Revolutionär und Ministerpräsident – Kurt Eisner

12.05.2017

12.05.2017 bis 08.10.2017  Münchner Stadtmuseum

«Die hundert Tage der Regierung Eisners haben mehr Ideen, mehr Freuden der Vernunft, mehr Belebung der Geister gebracht, als die fünfzig Jahre vorher. Sein Glaube an die Kraft des Gedankens, sich in Wirklichkeit zu verwandeln, ergriff selbst Ungläubige.» (Heinrich Mann in seiner Gedächtnisrede anlässlich der Trauerfeier für Kurt Eisner im Münchner Odeon am 16. März 1919)


Das Münchner Stadtmuseum fokussiert die Ausstellung zum 150. Geburtstag von Kurt Eisner (Berlin 1867-München 1919) auf den publizistischen und politischen Werdegang einer charismatischen, noch heute von unterschiedlichen Interessengruppen vereinnahmten Persönlichkeit. Die biografische Darstellung bildet den Auftakt zu einer Reihe von Veranstaltungen, mit denen die Landeshauptstadt München 2018 / 2019 den historischen Ereignissen der Revolution nachspüren wird.

Bis in die 1990er-Jahre, man kann sagen bis zur Veröffentlichung der Biografie von Bernhard Grau (München, 2001), die die gesamten historischen Quellen zu Kurt Eisners Leben auswertete, hielt sich im historischen Gedächtnis nachhaltig dessen Beurteilung als Idealist und Utopist, als ein Mann, der von Politik nichts verstand. Die Ausstellung hingegen nutzt die Gelegenheit, den gesamten Lebensweg Eisners aufzubereiten und die ca. 105 Tage der Regierung Eisner an der Spitze des Volksstaates Bayern zu thematisieren. Sie zeigt Kurt Eisner als engagierten Journalisten und Politiker und macht so seinen Weg vom «Gefühlssozialisten» zur prägenden Persönlichkeit der Revolution vom November 1918 nachvollziehbar.

Während der Tod Eisners zunächst eine allgemeine Betroffenheit auslöste, brachen die Trennlinien einer zukünftigen Entwicklung wieder sehr bald auf. Die Ausstellung erzählt in Schlaglichtern diese bis Mai 1919 währende Zeit der Auseinandersetzungen um die Frage «repräsentativer Parlamentarismus oder Räterepublik». Die Darstellung einzelner Schicksale daran Beteiligter vertiefen das Geschehen zusätzlich.

Geboren am 14. Mai 1867 in Berlin wuchs Eisner in einer bürgerlich-jüdischen Kaufmannsfamilie auf. Sein Studium der Philosophie, Geschichts- und Literaturwissenschaft an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin musste er aus finanziellen Gründen aufgeben, da das elterliche Unternehmen der großen wirtschaftlichen Depression nach dem Gründerkrach 1873 schrittweise nicht mehr standhielt. Eisner begann eine journalistische Laufbahn beim Depeschenbüro «Herold» in der Hauptstadt des Deutschen Kaiserreichs und gelangte 1893 über ein Engagement bei der «Frankfurter Zeitung» nach Marburg, wo er in die Redaktion der «Hessischen Landeszeitung» eintrat.

In dieser Übergangszeit verfasste er 1891 / 1892 mit dem Buch «Psychopathia spiritualis. Friedrich Nietzsche und die Apostel der Zukunft» eine erste kritische Bestandsaufnahme von politischen und sozialen Zeiterscheinungen, die sein links-liberales und an der Kantischen Ethik geschultes Denken empörten. Die Ausstellung setzt Eisners kritische Bilanz der Jahre zwischen der Gründung des Deutschen Kaiserreiches 1870 und der Wiederzulassung der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) 1890 als öffentlich wirksame politische Bewegung anschaulich um und thematisiert Eisners wachsendes Interesse an der damals so genannten «Sozialen Frage»: dem zahlenmäßigen Anwachsen eines neuen Industrieproletariats und die sich daraus ergebenden sozialen Spannungen innerhalb eines Vier-Klassen-Herrschaftssystems.

Als freier Journalist verfasste Kurt Eisner neben seiner Tätigkeit bei der «Hessischen Landeszeitung» zeitkritische Artikel für überregional erscheinende Magazine. Mit spitzer Feder glossierte er darin das Ringen bürgerlicher, wirtschaftlicher und politischer Gruppierungen um ihren Anteil an gesicherten Positionen und Einflussmöglichkeiten innerhalb des von der Regierung Kaiser Wilhelm II. dominierten Machtstaates. Das brachte ihm 1898 einen Gefängnisaufenthalt im Berliner Zuchthaus Plötzensee ein. In dieser Zeit vertiefte Eisner sich erneut in die Schriften des Philosophen der deutschen Aufklärung, Immanuel Kant, und entdeckte in der zuvor gründlich von ihm wahrgenommenen sozialen und politischen Theorie der Marburger Schule des Neukantianismus ein sein Denken und Handeln prägendes Konzept für die Verbindung von sozialer Reform und radikaler politischer Umgestaltung.

Auf diese Weise kehrte er sich vom politischen Liberalismus ab und fand zur Sozialdemokratie, in der er schon ab 1888 einen Adressaten seines Denkens zu entdecken begonnen hatte: «Wir müssen uns zur Socialdemokratie flüchten, selbst wenn wir ihre wirtschaftlichen und taktischen Grundanschauungen nicht teilen. Sie ist die einzige Zuflucht aller Idealisten, um sie kreisen die Sympathien der Gesund-Gebliebenen [….] Und wenn sie selbst kein anderes Verdienst hätten, diese Socialdemokraten, als daß sie die Massen organisieren, sie zu bestimmten Gedanken erziehen und dergestalt aus dem dunklen Chaos mit seinen unberechenbaren Explosionen eine in gesetzlichen Bahnen sich bewegende geordnete Welt schaffen, deren Ideen man kennt und mit deren Handlungen daher die Cultur rechnen kann, wenn sie nichts besäßen als dieses Glück rücksichtsloser Ansprache und diesen opferwilligen Mut der Ueberzeugung, es genügte, mit ihnen zu sympathisieren, selbst wenn man ihre Grundanschauungen nicht teilte. Man wird nie das Bedürfnis haben, sie zu bekämpfen, höchsten sie zu reformieren.»

Mit publizistischen Äußerungen dieser Art hatte Eisner in den 1890er-Jahren innerhalb der SPD auf sich aufmerksam gemacht und wurde als geschätzter, treffsicher argumentierender Journalist nach Ablauf seiner Haftzeit vom damaligen Chefredakteur und Mitglied des Parteivorstandes Wilhelm Liebknecht in die Redaktion des sozialdemokratischen Zentralorgans «Vorwärts» nach Berlin geholt. Zum 1. Dezember 1898 trat er in die SPD ein. Allerdings unterschied sich die an Kant geschulte Weltanschauung Eisners sowohl von der an Karl Marx orientierten «Materialistischen Geschichtsauffassung», wie sie von der links-orthodoxen Parteilinie vertreten wurde, als auch vom sogenannten «Revisionismus» innerhalb des rechten Parteiflügels der SPD. Der offiziellen Parteiideologie hielt er eine «Politik des demonstrativen Nichtstuns vor», weil sie die Revolution auf Grund der sich historisch zuspitzenden Klassengegensätze als zwangsläufiges, von selbst eintretendes Ereignis propagierte. Dem«Revisionismus» warf er vor, nicht konsequent mit dem herrschenden System brechen zu wollen.

Eisners Idee von einem demokratischen Sozialismus, den er als einen dritten Weg gegenüber den traditionellen Zielvorgaben der SPD-Politik verstand, war handlungsorientiert und auf die offensive Gestaltung einer Streitkultur innerhalb der Partei und gegenüber den konkurrierenden Machtgruppierungen gerichtet. Damit lag er quer zu den in seiner Partei gepflegten Formen politischer Argumentation und taktischem Durchsetzungswillen. Der Redakteur des «Vorwärts» geriet damit in Widerspruch zu allen in der SPD vertretenen Vorstellungen und musste 1905 das Zentralorgan verlassen. Eine letzte Provokation zu diesem Abschied stellte Eisners Zusammenarbeit mit dem französischen Sozialistenführer Jean Jaurès dar, mit dem er eine gemeinsame Friedensdemonstration in Berlin gegen die 1905 virulente Krisenpolitik Kaiser Wilhelm II. in Marokko vereinbart hatte. Damit setzte Eisner einen Akzent, der nicht nur die Parteiführung brüskierte, sondern auch auf die Bedeutung der Außenpolitik für die internationale sozialistische Bewegung hinwies.

In seiner ca. drei Jahre währenden Zeit als Redakteur bei der «Fränkischen Tagespost» wandte sich Kurt Eisner verstärkt der praktischen politischen Bildungsarbeit zu, überwand seine Scheu vor öffentlichen Auftritten, trat als Redner an die Öffentlichkeit und erstrebte sogar ein Mandat für die Reichstagswahl 1912. Als Zielvorgabe seiner journalistischen und propagandistischen Arbeit sah er die Einleitung eines beständigen Prozesses zur «Revolutionierung der Köpfe» an, ein Bildungskonzept zur Realisierung der sozialen und politischen Emanzipation des Proletariats, das auf die Aufklärung und Selbsterziehung der Massen abzielte und zur revolutionären Tat befähigen sollte. Dabei unterschied Eisner die Möglichkeiten hierzu nur graduell. Indem er in der notwendigen politischen Gegenwartsarbeit einen Schritt in diese Richtung als «Vorklang» zur sozialistischen Umwälzung verstand, sah er in der damit permanent gesteigerten Bereitschaft zur endgültigen Überwindung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung das Ziel.

1910 ging Kurt Eisner als freier Mitarbeiter zum SPD-Blatt «Münchner Post» in die bayerische Landeshauptstadt. Dort war er für die Landtagsberichterstattung zuständig und pflegte einen engen Kontakt zum Chefredakteur und Parteigenossen Adolf Müller. Parallel hierzu gab er in Privatinitiative die Nachrichtenkorrespondenz «Arbeiterfeuilleton» heraus, deren Artikel reichsweit von zahlreichen Zeitungsredaktionen nachgedruckt wurden. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges folgte Eisner Informationen aus seinem Parteiumfeld und schloss sich zunächst der Befürwortung eines von Militär und Kaiserhaus behaupteten, deutschen Verteidigungskrieges an, da auch er, wie die sozialistische internationale Arbeiterbewegung insgesamt, die Gefahr vom russischen Zarenreich ausgehen sah. Allerdings änderte er durch gründliches Aktenstudium schon Ende August seine Meinung und begann ab Herbst 1914 gegen die Kriegsführung des Deutschen Reiches zu arbeiten. Dabei fand er in der SPD keinen Rückhalt, da diese sich dem sogenannten «Burgfrieden» der Parteien als Stillhalteabkommen mit der Reichsregierung angeschlossen hatte.

Eisner suchte deshalb Kontakt zur Antikriegsopposition innerhalb und außerhalb der SPD. Im April 1917 wurde er Mitglied der neu gegründeten Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD), die sich für den sofortigen Friedensschluss ohne territoriale Annexionen einsetzte. In München wirkte er bereits seit 1916 als Integrationsfigur an der Seite junger Sozialisten und Sozialistinnen. Die jungen Arbeiterinnen und Arbeiter, darunter auch verwundete Kriegsheimkehrer, lehnten sich gegen die Bevormundung der sozialdemokratischen Mutter-Partei auf. Sie wollten keinen Krieg. Kurt Eisner gelang es, sie für eine wichtige Protestaktion auf dem Weg zur Revolution zu gewinnen: den Januarstreik der Münchner Rüstungsbetriebe 1918. Der Historiker Günter Gerstenberg hat für die Ausstellung ein Tableau entworfen, das die Orte des Geschehens, den Verlauf der Demonstrationen und die beteiligten Streikaktivisten und -aktivistinnen miteinander in Beziehung setzt.

Eisner wurde als einer der Streikführer verhaftet und kam erst kurz vor Ausbruch der Revolution im Oktober 1918 als nominierter Spitzenkandidat der Münchner USPD aus der Untersuchungshaft. Die Tage vor der Erhebung waren geprägt von Parteiversammlungen und öffentlichen Kundgebungen, auf denen Eisner für Frieden und Revolution sprach. Am 7. November folgten die auf der Theresienwiese versammelten Arbeiter und Soldaten der sich Bahn brechenden Bereitschaft zum Umsturz. Noch in der gleichen Nacht proklamierte Eisner die Gründung der Bayerischen Republik. Damit wurde er der erste Ministerpräsident des Volksstaates Bayern und regierte mit seinem Kabinett in Kooperation mit den in Selbstverwaltung tagenden Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräten.

Kurt Eisner war im Kabinett zur Zusammenarbeit mit der Mehrheitssozialdemokratischen Partei (MSPD) bereit, die dessen politische Ziele jedoch nur sehr bedingt akzeptierte und auf baldige Neuwahlen zum Bayerischen Landtag und zur Nationalversammlung drängte. Gleichzeitig brachte er mit seinen außen- und friedenspolitischen Vorstellungen und Aktivitäten bürgerlich-konservative und politisch stark rechts stehende Gruppierungen gegen sich auf. Als dritte politische Kraft trat die Linksopposition in Konkurrenz zu Eisners Rätekonzept, da die Revolution ihrer Ansicht nach erst mit der institutionalisierten Räteherrschaft vollendet werden könne.

Als sich Kurt Eisner am 21. Februar 1919 auf den Weg zum Bayerischen Landtag begab, um wegen der verlorenen Landtagswahl seinen Rücktritt zu erklären, wurde er von Anton Graf von Arco auf Valley erschossen. Arco gehörte zum Umfeld der radikal nationalistischen, antisemitischen «Thule-Gesellschaft».


Revolutionär und Ministerpräsident – Kurt Eisner (1867-1919)
12. Mai bis 8. Oktober 2017

Münchner Stadtmuseum
St.-Jakobs-Platz 1
D-80331 München
T: 0049 (0)89 233 22370
F: 0049 (0)89 233 25033
E: stadtmuseum@muenchen.de
W: http://www.muenchner-stadtmuseum.de


Öffnungszeiten

Di bis So 10 - 18 Uhr
montags geschlossen

 


  • 'Wählt die Vertreter der Unabhängigen Sozialdemokratie!', Plakat der USPD zur Reichstagswahl im Januar 1919, Farblithografie; © Münchner Stadtmuseum
  • Fritz Schaefler (1888-1954): Kurt Eisner I, Holzschnitt nach einer Fotografie von Germaine Krull, März 1919; © Münchner Stadtmuseum
  • Felix Fechenbach: Der Revolutionär Kurt Eisner. Aus persönlichen Erlebnissen, Verlag J.H.W. Dietz Nachf., Berlin 1929; © Münchner Stadtmuseum
  • Germaine Krull: Kurt Eisner, Fotografie, vor Februar 1918; © Münchner Stadtmuseum
  • Franz Hartl: 'Die Reaktion marschiert!' Ministerpräsident Kurt Eisner in Begleitung seiner Frau und dem Sekretär Felix Fechenbach auf der Rätedemonstration in München am 16. Februar 1919, Fotografie; © Münchner Stadtmuseum
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