Per Kriegstrommel angekündigt

10.04.2017 Kurt Bracharz

Momentan sind nicht nur in den USA keine guten Zeiten für seriösen Journalismus. Nehmen wir zum Beispiel «Die Presse» vom Freitag, den 7. April. Der Leitartikel von Martin Gehlen hieß «Warum Trump die Kriegstrommel rührt» und war eine angenehm unaufgeregte und fundierte Analyse der Erwartungen, die man nach Trumps Drohung mit «Konsequenzen» wegen des Giftgasangriffs auf die Stadt Khan Sheikhoun haben konnte.


Es wurden drei Gründe für einen US-Militärschlag aufgezählt (deutliche Antwort auf Assads Provokation, intensivierte militärische US-Präsenz in Syrien, Ablenkung von Trumps mehrfachem innenpolitischen Scheitern) und auch, was dagegen spricht, nämlich einerseits, dass Assad sich dank russischer Rückendeckung weiterhin unbeeindruckt zeigen könnte, und andererseits: «Und auch Trumps plötzliche Drohungen könnten letzten Endes genauso folgenlos bleiben wie die Rote-Linie-Rhetorik seines Vorgängers Obama. Denn sollte die US-Armee etwa syrische Fliegerhorste bombardieren, wäre eine direkte Konfrontation mit Russland nicht mehr ausgeschlossen.»

Das konnte man, wie gesagt, am Morgen des 7. April in der «Presse» lesen, und es war je nach Gesichtspunkt amüsant oder ärgerlich, dazu etwa die Radionachrichten zu hören, die davon berichteten, dass die US-Armee in der Nacht (also nach dem Redaktionsschluss der Zeitung) einen syrischen Fliegerhorst mit Tomahawk-Marschflugkörpern beschossen hatte, so dass die Spekulationen, die andernfalls recht interessant gewesen wären, augenblicklich zu Makulatur geworden waren. Schade um die Zeit, die es gebraucht hat, den Artikel zu verfassen, wird sich der Journalist gedacht haben.

Dabei ging es diesmal vielleicht gar nicht um Trumps Sprunghaftigkeit, er hatte doch schon mehrfach erklärt, dass er militärische oder geheimdienstliche Aktionen nicht vorankündigen würde, jedenfalls nicht gegenüber den Medien; die Russen, Chinesen, Deutschen usw. hat er ja von dem Angriff vorher verständigen lassen. Wobei es wohl eher die Militärs oder der Außenminister waren, die diese Attacke so begrenzt haben, dass er eher eine symbolische Warnung als eine wirklich destruktive Militäraktion gewesen ist. Selbst die Landebahnen von Al-Shayrat sollen schon wieder einsatzfähig sein.

Vielleicht hat das aber auch damit zu tun, dass laut russisch-syrischen Angaben nur etwa ein Drittel der 59 abgefeuerten Tomahawks überhaupt ihr Ziel gefunden haben. Da hatte Reagan doch eine höhere Trefferquote, als er 1986 Ghadaffis Residenz bombardieren ließ – abgesehen davon, dass Ghadaffi wie üblich in einem Zelt in der Wüste schlief und nur Ghadaffis Frau verletzt wurde und eine fünfzehn Monate alte Adoptivtochter starb. In Tripolis und Bengasi starben bei diesem Bombardement aber mindestens sechzig Menschen.

So etwas haben der amerikanische Präsident beziehungsweise seine zuständigen Unterläufel diesmal doch recht geschickt vermieden. Dass die Amerikaner nach Obama wieder zu völkerrechtswidrigen Angriffen in Übersee bereit sind, war natürlich auch eine Botschaft an Pjöngjang. Die ist dort angekommen, ein Sprecher des Außenministeriums erwiderte: «Einige Kräfte verbreiteten großmäulig, dass die militärische Attacke der USA auf Syrien eine Warnung für uns ist. Aber wir fürchten uns nicht. Wir werden in jeder Weise unsere Kapazitäten zur Selbstverteidigung verstärken, um uns mit unseren eigenen Kräften gegen die USA verteidigen zu können.»


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