Crossing Europe 2017: An der Schwelle zum Erwachsenen

01.05.2017 Walter Gasperi

25.04.2017 bis 30.04.2017  

Geschichten vom Erwachsenwerden bestimmten nicht nur den Spielfilmwettbewerb des heurigen Linzer Crossing Europe Filmfestivals (25. – 30. April 2017), sondern mit der 14. Auflage steht das Festival selbst auch an dieser Schwelle. Mit dem Crossing Europe Award für den besten Spielfilm wurde Hana Jušićs «Quit Staring at My Plate» ausgezeichnet, den originellsten Beitrag steuerte aber Julian Radlmaier mit «Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes» bei.


Nicht nur Hana Jušićs «Quit Staring at My Plate», der mit dem mit 10.000 Euro dotierten Crossing Europe Award für den besten Spielfilm ausgezeichnet wurde – der mit 5000 Euro dotierte Preis für den besten Dokumentarfilm ging an Vitaly Manskys «Rodnye – Close Relations» – erzählte von den Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens und des Findens eines eigenen Lebensweges, sondern auffallend viele Wettbewerbsfilme setzten sich mit dieser Zeit des persönlichen Umbruchs auseinander.

Verwundern kann das freilich nicht, bietet Crossing Europe doch gerade jungen Filmemachern eine Plattform, die diese Zeit des Erwachsenwerdens vielfach gerade hinter sich haben. Ziemlich ähnlich verhalten sich dabei die jungen Erwachsenen – oder eben noch nicht Erwachsenen – im Estland der 1990er Jahre in Triin Ruumets «The Days that Confused» und im Kopenhagen der Gegenwart in Rasmus Heisterbergs «In the Blood».

In beiden Filmen wollen die Protagonisten das Leben bis zum Äußersten auskosten, wollen jeden Tag Party feiern, exzessiv Alkohol trinken und junge Frauen abschleppen. Beide Filme spielen zudem im Sommer und der sich nähernde Herbst kündet schon von der Eingliederung ins Erwachsenenleben und der Übernahme von Verantwortung.

Beide Filme kennzeichnet auch eine ausgesprochen dynamische Erzählweise, die die Vitalität der Protagonisten auf den Zuschauer überträgt. Erinnerungen an Danny Boyles «Trainspotting» stellen sich dabei bei «The Days that Confused» durch die expressive Bildsprache und die treibende Musik ein, doch so überzeugend der Film als Stimmungsbild ist, so unbefriedigt lässt er den Zuschauer doch zurück aufgrund des unübersichtlichen und verwirrenden - oder passend zum Titel und der Befindlichkeit des Protagonisten: konfusen - Handlungsaufbaus.

Linearer und überzeugender ist «In the Blood», in dem dem Medizinstudenten Simon, für den es kein Ende der ausgelassenen Zeit des Feierns zu geben scheint, der aber zu einer tieferen Beziehung unfähig ist, seine Freunde gegenüberstehen, von denen der eine demnächst Vater wird und alle drei das gemeinsame Appartement verkaufen und eigene Wohnungen kaufen wollen.

Nicht wirklich erwachsen ist auch der 24-jährige Vincent in Morgan Simons «Compte tes blessures», der Sänger einer Hardcoreband ist, damit aber so wenig verdient, dass er noch mit seinem Vater zusammenleben muss. Nie ist Vincent über den Tod seiner Mutter hinweggekommen, die schwierige Beziehung zu seinem Vater spitzt sich zu, als dessen neue Freundin einzieht, für die sich bald auch Vincent zu interessieren beginnt.

Nicht alles mag in diesem Film gelungen sein, allzu sprunghaft wechseln doch Aggression und Zärtlichkeit und manche Szene kippt wohl ungewollt ins Lächerliche. Doch immer wieder entwickelt Simons erster Spielfilm nicht zuletzt dank der Musik, mit der Vincent seine Wut und Frustration zum Ausdruck bringt, aber auch durch die zupackende Inszenierung und die Nähe zu den intensiv gespielten Protagonisten eine Kraft und eine Energie, die mitreißen.

Im Gegensatz zu diesen dynamischen Filmen geht es der Isländer Gudmundur Arnar Gudmundsson in seinem Spielfilmdebüt «Heartstone», das mit dem Publikumspreis ausgezeichnet wurde, ruhiger an. Viel Zeit lässt er sich für die Schilderung der Freundschaft der Teenager Thor und Christian, die in einem isländischen Küstendorf aufwachsen.

Beiläufig, aber präzise bettet er die Handlung dabei in die majestätische Landschaft mit mächtigen Bergen, prächtigem Fjord und manchmal strahlend blauem, oft aber auch wolkenverhangenem Himmel ein.

Wie letztes Jahr Runar Runarsson in «Sparrows» erzählt auch Gudmundsson von den sehr beschränkten Freizeitmöglichkeiten in der isländischen Provinz und der männlich dominierten, aggressiven Gesellschaft. Da üben sich schon die älteren Teenager im Schießen, während Thor und Christian auf dem dörflichen Schrottplatz Autos zertrümmern. Gewalttätig ist auch Christians Vater, während Thor und seine beiden Schwestern unter den wechselnden Beziehungen ihrer allein erziehenden Mutter leiden.

Man geht fischen, hängt mit Mädchen herum, doch am nächsten scheinen sich immer die beiden Jungs selbst, deren Berührungen zwischen Spiel und Homoerotik in der Schwebe bleiben. Einfühlsam schildert Gudmundsson diese Zeit des Übergangs, des langsamen Findens der sexuellen Identität und die Schwierigkeit in dieser provinziellen und konservativen Gesellschaft sich zu einer Haltung, die nicht den allgemeinen Vorstellungen entspricht, zu stehen.

Während «Heartstone» eine ganz klassisch erzählte und von starken Jugenddarstellern getragene Coming-of-Age-Geschichte ist, sorgte Julian Radlmaier mit «Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes» für den originellsten Film des Wettbewerbs. Ein SPIELfilm im wahrsten Sinne des Wortes ist dem 33-jährigen Deutschen, der selbst auch eine Hauptrolle spielt, damit gelungen.

Mit viel Selbstironie verarbeitet Radlmaier aus der Sicht eines Windhunds, in den er verwandelt wurde, seine Situation als politischer Filmemacher, der von der Wohlfahrt lebt. Weil er für eine junge Kanadierin schwärmt, ihr das aber nicht direkt zu sagen wagt, erklärt er ihr, dass er sie in seinem nächsten Film besetzen will und dazu mit ihr gemeinsam Recherchen als Erntehelfer auf einer Apfelplantage machen müsse.

Dort treffen Radlmaier und die Kanadierin aber nicht nur auf die beiden gefeuerten Museumsangestellten Hong und Sancho sowie eine resolute Chefin, sondern bald auch auf eine stumme Reinkarnation von Franz von Assisi.

Fern von jedem Realismus ist dieser im 4:3 Format gedrehte Film, sondern spielt in sorgfältig kadrierten Einstellungen und mit herrlich schrägen Figuren, die bewusst emotionslos ihre Dialoge sprechen und Ideenträger statt Charaktere sind, lustvoll mit den Ideen der jungen Linken von der Veränderung der Gesellschaft, von Kapitalismus und Revolution und einem Kommunismus ohne Kommunisten durch, bis sich die Handlung wieder selbst als Film Radlmaiers erweist.

An Pasolinis «Große Vögel, kleine Vögel» erinnert dieser Film in seiner spielerisch leichten Verbindung von politischem Gehalt und Witz, passt in keine Schublade und steht nicht nur im deutschen Kino ziemlich singulär da.

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