jemand auf die Zeugen Jehovas gekommen. Am 20. April dieses Jahres hat aber der Oberste Gerichtshof der Russischen Föderation entschieden, dass die 175.000 russischen Zeugen eine «extremistische» Gruppierung seien, und sie deshalb verboten. Es sind jetzt sowohl Geld- als auch Gefängnisstrafen vorgesehen, das Vermögen der Gemeinden wurde beschlagnahmt, die Russlandzentrale in St. Petersburg wurde geschlossen, ihre Publikationen sind verboten.


Beamte des Justizministeriums, das den Antrag eingebracht hatte, bezeichneten die Zeugen als eine Gefahr für die öffentliche Ordnung und Sicherheit, ultrarechte Politiker verzapften wie immer bei solchen Anlässen, dass es sich um eine vom westlichen Geheimdiensten finanzierte Organisation handle, die spionieren und sabotieren solle. Das Parlamentsmitglied Vitali Milonov formulierte, westliche Regierungen benützten die Zeugen Jehovas, um Russland durch spirituellen und moralischen Verfall zu schädigen.

Die Zeugen Jehovas verweigern den Militärdienst und verbieten Bluttransfusionen. Das sind die beiden Auffälligkeiten nach außen hin; was für einen Glauben sie sich auf Grund einer streng wörtlichen Bibelauslegung zurechtgezimmert haben, betrifft die Zivilgesellschaft nicht, und an der Haustür fallen sie auch nicht lästiger als andere etwas heischende Fremde. Beim Straßenverkauf des «Wachturms» sprechen sie die Passanten nicht an, sondern halten nur schweigend ihre Heftchen hoch.

Das Gericht argumentierte, dass das Verbot von Bluttransfusionen ein Verstoß gegen die Menschenrechte sei, aber hier ist ja zum Beispiel in Österreich schon entschieden worden, dass es zumindest für Kinder von den Eltern nicht durchgesetzt werden kann. Ein Vertreter der russischen Zeugen will die Sache vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte bringen, dessen Entscheidung den Russen allerdings gleichgültig sein wird. Eine Verletzung der Religionsfreiheit ist das Verbot auf jeden Fall, dafür spielt die Absurdität einer religiösen Lehre keine Rolle.

Fragt sich noch, warum die Russen jetzt ausgerechnet auf die Zeugen loshacken. Ein Grund liegt natürlich in der starken Förderung der russisch-orthodoxen Kirche durch den kühlen Strategen Putin. Die rückschrittlichste aller christlichen Kirchen agitiert seit 2009 aggressiv gegen die Zeugen, die sie als gefährliche Häretiker sieht. Regionale Gerichte in Russland verbieten schon seit längerer Zeit regelmäßig Publikationen der Zeugen als extremistisches Schrifttum, in mindestens einem Fall auf Grund eines Tolstoi-Zitats gegen die Orthodoxen, das die Richter offenbar nicht als Zitat des Klassikers erkannten, eigentlich ein Komödienstoff.

Für die Regierung ist ein Verbot der Zeugen Jehovas unproblematisch, weil diese Religionsgemeinschaft bei der russischen Bevölkerung wenig Sympathien genießt und in ihrer gesellschaftlichen Isolation und mit ihrem Pazifismus eine «sitting duck» für ihre Gegner war. Dass die Zeugen ursprünglich eine amerikanische Sekte waren und ihre Zentrale nach wie vor in Brooklyn ist, trägt ihnen im neuen Russland auch keine Sympathien ein, und mancher Russe wird sie darauf hinweisen, dass sie sich eh verbessert haben, denn unter Stalin wurden sie nach Sibirien deportiert.


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