Minimalistische Filmkunst in Vollendung: Das Kino des Yasujiro Ozu

17.04.2017 Walter Gasperi

Yasujiro Ozu gilt nicht nur als der «japanischste aller Regisseure», sondern von Wim Wenders bis Jim Jarmusch vielen auch als einer - wenn nicht sogar der - größte aller Meister der Siebten Kunst. Das Stadtkino Basel widmet dem 1963 im Alter von nur 60 Jahren verstorbenen Regisseur derzeit eine Retrospektive.


53 Filme hat Yasujiro Ozu gedreht, 37 davon sind erhalten, berühmt ist vor allem sein zwischen 1949 und 1962 entstandenes Spätwerk, in dem er immer wieder auf die Familie fokussierte, von Generationenkonflikten erzählte.

In Westen wurde Ozu erst spät entdeckt, gilt er doch – im Gegensatz zum Beispiel zu Akira Kurosawa, der sich immer wieder von westlichen Autoren wie Shakespeare oder Dostojewski inspirieren ließ – als der japanischste Regisseur, geprägt aber wurde er vom amerikanischen Kino, das durch zahlreiche Filmplakate immer wieder in seinen Filmen präsent ist.

Am 12. Dezember 1903 in Tokio geboren, zog er im Alter von zehn Jahren mit seiner Mutter aufs Land. Wegen Unruhestiftung musste er das Internat verlassen und konnte so nun öfter in die Stadt fahren, um sich Filme anzusehen. Als seine Familie 1923 wieder nach Tokio zog, begann Ozu bei der Produktionsfirma Shochiku, für die er bis zu seinem Lebensende arbeiten wird, als Kamerassistent und wechselte 1926 zur Regie.

War sein Debüt «Zange no Yiaba»(«Klinge des Bekenntnisses», 1926) noch ein Jidai-geki, ein Samuraifilm, so konzentrierte er sich bald auf das Genre des in der Gegenwart spielenden Gendai-geki, im Speziellen auf das Shomin-geki, das sich mit dem Leben und den Problemen von Mittelklassefamilien beschäftigt. Bis 1936 drehte er drei Filme pro Jahre, überwiegend Komödien. Erst 1936 entstand mit «Hitori musuka» sein erster Tonfilm, sein erster Farbfilm erst 22 Jahre später mit «Higanbana» («Nirwana-Blumen», 1958).

Als «Zen-Cineast» bezeichnete die deutsche Filmkritikerin Frieda Grafe Ozu. Lakonie und Minimalismus bestimmen seine Filme, die bevorzugte Einstellungsgröße ist die distanzierte Halbtotale, auf Kamerabewegungen und Schwenks wird weitgehend verzichtet, erzählt wird in langen und weitgehend statischen Einstellungen. Typisch für Ozu ist auch die tiefe Position der Kamera, die zumeist einen Meter über dem Boden in Augenhöhe der auf der Bambusmatte knienden Menschen fixiert ist.

Ruhe und Einfachheit, eine radikale Beschränkung der Mittel, kennzeichnen seine Filme, typisch sind Einstellungen von «unbewohnten Landschaften, leeren Räumen, verschlossenen Zimmern, die für sich stehen – und doch erst in der Verbindung zu den Geschehnissen um sie herum zum Leben erwachen» (Norbert Grob) und «Szenen aus- und einatmen lassen bzw. voneinander abfedern» (Filmmuseum Wien).

Er, der nie heiratete und bis zu seinem Tod bei seiner Mutter lebte, erzählte immer wieder von Familien in Krisensituationen, von Vätern, die ihre Töchter verheiraten wollen («Banshun - Später Frühling», 1949; «Sanma no aji -Ein Herbstnachmittag», 1962), von Ehekonflikten («Ochazuke no aji - Der Geschmack von grünem Tee über Reis», 1952) oder von Eltern, die erkennen müssen, dass ihre erwachsenen Kinder inzwischen ihr eigenes Leben führen («Tokyo monogatari - Die Reise nach Tokio», 1953). So natürlich die Geschichten wirken, so stilisiert ist die Inszenierung, doch die scheinbaren Gegensätze fließen hier harmonisch ineinander.

Kontinuität gewinnt Ozus Werk auch durch die Zusammenarbeit mit einem gleichbleibenden Team. So schrieb ab 1947 zu allen seinen Filmen Kogo Noda das Drehbuch und an der Kamera stand stets Yuishun Atsuta. Dies gilt auch für die Darsteller. Sie wachsen bei ihm «aus Kinderrollen in die Elternrollen und bis in die Großelternrollen. Nach dem dritten oder vierten Ozu-Film fühlt man sich selbst mit ihnen älter werden. Gespieltes und Natur gehen ineinander über.» (Frieda Grafe)

Ozu dramatisiert nicht, zeigt schmerzliche Begegnungen und Erfahrungen, «am Ende aber ist das angenommen, was nicht zu ändern ist» (Norbert Grob). So verbreiten seine Filme laut Donald Richie «eine Art resignativer Traurigkeit, eine Stille und das Wissen um eine Gelassenheit, die trotz der Unsicherheit des Lebens und der Dinge dieser Welt fortdauert. Das heißt, daß die Welt sich weiterdrehen wird und daß Unbeständigkeit, Wechsel, die Vergänglichkeit aller Dinge auch ihre elegische Erfüllung einbringen. Wie mit der Umgebung lebt man mit der Zeit und nicht dagegen.»

Früh starb Ozu an seinem 60. Geburtstag am 12. Dezember 1963 nach langer Krebserkrankung, relativ unbekannt sind seine leisen Familiengeschichten immer noch im Westen, doch die Zahl seiner entschiedenen Verehrer ist groß und vielfältig reicht von Wim Wenders bis zu Jim Jarmusch, von Richard Linklater bis Aki Kaurismäki und auch die verstorbenen Rainer Werner Wernder Fassbinder und Alain Resnais waren fasziniert vom Werk des Japaners.

Als sein legitimer Erbe und Nachfolger kann inzwischen aber sein Landsmann Hirokazu Kore-eda gelten, der mit seinen unaufgeregten, sich ganz auf das Alltägliche konzentrierenden Familiengeschichten von «Nobody Knows» über «Still Walking» bis zu «Our Little Sister» und «After the Storm» sich ganz in die Tradition des Meisters stellt – und freilich selbst längst zu den Meistern des zeitgenössischen Kinos zählt.

Literatur: Norbert Grob, Yasujiro Ozu, in: Filmregisseure, Reclam, Stuttgart, 3. aktual. und erw. Aufl. 2008
Norbert Grob / Hans Helmut Prinzler, Spüren lassen, was leben ist - Yasujiro Ozu, in: Kino des Minimalismus, Ventil Verlag, Mainz, 2009

Yasujiro Ozu - «The Depth of Simplicity»

  • Yasujiro Ozu (1903 - 1963)
  • Umarete wa mita keredo... (Ich wurde geboren, aber; 1932)
  • Banshun (Später Frühling; 1949)
  • Ochazuke no aji (Der Geschmack von grünem Tee über Reis; 1952)
  • Tokyo monogatari (Die Reise nach Tokyo; 1953)
  • Akibiyori (Spätherbst; 1960)
  • Sanma no aji (Ein Herbstnachmittag; 1962)

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