Sigurd Leeder – Spuren des Tanzes

05.05.2017

05.05.2017 bis 30.07.2017  Museum für Gestaltung – Schaudepot

Tanz ist eine flüchtige Kunstform. Doch sie hinterlässt Spuren der Erfahrung, die weiterwirken. Vom international tätigen Tänzer, Pädagogen und Choreografen Sigurd Leeder (1902-1981) ist eine Vielfalt solcher Spuren fassbar. Mit Fotos, Filmen, Kostümen und Tanznotationen zeigt die Ausstellung die Lebendigkeit von Leeders Schaffen – vom expressionistischen Tanz der 1920er- Jahre bis zur Aktualität seines tänzerischen Erbes im 21. Jahrhundert.


Frühe Fotos lassen den jungen Sigurd Leeder als Teil der Reformbewegung des Ausdruckstanzes erscheinen. Doch solche Begriffe lehnte er stets ab. Eine Tanzform ohne Ausdruck konnte er sich ohnehin nicht vorstellen, und kunsttheoretische Debatten passten nicht zu seinem introvertierten Temperament. Ihn interessierte die Frage, wie durch Bewegung Bedeutung gestaltet und Emotionalität übertragen werden kann. Solches Arbeiten galt ihm als künstlerische Möglichkeit, die nicht an einen Epochenstil gebunden ist. Die Einheit von Tanzwerk und Tänzer – als Solist und im Duo mit Kurt Jooss, dem späteren Gründer und Leiter der «Ballets Jooss» – gehörte aber durch-aus in den Kontext des expressionistischen Ausdruckstanzes der Zwischenkriegszeit. Und diese Tanzerfahrung war die Basis für eine Erweiterung nach vielen Seiten.

Sigurd Leeder studierte zunächst an der Hamburger Kunstgewerbeschule Grafik, bevor er auf autodidaktischem Weg zum Tänzer wurde. Jooss machte ihn mit den Ideen Rudolf von Labans vertraut, der mit seinen ab 1920 erscheinenden Büchern das Selbstverständnis aller Ausdruckstänzer entscheidend prägte. Inspiriert durch dessen Theorien zur Formgebung im Raum (Choreutik) und zur dynamischen Ausdruckslehre (Eukinetik), entwickelte das Paar in langjähriger Zusammenarbeit an der Folkwangschule Essen und ab 1934 in England eine neue Methode der Tanzerziehung. Leeder wurde zum passionierten Pädagogen, erarbeitete in der Unterrichtspraxis ein ausgereiftes Fundament. Die Schülerschar inspirierte er durch spontane, suggestive Bildvorstellungen und weckte deren eigene Kreativität.

1947 gründete er die Sigurd Leeder School of Dance in London. Und ab 1964 gab er seine immensen Erfahrungen in Herisau weiter. Zu Leeders frühen Schülern zählt unter anderem Hans Züllig, erfolgreicher Solotänzer und später Pädagoge und langjähriger Trainingsleiter beim Tanztheater Wuppertal von Pina Bausch. Leeder benutzte im Unterricht eigene Etüden. Choreografiert im Zwischenbereich zwischen Kurzstücken und Bewegungsübungen, bezogen sie heterogene Bewegungselemente aufeinander und wurden – eine weitere Besonderheit von Leeders Pädagogik – schriftlich festgehalten. Mit Jooss war Leeder seit 1928 an der Entstehung und Entwicklung einer Tanznotation beteiligt, nach ihrem Initianten «Kinetografie Laban» oder «Labanotation» genannt. Und Notation blieb immer ein wichtiges Fach im Unterricht. Tanzschriftlich festgehalten sind auch viele Choreografien für Schulvorstellungen.

«Danse macabre», das zentrale Werk des Tanzpioniers, entstand 1935 im englischen Exil in Dartington Hall. Probenfotos, Filmaufnahmen, Kostüme und eine vollständige Bewegungs-Partitur machen das Zusammenspiel von Choreografie, Pädagogik, Interpretation und Verschriftlichung sichtbar. In der Ausstellung werden die vielfältigen historischen Dokumente mit zwei aktuellen Videos konfrontiert: einer Rekonstruktion von «Danse macabre» durch die französische Choreografin Anne Collod (2013) sowie eine zukunftsweisende Auseinandersetzung von Karin Hermes – Trägerin des Schweizer Tanzpreises 2016 im Bereich «Kulturerbe Tanz» – mit Leeders später Arbeit «Mobile» (2017). Zudem tanzt sie an der Vernissage aus Werken von Sigurd Leeder, zusammen mit Marco Volta und Studierenden des Studiengangs «Contemporary Dance» der ZHdK.


Sigurd Leeder – Spuren des Tanzes
5. Mai bis 30. Juli 2017

Museum für Gestaltung – Schaudepot
Toni-Areal, Pfingstweidstrasse 96
CH-8005 Zürich
T: 0041 (0)43 446 67 67
E: welcome@museum-gestaltung.ch
W: www.museum-gestaltung.ch


Öffnungszeiten

Di bis So 10 – 17 Uhr
Mittwoch 10 – 20 Uhr

 


  • Expressivität und Klarheit der Formgebung: Ueli Kohlers Interpretation von Sigurd Leeders Choreografie *Mobile*, 1975. Foto: Sigurd Leeder, © Schweizer Tanzarchiv
  • Sigurd Leeder mit Tamburin beim mitreissenden Unterrichten an der Sigurd Leeder School of Dance, London, um 1950. © Schweizer Tanzarchiv
  • Die Choreografie von 'Danse Macabre': Sigurd Leeders Notation in Kinetografie Laban, Publikation 1980. © Schweizer Tanzarchiv
  • Folkwangschule Essen: Sigurd Leeder unterrichtet im Ikosaeder eine Schräge im Raum, 1930. © Schweizer Tanzarchiv
  • Ausdruckstanz in geballter Spannung: Sigurd Leeder in seinem frühen Solo "Nachtstück", 1926. Foto: Kurt Jooss, © Jooss Estate
Museum für Gestaltung – Schaudepot
Toni-Areal, Pfingstweidstrasse 96
CH-8005 Zürich
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W: www.museum-gestaltung.ch


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