Mythos Tour de France

18.05.2017

19.05.2017 bis 30.07.2017  NRW-Forum Kultur und Wirtschaft

Atemberaubende Landschaften, aufgeladene Orte, zu Helden stilisierte Fahrer, leidenschaftliche Fans: Die Tour de France steckt voller Mythen, Legenden und Ikonen und lockte schon immer die besten Fotografen der Welt an. Das NRW-Forum Düsseldorf wird im Sommer 2017 zum doppelten Schauplatz des sportlichen und medialen Großereignisses: Die Strecke des Grand Départ führt nicht nur direkt am Ehrenhof vorbei, die Tour kommt auch in den Ausstellungsraum.


Fahrerporträts, Filmdokumentationen, Installationen, Landschaftsaufnahmen und Stimmungsbilder – mit über 120 Arbeiten von 20 internationalen Künstlern aus mehr als 80 Jahren Tour-Historie präsentiert die internationale Gruppenausstellung die gewaltigen Bildwelten des wichtigsten Radrennens der Welt. Sie beleuchtet die ereignisreiche Geschichte der Tour de France, zeigt ihre Ruhm- und Schattenseiten und führt vor Augen, wie Sport- und Bildereignisse einander bedingen. Mit Arbeiten von Otto Berchem, Robert Capa, Laurent Cipriani, Andreas Gursky, Harry Gruyaert, Martin Höfer, Philipp Hympendahl, Richard Kalvar, Timm Kölln, Kraftwerk, Guy Le Querrec, Louis Malle, Nicola Mesken, Reinhard Mucha, Pascal Rivet, Kai Schäfer, Paul Smith, Olaf Unverzart, Stephan Vanfleteren und John Vink.

Die Fahrer, die Pisten, die Landschaften, die Fans, die großen Ereignisse und die kleinen Geschichten abseits des offiziellen Geschehens – die Ausstellung verwebt unterschiedliche narrative Fäden und künstlerische Perspektiven und erforscht die Frage: Wie wurde die Tour zum Mythos?

1903 von der Sportzeitung L’Auto gegründet, war die Tour de France von Anfang an auch ein mediales Ereignis und eng mit dem Journalismus verbunden. Zu den Fotografen, die um die besten Bilder wetteiferten, gehörten auch die großen Namen der Fotografen-Agentur Magnum. Heute sind die Aufnahmen von Robert Capa, Harry Gruyaert, Richard Kalvar, Guy Le Querrec und John Vink einzigartige Zeugnisse der Geschichte des Radsports und der Fotografie. Die Ausstellung präsentiert die spektakulärsten Magnum-Bilder, die die Helden, die Fahrräder und die Pisten der 1940er bis 1980er Jahre zeigen, und die nicht nur beeindruckende historische Dokumente der Tour de France sind, sondern auch selbst Teil der Entstehung eines modernen Mythos.

Der französische Filmemacher Louis Malle hat in seinem ausgezeichneten Dokumentarfilm Vive Le Tour auch die Gegenbilder des Mythos eingefangen: Verletzte und erschöpfte Fahrer, randalierende Fans, beginnende Dopingskandale. Der 19-minütige Film ist ein vielschichtiges Stimmungsbild der Tour de France von 1962, der erschreckende und euphorische Momente festhält, und von der großen Liebe des Filmemachers und Sportlers für die Tour de France zeugt. Als eine der großen Radsportnationen hat Belgien einige der berühmtesten Fahrer der Welt hervorgebracht, wie den fünffachen Tour-Sieger Eddy Merckx, der heute als der größte Rennfahrer der Radsportgeschichte gilt. Der belgische Fotograf Stephan Vanfleteren präsentiert mit der Serie «Flandrien» neben Eddy Merckx sieben weitere Porträts der größten belgischen Radsporthelden.

Timm Köllns Projekt «The Peloton» zeigt berühmte Fahrer kurz nach dem Zieleinlauf. Seine Porträts sind ein intimer Blick auf faszinierende Athleten, die Schönheit des Wettkampfes, aber auch in die Abgründe eines immer mehr in Verruf geratenen Systems. Die Serie «Peloton Legs» zeigt den Stolz und das Kapital der Fahrer – ihre Beine – die überlebensgroß wie Säulen den Raum zu tragen scheinen. Der deutsche Fotograf und Künstler Olaf Unverzart widmet seine Serie Land einem stillen Hauptakteur des Rennens; den Straßen. Als leidenschaftlicher Rennfahrer ist er alle Strecken, die er fotografiert hat, selbst gefahren. In der Ausstellung sind die Landschaften verschiedener legendärer Tour-Etappen zu sehen, die menschenleer auf das anstehende oder bereits vorbeigezogene Spektakel verweisen.

Andreas Gurskys «Tour de France I» von 2007 zeigt das Tour-Spektakel aus einem entfernten, erhöhten Standpunkt als ein komplexes Gesamtgebilde, das sich die Serpentinen einer Bergstraße hinaufschlängelt. Die Fahrer, die Fans und Medien sind winzige Protagonisten vor einer Ehrfurcht gebietenden Naturkulisse. Die über 2x3 Meter große Arbeit «Tour de France I» wird ergänzt durch die kleinformatige Arbeit «Tour de France II», die während einer früheren Tour entstanden ist. Der Düsseldorfer Künstler Reinhard Mucha ist nicht nur Biennale- und Documenta-Teilnehmer und gilt als einer der wichtigsten Künstler seiner Generation – er ist auch leidenschaftlicher Rennfahrer und hat einige seiner Objekte und Installationen dem Radsport und der Tour de France gewidmet.

Der Düsseldorfer Künstler Philipp Hympendahl hat die Tour de France von 2014 und 2015 mit einer 6x17-Panorama-Rollfilm-Kamera begleitet, mit der pro Film nur vier Bilder aufgenommen werden können. Mit einer Kamera, die für Sport- und besonders Radsportfotografie eigentlich ungeeignet ist, macht er entschleunigte Bilder, die die Geschichten am Rand der Tour und abseits des Rauschens erzählen. Aus der Perspektive der Fahrer hat der französische Fotograf Laurent Cipriani seine Serie Along the Road (2013-2015) aufgenommen. Auf dem Rücksitz eines Motorrads fuhr er für The Associated Press die Rennstrecke entlang, nur einige Minuten vor den Fahrern, und hielt den Moment der Erwartung des bevorstehenden Rennens fest. Seine Bilder machen die wartenden Zuschauer am Rand der Tour zum eigentlichen Ereignis und sind weit über ihren Bezug zum Radsport hinaus eine unkonventionelle Momentaufnahme Frankreichs.

Für das Langzeitprojekt «Allez le Tour» fotografiert Nicola Mesken seit zwölf Jahren Fans am Streckenrand. Mit einer analogen Kleinbildkamera und auf Schwarz-Weiß-Film dokumentiert sie das Leben am Rand der Strecke, zeigt die stillen Momente der Fans, wie sie in Klappstühlen sitzen, ihr Frühstück zubereiten, oder sich beim Scrabble die Wartezeit verkürzen. Den wohl berühmtesten Fehltritt eines Fans hat Otto Berchems Arbeit «Eric the photographer's 00:10:48 seconds of fame» zum Thema. Die Installation aus Text, Fotografie und Video basiert auf einer wahren Geschichte, nach der der Fahrer Giuseppe Guerini bei der Tour de France 1999 nur wenige Meter vor der Ziellinie von einem Fan zu Boden gerissen wurde, als dieser versuchte, ein Foto zu machen. Trotz des Unfalls gewann Guerini die Etappe und der Vorfall ging medial um die Welt. Der französische Künstler Pascal Rivet hat für die Serie «Les Silhouettes» (1993-94) zehn berühmte Radsporthelden in Holzaufsteller verwandelt, wie man sie von Jahrmärkten kennt, eine Art Fotowand, die es jedem ermöglicht, für ein Bild in die Rolle seiner Sportidole zu schlüpfen.

Das Thema Doping gehört seit jeher genauso zum Mythos der Tour de France wie ihre strahlenden Helden. Martin Höfer hat für die Ausstellung im NRW-Forum die Arbeit «The surplus self of mine promotes my triumph» (Eigenblutdoping) konzipiert, eine Installation aus Fotografie und einer Blutkonserve, die anhand der Kategorie der «Investition des überschüssigen Selbst» eine Analogie von Sport und Kunst als zeitgenössische Leistungsbetriebe herstellt.

Ein Zeugnis davon, wie der Mythos sich aller Sparten bedient und auch in die Popkultur Eingang erhalten hat, ist das 2003 erschienene Album «Tour de France» der Düsseldorfer Band Kraftwerk, die selbst schon ein Mythos ist, und bekannt dafür, ihre Auftritte mit großen 3D-Video-Installationen zu begleiten. Als multimediale Rauminstallation werden die großformatigen Animationen und das Album «Tour de France» Teil der Ausstellung. Der Fotograf Kai Schäfer hat für die Fotoserie «Worldrecords» die besten Alben der Musikgeschichte auf legendären Plattenspielern fotografiert und präsentiert eine eigens von Kraftwerk-Mitglied Ralf Hütter signierte Arbeit zum letzten Studioalbum der Kultband.

Nicht nur der Fahrer selbst, auch seine Kleidung ist Teil des mythischen Systems der Tour de France. Die Farbe des Trikots ist elementarer Teil der Spannungskurve und jeder weiß, was es bedeutet, wenn jemand das gelbe Trikot trägt. In der Ausstellung sind 13 originale Tour-Jerseys des britischen Modedesigners Paul Smith zu sehen, die, bei Rennen getragen und teils signiert, eine Art heiliges Schweißtuch des Radsports sind. Wie sehr der Radsport auch für einen bestimmten Lifestyle steht, verdeutlicht die britische Marke Rapha, der es gelungen ist, funktionale Sportbekleidung elegant zu machen. Im Obergeschoss des NRW-Forum errichtet Rapha für einen Monat einen Pop-up-Store, in dem Besucher ihren eigenen Tour-de-France-Style finden können. Außerdem werden die Briten eine spannende Agenda mit Events und Ausfahrten anbieten.


Mythos Tour de France
19. Mai bis 30. Juli 2017 

Eröffnung: 18. Mai 17, 19 Uhr

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Ehrenhof 2
D-40479 Düsseldorf
T: 0049 (0)211 89266-81
F: 0049 (0)211 89266-82
E: museum@nrw-forum.de
W: http://www.nrw-forum.de


Öffnungszeiten

Di bis So 11 - 20 Uhr
Freitag bis 24 Uhr

 


  • Harry Gruyaert: The peloton sweeps into Paris and onto the Place de la Concorde past the Hotel Crillon, France, 1982. © Harry Gruyaert/ Magnum Photos
  • Nicola Mesken: aus der Serie Mont Blanc Saint Gervais, 2016. © Nicola Mesken Photography/ www.allezletour.com
  • John Vink: Preparing the snacks and the body before departure, Neufchâtel en Bray, France, July 3rd 1985. © John Vink/ Magnum Photos
  • Harry Gruyaert: Into the valley before the big Alpine mountains, France, 1982. © Harry Gruyaert/ Magnum Photos
  • Thierry Marie is having an initiation ceremony due to his new arrival in the team, France, 1985. © Guy Le Querrec/ Magnum Photos
  • Andreas Gursky: Tour de France, 2007. Copyright: Andreas Gursky/ VG Bild-Kunst; Courtesy: Sprüth Magers
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