"Carl Laemmle presents" – Von Laupheim nach Hollywood

01.05.2017 Walter Gasperi

Der 1867 im schwäbischen Laupheim geborene Carl Laemmle gilt als Erfinder Hollywoods. Mit Universal schuf er eines der großen Filmstudios, engagierte sich aber auch leidenschaftlich für die Rettung von Juden vor dem Nationalsozialismus. Das Haus der Geschichte Baden-Württemberg in Stuttgart erinnert bis 30. Juli mit einer Ausstellung an den 1939 verstorbenen Filmpionier.


Mit 17 Jahren wanderte der am 17. Januar 1867 als zehntes Kind eines jüdischen Viehhändlers in Laupheim bei Ulm geborene Karl Lämmle in die USA aus. Nichts ist bekannt über die Gründe seiner Emigration, nichts hielt ihn jedenfalls mehr nach dem Tod seiner Mutter in seiner Heimat und so bestieg er am 28. Januar 1884 mit seinem Freund Leopold Hirschfeld in Bremerhaven den Dampfer «Neckar», der 16 Tage später mit den beiden Teenagern an Bord in New York anlegte.

50 Dollar hatte Carl Laemmle – wie er sich nun mit amerikanisiertem Name nannte – in der Tasche. Er schlug sich mit Gelegenheitsjobs wie Zeitungs-Austräger, Laufbursche für einen Drugstore und Erntehelfer durch, ehe er eine feste Stelle als Buchhalter in einem kleinen Textilunternehmen in Oshkosh, Wisconsin bekam.

Mit 40 Jahren wollte er sein eigenes Unternehmen haben, mit 39 hatte er immerhin 3000 Dollar gespart, als er in Chicago eine lange Schlange von Leuten vor einem Haus entdeckte. Erstmals sah er so 1906 nicht nur einen kurzen Film, sondern auch wie die Menschen darauf reagierten. Sofort erkannte er, dass damit ein Geschäft zu machen war.

Statt ein Kaufhaus zu eröffnen, setzte er auf das Nickelodeon, errichtete aber statt einer schmuddeligen Vorführbude das komfortable Lichtspielhaus «White Front Theatre». Nur fünf Cent betrug der Eintritt für das jeweils 20-minütige Programm, doch bei 214 Plätzen und fast 4000 Zuschauern pro Tag nahm er 180 Dollar ein.

Nur zwei Monate später eröffnete Laemmle ein zweites Kino und bald besaß er 50 Kinos. Gleichzeitig begann er aber auch die Filme an andere Kinobesitzer zu verleihen und weil die Nachfrage nach Filmen groß war, begann er auch selbst zu produzieren. 1909 kam mit dem Indianer-Epos «The Song of Hiawatha» sein erster Film auf den Markt. Das Insert «Carl Laemmle presents» sollte von nun an alle seine Filme eröffnen.

Mit seinem wachsenden Unternehmen machte er sich aber Thomas Alpha Edison zum Feind, der den Markt kontrollieren wollte, indem er die acht größten Filmproduzenten zu einem Monopol zusammenschweißte. Laemmle wollte «frei» bleiben und bildete 1912 durch den Zusammenschluss seiner Firma Independent Picture Company of America (IMP) mit sechs weiteren Unternehmen einen Gegenpol zu Edisons Imperium. Aufgrund der Hoffnung, dass dieser Zusammenschluss die Firma zur größten im Universum machen werde, nannte er sie «Universal Film».

Während andere Studios ihre Filme noch nicht über Schauspieler bewarben, entdeckte Laemmle die Zugkraft von Namen und baute Mary Pickford und Florence Lawrence zu den ersten Stars auf. Doch wenig Freude hat er mit den Produktionsbedingungen in New York, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch das Zentrum der amerikanischen Filmindustrie war.

Weil in Kalifornien das Wetter besser und stabiler, zudem der Einfluss der Gewerkschaften geringer und Arbeitskräfte billiger waren, kaufte er im San Fernando Valley für 165.000 Dollar eine Hühnerfarm mit 170 Hektar Land. Als großes Spektakel inszenierte er am 15. März 1915 die Eröffnung des Studios, ließ zur Unterhaltung der 20.000 Zuschauer sogar – ausgerechnet im wasserarmen Kalifornien – einen Staudamm sprengen.

Als Geburtsstunde Hollywoods gilt diese Gründung von Universal City, in dem bald spektakuläre Kulissen von den Pyramiden bis zur Pariser Kathedrale Notre-Dame entstanden. Große Unterhaltungsfilme von «20,000 Leagues Under the Sea» (Stuart Paton, 1916) über «The Hunchback of Notre Dame» (Wallace Worsley, 1923) bis zu «The Phantom of the Opera» (Rupert Julian, 1925) zählten zu den erfolgreichsten Produktionen Laemmles in der Stummfilmzeit.

Aber auch politisches Engagement zeigte der gebürtige Schwabe in seinen Filmen, wenn er nach Kriegseintritt der USA in den Ersten Weltkrieg antideutsche Propagandafilme produzierte wie «The Kaiser, the Beast of Berlin» (Rupert Julian, 1918), in dem Wilhelm II. als gierig, arrogant und tyrannisch gezeichnet wird, oder «The Heart of Humanity» (Allen Holubar, 1918), in dem Erich von Stroheim einen brutalen deutschen Offizier spielt, der eine Rotkreuzschwester vergewaltigen will.

Gleichzeitig blieb Laemmle seiner deutschen Heimat aber immer verbunden, besuchte in den 1920er Jahren mehrfach Laupheim und spendete große Beträge für den Bau einer neuen Schule, eines Schwimmbads und des Waisenhauses. Mit Aufkommen der Nationalsozialisten änderte sich aber auch in Laupheim die Stimmung gegenüber dem berühmten jüdischen Emigranten: Eine Straße, die in den 1920er Jahren nach ihm benannt worden war, wurde 1933 wieder umbenannt – nun in Schlageter-Straße, benannt nach dem 1923 hingerichteten nationalsozialistischen Terroristen Albert Leo Schlageter.

Als Korrektur des negativen Bildes der Deutschen, das er in den Propagandafilmen während des Ersten Weltkriegs gezeichnet hatte, sah er «All Quiet on the Western Front» (Lewis Milestone, 1930). Als wichtigsten Film seiner Karriere bezeichnete Laemmle diese Verfilmung von Erich Maria Remarques Roman, für die er als Produzent 1930 auch den Oscar für den besten Film erhielt.

Gleichzeitig führte dieser Klassiker des Antikriegsfilms aber aufgrund seiner pazifistischen Haltung in Deutschland auch zu heftigen Kontroversen und von den Nationalsozialisten angestifteten Tumulten. Diese Proteste veranlassten Laemmle zu Kürzungen nicht nur in der deutschen Fassung, sondern weltweit, da die (noch) demokratische deutsche Regierung ein Gesetz erließ, wonach Hersteller von «deutschfeindlichen» Filmen in Deutschland keine Geschäfte mehr machen durften.

Erfolge feierte Universal in dieser Zeit nach der Weltwirtschaftskrise vor allem mit den klassischen Horrorfilmen wie «Dracula» (Tod Browning, 1931) und «Frankenstein» (James Whale, 1931), die aber schon von Laemmles Sohn produziert wurden. Als dieser sich als ungeeignet für die Aufgabe des Studiochefs erwies, übernahm der Vater zwar wieder die Leitung, musste aber 1936 die Firma verkaufen.

In den Mittelpunkt rückten so in seinen letzten drei Lebensjahren humanitäre Aufgaben, denn mit zahlreichen «Affidavits» genannten Bürgschaften, in denen er garantierte, für das Leben der entsprechenden jüdischen Familien zu sorgen, konnte er zahlreichen jüdischen Familien aus Laupheim und anderen deutschen Städten die Emigration in die USA ermöglichen und sie somit vor dem sicheren Tod in den Konzentrationslagern retten. Zudem forderte er aber auch zahlreiche andere prominente Amerikaner auf, solche Bürgschaften zu übernehmen.

Laemmle starb am 24. September 1939 im Alter von 72 Jahren nach drei Herzinfarkten in seinem Haus in Beverly Hills. – Lange brauchte es bis Laupheim sich an diesen zwar nur 1,55 Meter großen, aber bedeutenden Mitbürger erinnerte und das Gymnasium, einen Platz und einen Brunnen, bei dem das Wasser sinnigerweise aus einem Filmprojektor sprudelt, nach ihm benannte und im Museum zur Geschichte von Christen und Juden mit einer Dauerausstellung an ihn erinnert.

In der aktuellen Ausstellung im Haus der Geschichte Baden Württemberg in Stuttgart werden in fünf Studios anhand von fünf Geburtstagen Laemmles Wegmarken in seinem Leben dargestellt. Der Bogen spannt sich von «Der Deutsch-Amerikaner», in dem Laemmle im Spannungsfeld von USA und Deutschland beleuchtet wird, über «Der Gründer» und «Der Global Player» bis zu «Der Patriarch», in dem Laemmles Familie und seine Filmstars vorgestellt werden, und «Der Retter», in dem Einblick in seinen Einsatz für deutsche Jugend geboten wird. – Zur Ausstellung ist auch ein umfangreicher Katalog erschienen.

Spot zur Ausstellung

weiterführende Links:

Carl-Laemmle-Ausstellung

  • Carl Laemmle 1934 (c) Haus der Geschichte Baden-Württemberg
  • Universal Studios in den 1920er Jahren
  • The Hunchback of Notre Dame (Wallace Worsley, 1923)
  • The Heart of Humanity (Allen Holubar, 1918)
  • Filmplakat von "All Quiet on the Western Front" (1930) (c) Museum zur Geschichte von Christen und Juden Laupheim)
  • Carl Laemmle bekommt für "All Quiet on the Western Front“ 1930 den Oscar aus den Händen von Louis B. Mayer (l.) (c) Museum zur Geschichte von Christen und Juden Laupheim
  • "Frankenstein" (James Whale, 1931) mit Boris Karloff (c) Deutsche Kinemathek
  • Plakat zur Ausstellung
  • Blick in die Ausstellung

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.