Die neue Gretchenfrage

17.04.2017 Kurt Bracharz

Die Central European University (CEU) ist eine feine, kleine Elite-Universität im Zentrum von Budapest. Der Campus umfasst historische und ultramoderne Gebäude, die Anzahl der Studenten beläuft sich auf etwas über 1400 (zum Vergleich: Wiener Universität 94.000), das akademische Ansehen der CEU ist sowohl unter ungarischen Intellektuellen als auch im Ausland hoch.


Für Victor Orban weist die CEU allerdings zwei grundlegende Makel auf: Sie vertritt liberale Ideen und sie wird von einem Juden finanziert. Gegen liberale Ideen wie die von einer «Offenen Gesellschaft» kann Orban ganz offen auftreten, seit er 2014 unmissverständlich formuliert hat, dass er Ungarn zu einem «illiberalen Staat» machen will, und die Schließung der CEU ist ein natürlicher Schritt auf dem Wege dorthin. Über den in Ungarn geborenen Juden George Soros (ursprünglich György Schwartz), heute einer der bekanntesten Multimilliardäre, mag Orban sich derzeit vielleicht nicht unmittelbar antisemitisch äußern, obwohl er schon vor zwanzig Jahren politische Gegner gern «fremdartig» und «fremdherzig» nannte, die Ungarn-Mythen der Pfeilkreuzler beschwor und vor sechs Jahren nichts richtig stellte, als ein Fidesz-Funktionär verzapfte, dass die Juden die ungarische Nation aufkaufen wollten und israelische Schüler bereits Ungarisch lernten, um dann die Schlüsselpositionen besetzen zu können.

Jetzt erzählt Orban lieber, dass Soros eine Million Flüchtlinge pro Jahr nach Europa bringen will und die Migration mittels von ihm geförderter NGOs und anderer Organisationen ankurbelt, weil er die ethnische Homogenität von Nationalstaaten verhindern will. Das geht natürlich nicht in einem Ungarn, in dem laut Orban sich «das Vaterland unmöglich in der Opposition befinden kann» und eine «dauerhafte, große Regierungspartei» verhindern soll, dass «dauernde Wertedebatten die Gesellschaft» teilen: «Ein zentrales Kraftfeld, das fähig ist, sich der nationalen Sache anzunehmen – das nicht in ständigen Streit verfallen ist, sondern sich durch seine eigene Natürlichkeit vertritt.» Die eigene Natürlichkeit dieses Kraftfeldes, zu dem auch Jobbik, die «Bewegung für ein besseres Ungarn» gehört, hat zwar bereits zur Ermordung einiger Zigeuner geführt; gegen Soros’ Aktivitäten wird mit weniger brachialen Mitteln vorgegangen, da sind die alten Nazi-Parolen von der Wühlarbeit des internationalen Judentums gerade passend.

Wie hältst du’s mit George Soros, heißt die moderne Version der Gretchenfrage. Über eine Ablehnung aus antisemitischen Gründen muss man nicht erst diskutieren, der Antisemitismus ist nach wie vor der Antikapitalismus der Dummköpfe, aber ist Soros denn nicht als Börsenspekulant zum Milliardär geworden? Doch, ist er, aber seine Fonds waren nie betrügerische Schneeballsysteme wie etwa jenes von Bernard Madoff, Soros hat korrekt nach den Spielregeln des Kapitalismus gezockt und der galt unter verschiedenen Decknamen Jahrzehnte lang als das richtige und angemessene Wirtschaftssystem des «freien Westens».

Das würde wohl auch Donald Trump so sagen, wenn er es formulieren könnte, und der ist stolz darauf, Jahre lang infolge legaler Steuertricks keine Steuern bezahlt zu haben. Soros hat übrigens Hillary Clinton unterstützt und Trump einen «Blender, Hochstapler und Möchtegern-Diktator» genannt. Zumindest diese Einschätzung kann mittlerweile fast ein jeder mit ihm teilen, von einigen Möchtegern- und echten Diktatoren einmal abgesehen.


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