Cannes 2017: Neues von Haneke, Haynes, Coppola und Co.

14.04.2017 Walter Gasperi

17.05.2017 bis 28.05.2017  

Ein großer Name jagt den anderen im Line-up des 70. Filmfestivals von Cannes (17. bis 28. Mai 2017), aber mit Robin Campillo findet sich auch ein Debütant im Rennen um die Goldene Palme. Österreich ist mit Michael Hanekes französisch-deutsch-österreichischer Koproduktion «Happy End», Deutschland mit Fatih Akins «Aus dem Nichts» und in der Nebenreihe «Un certain regard» mit Valeska Grisebachs «Western» vertreten.


Um dem ersten Wahlgang der französischen Präsidentschaftswahl auszuweichen, der die mediale Berichterstattung in der kommenden Woche beherrschen dürfte, wurde das Hauptprogramm des Filmfestivals von Cannes eine Woche früher als üblich bekannt gegeben.

Überraschungen finden sich im Line-up kaum, die meisten nun präsentierten Titel wurden schon in den letzten Monaten und Wochen als potentielle Cannes-Kandidaten genannt – einige Namen wie die Argentinierin Lucrezia Martel, Alexander Payne, Wim Wenders oder Christopher Nolan fehlen aber doch.

Eröffnet wird das Festival mit dem neuen Film von Cannes-Stammgast Arnaud Desplechin, dessen «Ismael´s Ghosts» außer Konkurrenz läuft. Auffallend ist, dass sich im Wettbewerb mit Michael Haneke nur ein Palmen-Gewinner findet. Der Österreicher wurde mit «Happy End» eingeladen, in dem wie schon in Hanekes letztem Film «Amour - Liebe» Isabelle Huppert und Jean-Luis Trintignant Hauptrollen spielen.

Der 75-Jährige ist neben dem 1944 geborenen Jacques Doillon, der sich in seinem neuen Spielfilm «Rodin» mit dem berühmten Bildhauer Auguste Rodin beschäftigt, auch der mit Abstand älteste Regisseur des Wettbewerbs. Neben diesen beiden Altmeistern dominiert die Generation der um die 50-Jährigen das Palmen-Rennen.

Der Amerikaner Todd Haynes präsentiert hier nach «Carol»mit seiner Verfilmung von Brian Selznicks Jugendbuch «Wonderstruck» ebenso seinen neuen Film wie der schnell filmende Südkoreaner Hong Sangsoo, der nach seinem San Sebastian-Beitrag «Yourself and Yours» und dem Berlinale-Beitrag «On the Beach at a Night Alone» nun mit «The Day After» innerhalb eines Jahres seinen dritten Film auf einem großen europäischen Filmfestival vorstellt.

Wurde Cannes in den letzten Jahren mehrfach wegen der geringen Zahl von Regisseurinnen im Wettbewerb kritisiert, so finden sich heuer mit der Britin Lynne Ramsay und ihrem «You Were Never Really Here», in dem sich Joaquin Phoenix auf einen blutigen Rachefeldzug im New Yorker Menschenhandel-Milieu begibt, Sofia Coppola, die mit «The Beguiled» ein Remake des gleichnamigen Don Siegel/Clint Eastwood-Films von 1971 vorlegt, und dem Cannes-Stammgast Naomi Kawase, die auf ihren Publikumserfolg «An – Kirschblüten und Rote Bohnen» «Radiance» folgen lässt, immerhin drei Frauen im Palmen-Rennen.

Gewohnt stark vertreten ist das Gastgeberland. Michel Hazanavicius, der 2011 für «The Artist» in Cannes gefeiert wurde, am gleichen Ort aber drei Jahre später mit seiner Aktualisierung von Fred Zinnemanns «The Search» sang- und klanglos unterging, wurde mit «Le redoutable» eingeladen, in dessen Zentrum Jean-Luc Godard und sein filmisches Schaffen in den späten 1960er Jahren stehen soll.

Als dritter Franzose neben Hazanavicius und Doillon darf sich Robin Campillo, der nach Drehbüchern für mehrere Filme von Laurent Cantet, darunter für den Cannes-Sieger «Entre les murs», mit «120 Heartbesats per Minute» sein Regiedebüt vorlegt, Hoffnung auf eine Palme machen. Dazu kommt auch noch Francois Ozon, der nach dem meisterhaften «Frantz» mit «L´amant double» schon seinen nächsten Film vorstellt.

Schnell arbeitet gegenwärtig auch der Deutsche Fatih Akin. Kam gerade letzten Herbst seine Verfilmung von Wolfgang Herrndorfs Jugendbuch «Tschick» in die Kinos, so präsentiert er kaum ein halbes Jahr später mit «Aus dem Nichts» schon seinen neuen Film. Akin erzählt darin angeblich von einem Zugbegleiter, der aufgrund seines Übergewichts immer wieder die Ablehnung der Umwelt erfährt. Als er in linksradikale Kreise gerät, findet er ein Ventil für die Beleidigungen und beginnt einen Anschlag zu planen.

Lateinamerika und Afrika fehlen im Wettbewerb völlig, während aus Asien neben Kawase und Sangsoo auch der Südkoreaner Bong Joon-Ho eingeladen wurde, der mit der Netflix-Eigenproduktion «Okja» seinem famosen «Snowpiercer» einen weiteren Actionfilm folgen lässt.

Neben den Amerikanern Benny & Josh Safdie («Good Time») und Noah Baumbach («The Meyerowitz Stories»), die wie Bong Joon-Ho Newcomer im Wettbewerb von Cannes sind, starten mit dem Weißrussen Sergej Loznitza, der «A Gentle Creature» zeigt, dem Ungarn Kornél Mundruczó («Jupiter´s Moon») und dem Griechen Yorgos Lanthimos («The Killing of a Sacred Deer») drei Solitäre, die sich nicht erst seit ihren letzten Filmen («Maidan», «The Lobster», «Underdog - White God») zu den aufregendsten Regisseuren des Gegenwartskinos zu zählen sind.

Bei solch geballter Ladung großer Namen müssen sich selbst ein früherer Cannes-Sieger wie Laurent Cantet mit seinem «L´atelier» oder Mathieu Amalric mit «Barbara» mit einer Einladung in die Nebenreihe «Un certain regard» begnügen. Hier findet sich mit «Western» auch Valeska Grisebachs lange erwartetes Nachfolgeprojekt zu «Sehnsucht» und «Before We Vanish» von Kiyoshi Kurosawa, während Takashi Miikes «Blade of the Immortal» und John Cameron Mitchells «How to Talk to Girls at Parties» außer Konkurrenz laufen.

  • Ismael´s Ghosts (Arnaud Desplechin)
  • Wonderstruck (Todd Haynes)
  • The Beguiled (Sofia Coppola)
  • Le redoutable (Michel Hazanavicius)
  • L´amant double (Francois Ozon)
  • Okja (Bong Joon-Ho)

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