Call Northside 777 - Kennwort 777

27.04.2017 Walter Gasperi

69 Jahre alt ist Henry Hathaways Krimi über einen Journalisten, der einen wegen Mordes verurteilten Mann zu entlasten versucht, besticht aber immer noch durch schnörkelloses, dokumentarisch-nüchternes Erzählen. Bei Pidax Film ist der packende Klassiker auf Blu-ray und DVD erschienen.


Beeinflusst vom italienischen Neorealismus begann man auch in Hollywood nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs statt im Studio an Originalschauplätzen zu drehen. Nicht an der Westküste, sondern in Chicago spielt Henry Hathaways 1947 gedrehter Mix aus Krimi und Journalismusfilm, in dem an die Stelle des Detektivs ein Reporter tritt.

Einen dokumentarischen Touch gewinnt «Call Northside 777» schon durch den Einstieg, in dem ein Off-Erzähler über die Geschichte der Stadt informiert, bis sich der Blick über das Gangsterwesen während der Prohibition auf einen Polizistenmord im Jahre 1932 verengt. Auf Tatsachen beruht die Handlung, doch nur das Insert am Beginn weist darauf hin, denn Hathaway bemüht sich nicht um Faktizität, sondern legt vor allem Wert auf souveränes, schnörkelloses Storytelling.

Zwei Polen wurden 1932 wegen des Mordes verhaftet und aufgrund einer Zeugenaussage verurteilt, obwohl sie stets ihre Unschuld beteuerten. Elf Jahre später weckt eine kleine Anzeige unter dem Kennwort «Call Northside 777», in der 5000 $ Belohnung für Informationen geboten werden, die zur Ergreifung des wahren Mörders führen, die Aufmerksamkeit des Chefredakteurs der Chicago Times.

Dieser fordert den Reporter Jim McNeal (James Stewart) auf der Sache nachzugehen. Widerwillig sucht McNeal die Mutter des Verurteilten auf, die die Anzeige aufgab, besucht auch den inhaftierten Sohn, bleibt aber lange von dessen Schuld überzeugt.

James Stewart spielt diesen McNeal als hartgesottenen Journalisten, als Zyniker, der einzig an einer guten Story interessiert ist, die Menschen dafür ausbeutet und es an Mitgefühl missen lässt. Je mehr er sich freilich mit dem Fall beschäftigt, desto mehr kommen bei ihm Zweifel an der Schuld der Verurteilten auf. Sukzessive zerbricht so seine raue Schale und McNeal wird zum geradezu verbissenen Kämpfer für Gerechtigkeit und damit für Begnadigung des vermeintlichen Mörders.

Wird die Recherche McNeals auch durch die Aussetzung der Belohnung für die Ergreifung des wahren Täters ausgelöst, so bleibt diese Suche ganz außen vor. Für einmal geht es überhaupt nicht um die Jagd nach dem wahren Mörders, sondern einzig um die Entlastung eines Verurteilten.

Ganz ohne Action kommt Henry Hathaway dabei aus, vertraut auf trockene und dokumentarisch-nüchterne Inszenierung. Knapp gehalten ist McNeals persönlicher Background, nur in wenigen Szenen kommt seine Gattin vor. Das Puzzle, das er mit ihr dabei zusammensetzt, korrespondiert natürlich wieder bestens mit den journalistisch-kriminalistischen Recherchen, auf denen der Fokus liegt und bei denen zumindest grob fahrlässiges, wenn nicht verbrecherisches Handeln von Polizei und Justiz aufgedeckt wird.

Kompakt ist das inszeniert, dicht im realistisch gezeichneten Alltag verankert. Gleichwohl lässt sich Hathaway auch Zeit für die geradezu akribische Schilderung der Vorbereitung und Durchführung eines Tests mit Lügendetektor und zeigt auch im Finale besonderes Interesse an technischen Entwicklungen, die Polizei und Presse bei der Wahrheitsfindung unterstützen.

So schnörkelloses Kino hier auch geboten wird, so unaufdringlich kunstvoll und visuell stark ist das doch auch gemacht. Denn immer wieder lässt dieser Hollywood-Profi in langen Einstellungen, in denen er mit Blicken in lange Gänge und durch Türrahmen große Raumtiefe erzeugt und mit Bildvordergrund, -mitte und –hintergrund arbeitet, den Schauspielern und Szenen Zeit zum Atmen und dem Zuschauer Zeit zum Schauen.

An Sprachversionen bietet die bei Pidax-Film erschienene Blu-ray und DVD die englische Original- und die deutsche Synchronfassung, aber keine Untertitel, die Extras beschränken sich auf den amerikanischen Kinotrailer, eine alternative deutsche Vorspannsequenz sowie drei Trailer zu weiteren Filmen dieses Labels.

Trailer zu «Call Northside 777 - Kennwort 777»

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.