Denial - Verleugnung

09.05.2017 Walter Gasperi

Als die US-Historikerin Deborah Lipstadt in den 1990er Jahren den Holocaust-Leugner David Irving verbal attackierte, verklagte dieser sie wegen Verleumdung. – Mick Jackson zeichnet den Verlauf des Prozesses zwar sehr konventionell nach, doch großartige Schauspieler und ein dichtes Drehbuch von David Hare, aber auch die Aktualität, die der Film in Zeiten von «fake news» und «alternative facts» besitzt, helfen locker über diese Schwäche hinweg.


Konsterniert ist die amerikanische jüdische Historikerin Deborah Lipstadt (Rachel Weisz), als sich bei einer Präsentation ihres Buches «Denying the Holocaust», in dem sie sich mit der Leugnung der Shoah auseinandersetzt, der britische Holocaust-Leugner David Irving (Timothy Spall) selbst zu Wort meldet. Diskutieren will sie mit dem Journalisten und Sachbuchautor gar nicht, denn über die Leugnung von Fakten kann man nicht diskutieren. Stattdessen ruft sie den Ordnungsdienst.

Fiktiv ist diese 1994 in Atlanta, Georgia spielende Szene, dient dazu die folgende gerichtliche Konfrontation, für die Mick Jackson Lipstadts Aufarbeitung der Ereignisse in ihrem Buch «History on Trail. My Day in Court with a Holocaust Denier» (2005) als Vorlage diente, vorzubereiten und einen dramatischen Auftakt zu setzen.

Wenig später erhält Lipstadt und der britische Penguin Verlag, bei dem ihre Bücher erscheinen, nämlich eine Klage von Irving wegen Verleumdung. Einen Vergleich könnte Lipstadt nun eingehen, würde damit aber die Leugnung des Holocausts salonfähig machen, oder aber sich vor einem britischen Gericht gegen den Vorwurf verteidigen. Dabei muss aber nicht Irving ihre Verleumdung beweisen, sondern vielmehr muss sie beweisen, dass ihre Angriffe gegen Irving berechtigt waren, dass seine Leugnung des Holocaust eine gezielte und nicht zu tolerierende Fälschung der Geschichte ist.

Lipstadt wird vom Penguin Verlag die Anwaltskanzlei von Anthony Julius gestellt. Julius selbst bleibt im Hintergrund, die Verteidigung übernimmt der erfahrene Anwalt Richard Rampton (Tom Wilkinson), während der arrogante Irving sich selbst verteidigt.
Zugeständnisse muss Lipstadt machen, denn die Kanzlei will weder, dass sie selbst vor Gericht aussagt, noch dass Holocaust-Überlebende als Zeugen geladen werden, weil Irving diese im Zeugenstand nur verhöhnen und lächerlich machen würde.

So entwickelt sich ein klassisches Gerichtsdrama, dessen Ausgang freilich bekannt oder zumindest logisch ist, denn ein Film in dem ein Holocaust-Leugner den Sieg davon trägt, dürfte heutzutage wohl kaum mehr von einem größeren Studio finanziert werden.

So konventionell das Gerichtsdrama mit Inserts zu den Prozesstagen nach vorangegangenem Lokalaugenschein von Lipstadt und Rampton in Auschwitz, der eine Ahnung vom Schrecken des Holocaust und damit auch von der Bedeutung des Prozesses vermittelt, auch inszeniert ist, so packend ist dieser Film doch aufgrund des dichten Drehbuchs von David Hare und eines großartigen Ensembles.

Ganz auf die historische Debatte und den Prozess konzentriert sich Hare, spart alles Persönliche aus. Der Motor des Films ist das Dreieck Lipstadt, Rampton und Irwing. Großartig verkörpert Rachel Weisz Lipstadt, vermittelt eindrücklich nicht nur, wie sie sich als Amerikanerin zunächst in die britische Kultur eingewöhnen muss, sondern auch wie schwer ihr die Zugeständnisse fallen, die sie machen muss, und deren Sinn sie erst später einsehen wird.

Wunderbar trocken spielt Tom Wilkinson ihren Anwalt Richard Rampton, den selbst ein Besuch in Auschwitz nicht zu bewegen scheint, der sich aber gerade in seiner äußeren Gefühlskälte als kluger, berechnender und messerscharf seine Attacken führender Taktiker erweist.

Eine gewohnt starke Leistung bietet aber auch Mike-Leigh-Darsteller Timothy Spall als von sich selbst überzeugter, ungeniert rassistische und antisemitische Ideen vertretender David Irwing. Klar verteilt sind so die Fronten von Gut und Böse, Ambivalenzen und Zwischentöne sucht man vergebens, darf es freilich angesichts des Themas auch nicht geben, denn entschieden Position beziehen muss man hier.

Mick Jackson, dem 1992 mit dem Whitney Huston/Kevin Costner-Vehikel «Bodyguard» der einzig nennenswerte kommerzielle Erfolg als Spielfilmregisseur gelang, muss hier nicht viel machen. Er setzt wohl bewusst keine inszenatorischen Akzente, sondern kann wie Lipstadt bei ihrer Verteidigung auf ein starkes Team vertrauen. Er beschränkt sich darauf Hares dichtes Drehbuch nüchtern und schnörkellos umzusetzen und seinem auch in den Nebenrollen starken Ensemble Raum zum Spiel zu lassen.

Über die historische Aufarbeitung hinaus hat «Denial - Verleugnung» freilich angesichts der Arbeit der Trump-Administration mit den Begriffen «fake news» und «alternative facts», die freilich erst aufkamen, als dieser Film schon fertig war, Aktualität gewonnen.

Mustergültig lässt sich nämlich an diesem packenden Gerichtsdrama studieren, dass es diese alternativen Fakten nicht geben kann und geben darf, dass man zwar über Dinge verschiedene Meinungen haben kann und Redefreiheit unbedingt zu fordern ist, dass diese Freiheit aber nicht benützt werden darf, um unumstößliche Tatsachen zu verdrehen, mit Lügen seine Ideologie zu verbreiten und die Massen zu manipulieren.

Um «Denial – Verleugnung» zu sehen, muss man freilich in die Schweiz, nach Liechtenstein oder Deutschland fahren, denn der österreichische Verleiher wird ihn nicht in den Kinos starten.


Läuft derzeit im Kinok in St. Gallen und im TaKino Schaan (jeweils in engl. O.m.U.)

Trailer zu «Denial - Verleugnung»

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