Das Geheimnis der grünen Stecknadel

01.06.2017 Walter Gasperi

Joachim Fuchsberger und Karin Baal erinnern an die legendären deutschen Edgar-Wallace-Krimis, doch davon abgesehen erinnert nichts an die Erfolgsserie, sondern die 1972 entstandene Adaption eines Romans des englischen Krimiautors präsentiert sich als waschechter Giallo. Bei Koch Media ist die deutsch-italienische Koproduktion in einem edlen Mediabook mit zahlreichen Extras erschienen.


Schwarzweiß, die nebelverhangenen und verregneten Straßen von London, ein oft von Klaus Kinski gespielter psychopathischer Killer und Eddie Arendt als Komiker zur Auflockerung, eine schwache Frau, die beschützt werden muss, und ein untadeliger, zumeist von Joachim Fuchsberger oder Heinz Drache gespielter Inspektor sind unverzichtbare Ingredienzien der in den 1960er Jahren äußerst erfolgreichen deutschen Edgar-Wallace-Verfilmungen.

In eine ganz andere Richtung geht Massimo Dallamanos «Das Geheimnis der grünen Stecknadel», der auf Motiven von Edgar Wallaces 1923 erschienenem gleichnamigem Roman basiert. Während der deutsche Titel an die Titel klassischer Wallace-Filme anknüpft, befreit sich der internationale Titel «What Have You Done to Solange?» schon von diesen Assoziationen.

Statt Schwarzweiß ist hier auch Farbe angesagt und erfolglos wird man auf dunkle Kammern und nächtlichen Nebel warten. Geradezu lyrisch beginnt der Film mit einem Liebespaar in einem Ruderboot, ungleich freizügiger als seine Vorgänger gibt sich der Film schon hier, wenn der Mann der Frau zwischen die Beine greift und ihre Brustwarzen liebkost.

Aber auch der Schrecken bricht sogleich herein, wenn die junge Frau Zeugin wird, wie am Ufer eine andere Frau von einem schwarz gekleideten Mann ermordet wird. Deutlich sieht man das mächtige Messer aufblitzen, das er ihr tief in die Vagina stößt.

Typisch für den italienischen Giallo ist diese Verknüpfung von Sexualität und Gewalt, die sich hier im Mord, dessen Parallele zum Geschlechtsakt unübersehbar ist, manifestiert. An der damals erfolgreichen Serie «Schulmädchenreport» orientiert sich Dallamanos Krimi wiederum, wenn die Handlung bald in ein katholisches Mädcheninternat führt, dessen Schülerinnen nicht nur ans Lernen denken.

Weitere Morde werden folgen, bei denen die Opfer auf die gleiche bestialische Weise abgestochen werden. Andererseits wird der Film aber auch – zusammen mit einem Voyeur – die Gelegenheit nützen, den nackten Teenagern beim Duschen zuzuschauen, ohne dass diese Szenen dramaturgische Funktion hätten, und wird bald von - auch lesbischen - Sexorgien der Schülerinnen die Rede sein.

Im Hintergrund bleibt weitgehend der von Joachim Fuchsberger gespielte Kommissar, eine Rolle, die in erster Linie wohl als Zuckerl fürs deutsche Kinopublikum diente. Mehr Gewicht gewinnt der Italienischlehrer Rossini (Fabio Testi) und die von der Wallace-Film erfahrenen Karin Baal gespielte Frau, die sich selbst auf die Suche nach dem Mörder machen.

Recht fahrlässig werden auch die grünen Stecknadeln des deutschen Titels behandelt. Zwar wird eine solche am ersten Tatort gefunden, gewinnt dann aber erst wieder ganz am Ende Gewicht und Bedeutung. Treffender ist da schon die «Solange» des internationalen Titels. Zwar muss man auf sie lange warten, mit ihrer Auffindung dringt dieser klassische Whodunit aber zum Motiv der Morde und damit zum Täter vor.

An Sprachversionen bietet das bei Koch Media erschienene edle Mediabook, das zwei Blu-ray und eine DVD enthält, die englische, die italienische und die deutsche Fassung sowie deutsche Untertitel. Reichhaltig sind die Extras. So wird der Film auf Blu-ray und DVD in der internationalen Fassung sowie auf Blu-ray auch in der rund zehn Minuten kürzeren deutschen Kinofassung angeboten.

Zum Film kann ein englischer Audiokommentar des Giallo-Experten Troy Howarth zugeschaltet werden. Dazu kommen eine knapp einstündige Arte-Dokumentation über die Edgar-Wallace-Filme und Interviews mit dem Produzenten und mehreren Darstellern sowie ein 20-seitiges Booklet mit einem informativen Essay von Paul Poet zum Giallo und einem Interview mit Solange-Darstellerin Camille Keaton.

Trailer zu «Das Geheimnis der grünen Stecknadel»

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.