Ein Dorf sieht schwarz

02.05.2017 Walter Gasperi

Ein Schwarzafrikaner nimmt 1975 eine Stelle als praktischer Arzt in einem französischen Dorf an. Werden der Migrant und seine Familie zunächst ausgegrenzt, so gewinnen sie langsam doch die Herzen der Einheimischen. Julien Rambaldis auf einem wahren Fall beruhende Komödie ist zwar gut gemeint, aber allzu weichgespült, um mehr als laue Unterhaltung zu bieten.


Die Komödie «Ein Dorf sieht schwarz», in der der Rapper Kamini, der zusammen mit Regisseur Julien Rambaldi und Benoît Graffin auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, die Geschichte seiner Eltern und seiner Kindheit verarbeitet, spielt zwar 1975, meint aber doch die aktuelle politische und gesellschaftliche Situation.

Damals nahm Kaminis Vater Seyolo Zantoko (Marc Zinga) nach Abschluss seines Arztstudiums in Lille eine Stelle als Landarzt im tristen Kaff Marly-Gomont an, den lukrativen Job eines Leibarzts des kongolesischen Diktators Mobutu, der ihm ein Freund anbot, schlug er aus, weil er nicht an der Ausbeutung seines Volkes teilnehmen wollte.

In welche Richtung der Film zielt, macht schon der Originaltitel «Bienvenue à Marly-Gomot» deutlich, der sich unübersehbar am Kassenschlager «Bienvenue chez les Ch'tis» orientiert. Wie dort ein Postbeamter aus der sonnigen Provence in den verregneten Norden versetzt wird, so landet auch hier der Afrikaner in der ungastlichen, verregneten französischen Provinz. Die Familie – seine Frau sowie Tochter und Sohn im Grundschulalter -, die Seyolo aus Zaire nachholt, glauben freilich in Paris zu wohnen, malen sich Spaziergänge um den Eiffelturm und Shopping auf der Champs-Elysées aus.

Statt Großstadtleben erwartet die Familie aber Einöde, eine Bruchbude als Wohnung, ein klappriges Auto als Dienstfahrzeug – und Dorfbewohner, die noch nie Afrikaner gesehen haben. Lieber gehen die Patienten zum Arzt der Nachbargemeinde als zu dem Migranten, die Kinder werden in der Schule ausgegrenzt, die Mutter findet keinen Anschluss im Dorf.

So absehbar freilich ist, dass es Seyolo gelingt eine Wende herbeizuführen und auch die Tochter als großartige Fußballerin das Dorf für sich gewinnen kann, so absehbar ist auch, dass auf diesen Erfolg ein Rückschlag durch die Intrigen eines rassistischen Politikers folgen wird. Aber ebenso gewiss ist natürlich, dass alles gut enden wird.

So aktuell der Film in der Thematisierung von Rassismus ist, so bedenklich ist er letztlich doch in desseb Verharmlosung, im Fehlen jeden Bisses und jeder Schärfe. Als allzu verständnisvoll und grenzenlos um Integration bemüht wird Seyolo gezeichnet, der seiner Familie verbietet ihre Muttersprache Lingala zu verwenden.

Nur ganz am Rande wird angesprochen, dass die Verdrängung der eigenen Wurzeln auch nicht zum Glück führen kann. Als Lapalie erscheint auch die Ausgrenzung der Kinder, als Witz wird dargestellt, dass der Arzt aufgrund ausbleibender Patienten zwecks Gelderwerb vorübergehend auf einem Bauernhof arbeiten muss.

Unglaublich weichgespült wird von Julien Rambaldi die Realität, verleugnet wird geradezu, wie bitter und schwer die Anfänge für diese Migrantenfamilie in Frankreich gewesen sein müssen. Unbedingt allen gefallen und ja nicht schockieren, erschüttern oder gar verstören will diese Komödie, sondern Wohlgefühl verbreiten und dem Zuschauer stets die Sicherheit geben, dass sich alles zum Guten wenden wird.

Auch die französischen Rassisten sind da im Grunde nett, meinen es nicht so böse, einzig der intrigante Politiker bekommt ansatzweise sein Fett ab, macht sich dann aber aus dem Staub. Bedenklich ist aber auch, wie hier Klischees über Frauen transportiert werden, wenn sich der Film – im Grunde eine völlig überflüssige Szene – bei einer Fahrstunde über die Fahrkünste von Seyolos Frau lustig macht.

Treffend ist «Ein Dorf sieht schwarz» freilich im Blick auf die Rolle von schwarzen Fußballspielern, die den Rassismus überwinden lassen, wenn sie der eigenen Mannschaft zum Erfolg verhelfen. Und bewegend wird die Komödie im Finale, wenn sich der Sohn Kamini selbst zu Wort meldet, aus dem Off das weitere Leben seiner Eltern rekapituliert und der Film zu einer Liebeserklärung an seinen Vater wird.

Doch auch hier entspricht der Film nicht den heutigen Realitäten, sondern beschönigt sie. So soll laut Film beinahe die ganze Dorfbevölkerung zum Begräbnis Seyolos im Jahr 2009 gekommen sein, die Fremdenfeindlichkeit scheint in Marly-Gomont dennoch nicht überwunden, denn die nordfranzösische Region wählte beim ersten Wahlgang der französischen Präsidentschaftswahl am 23. April 2017 mehrheitlich die rechtspopulistische Marine Le Pen.

Läuft derzeit im Metrokino Bregenz, Cinema Dornbirn und Rio Kino Feldkirch (Deutsche Fassung)

Trailer zu «Ein Dorf sieht schwarz»

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